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Gazastreifen Letzte Fragen

Ein junger Mann wird in Gaza durch eine israelische Rakete gezielt getötet. Für die Palästinenser war er ein Journalist. Für die Israelis ein Terrorist. Wer war Mohammed Abu Eisha wirklich?

© Privat Vergrößern Ein intelligenter junger Mann: Mohammed Abu Eisha

Am Tag, als Ban Ki-Moon vor den UN-Sicherheitsrat tritt, um den Tod eines Terroristen zu betrauern, kleidet man Mohammed Abu Eisha aus Gaza in sein letztes Gewand. Es ist eine schwarze Flagge, die sie über ihn legen, mit gelben, geschwungenen Buchstaben darauf. Auch auf seine Stirn, knapp über die halb geschlossenen Augen, legen sie Schwarz.

Achtzig Kilometer entfernt, in Tel Aviv, sitzt zur gleichen Zeit der UN-Generalsekretär vor einer kleinen Videokamera. Man hat die blaue UN-Fahne hinter ihn gehängt, die Welt darauf liegt in Falten. An die Botschafter nach New York wird übertragen, was Ban Ki-Moon zu sagen hat, über den Krieg in Gaza und den Waffenstillstand. Er verurteile den Tod von drei Journalisten im Gazastreifen, sagt er.

Eine Sprecherin der israelischen Armee dagegen sagt, die Journalisten seien Terroristen gewesen, und beruft sich dabei auf Informationen der Geheimdienste - gibt aber nicht preis, welche.

Einer der Toten heißt Mohammed Abu Eisha. An seiner Geschichte kann man erzählen, warum die Opfer der einen die Täter der anderen sind.

Acht Tage, 170 Tote

Ban Ki-Moon weiß vom Angriff auf die Journalisten, weil die Vereinten Nationen die Toten in Gaza zählen. Sie stützen sich dabei auch auf die Angaben des PCHR, des „Palästinensischen Zentrums für Menschenrechte“, in Gaza-Stadt. Mehr als fünfzig Menschen arbeiten für das PCHR, nach jedem Raketenangriff versuchen sie herauszufinden, wer die Toten und Verletzten dieses Krieges waren - Kämpfer, die zu Recht von der israelischen Armee getötet wurden, oder Zivilisten, die niemals hätten bombardiert werden dürfen.

Dieser Krieg kostete in nur acht Tagen im November auf beiden Seiten mehr als 170 Menschen das Leben. Mehr als die Hälfte der Opfer in Gaza seien Zivilisten gewesen, heißt es beim PCHR. Die Mehrheit der Opfer in Gaza seien Terroristen gewesen, sagt die israelische Armee.

Das Verhältnis zwischen toten Zivilisten und toten Kämpfern ist kein bloßes Zahlenspiel; ob ein Krieg als Massaker gilt oder als gerecht, hängt von diesem Verhältnis ab, weil dahinter die Frage steht, ob es, wenn es schon Menschen treffen musste, keine unbeteiligten getroffen hat.

Ein intelligenter junger Mann

Als Mohammed Abu Eisha am Tag seines Todes das Abendgebet beendet hat, tritt er aus der Al-Bukhari-Moschee. Er trägt einen sauber rasierten, üppigen Bart, das Mehr an Kinnhaar fehlt ihm oben auf dem Scheitel. 24 Jahre ist er alt, ein intelligenter junger Mann aus Gaza, seit acht Wochen verheiratet mit einer Gazanerin, gemeinsam erwarten sie ein Kind.

22750171 © Privat Vergrößern Ein Journalist: Mohammed Abu Eisha

Sein Studium in Mediendesign hat er mit Bravour abgeschlossen. Es war sein Traumberuf, wird sein Vater bei der Trauerfeier sagen: als Journalist, mit Kamera und Mikrofon, die Welt beschreiben, damit die Leute sie anders wahrnehmen. Vor kurzem hat man ihn zum Leiter des al-Quds-Radios ernannt, zuständig für das Erziehungsprogramm. Er will Kindern Hauswirtschaft und Geographie näherbringen, Arabisch und den Islam. Er ist jetzt Chef, die zivile Zukunft sieht gut für ihn aus. Aber die Gegenwart ist nicht zivil.

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Veröffentlicht: 18.01.2013, 10:44 Uhr

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Von Stefan Schulz

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