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Gaza Gegossenes Blei

29.12.2008 ·  Nach dem israelischen Luftangriff auf Gaza spricht die Hamas von einem „Vernichtungskrieg“ und beansprucht die nationale Opfermythologie der Palästinenser für sich. Die Israelis verniedlichen die Militäroperation mit einem Codenamen, der aus einem Kinderlied stammt.

Von Joseph Croitoru
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In einer Broschüre des israelischen Militärs, die kurz vor den jüngsten israelischen Luftangriffen auf Gaza von der „Kommandozentrale für die Etappe“ an die Bevölkerung im Süden des Landes ausgegeben wurde, ist das israelische Gebiet um den Gazastreifen in mehrere farbige Abschnitte unterteilt. Ein grüner Streifen markiert eine Entfernung von zehn, ein hellblauer von zwanzig und ein violetter von dreißig Kilometern. In letzterem liegt die israelische Stadt Aschdod, deren südliche Peripherie gestern erstmals von Kassem-Raketen der Hamas getroffen wurde.

Nach den Entfernungszonen richten sich die Verhaltensvorschriften bei palästinensischen Raketenangriffen: In Zone eins soll man sich nach dem ersten Alarmsignal so weit in die Nähe eines „geschützten Raums“ begeben, dass man nicht länger als fünfzehn Sekunden braucht, um diesen im Angriffsfall zu erreichen. In den beiden anderen Zonen vergrößert sich diese Zeitspanne auf dreißig beziehungsweise fünfundvierzig Sekunden. So viel Zeit ließ die israelische Luftwaffe den Palästinensern nicht.

Das „große Massaker“

Die Ostjerusalemer Zeitung „Al-Quds“ zeigt auf ihrer Titelseite über zwanzig Hamas-Polizisten, deren Leichname fast wie eine geschlossene Gruppe vor ihrem Reviergebäude liegen. Hier waren die israelischen Piloten offenbar angehalten, möglichst viele Opfer zu treffen. Dementsprechend spricht man in „Al-Quds“ von einem „großen Massaker“. Nicht nur dort, dem Terminus begegnet man allenthalben in den arabischen Medien. Doch die Hamas ist bereits einen Schritt weiter: Sie bezeichnet das Vorgehen Israels auf ihrer Internetseite als einen „Vernichtungskrieg“ und seine Folgen als ein neues „Dir Jassin-Massaker“. Mit dem Bezug auf dieses Schlüsselereignis palästinensischen Leides vom April 1948 macht die Hamas deutlich, dass sie nicht nur die nationale Führung, sondern längst auch die nationale Opfermythologie der Palästinenser für sich beansprucht.

Damit soll wohl auch kaschiert werden, dass ihr eigener politischer Erfolg auf Blutvergießen und einem daraus abgeleiteten exzessiven Märtyrerkult gründet. National umgewertet wird das palästinensische Leid auch in den israelischen Medien, die zwar die Zahl der Opfer nicht verschweigen, aber die Angriffe inzwischen mit dem vom Militär vorgegebenen Operationscode „Gegossenes Blei“ umschreiben – und verniedlichen: Besagter Begriff (hebräisch: oferet yetzuka) ruft bei Israelis unweigerlich ein heiteres Kinderlied ins Gedächtnis, das am derzeit begangenen Chanukka-Fest gesungen wird. Chanukka erinnert an den Sieg der Makkabäer über die Griechen, und das Lied handelt von dem „Kreisel aus gegossenem Blei“, mit dem jüdische Kinder an Chanukka spielen. In den Kreisel – aus gesundheitlichen Gründen längst aus Plastik – sind vier hebräische Buchstaben eingraviert. Sie bilden das Akronym für den Siegesspruch: „Hier hat ein großes Wunder stattgefunden.“

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