27.06.2011 · Evolution des gesellschaftlichen Bewusstseins: Der Bundesstaat New York, in dem die moderne Schwulenbewegung geboren wurde, legalisiert endlich die gleichgeschlechtliche Ehe
Von Jordan Mejias, New YorkStadt und Staat New York sind nicht selten unterschiedlicher Meinung. Viel zu tief ist, was Lebenserfahrung und Weltbild angeht, die Kluft zwischen dem ländlichen Norden und dem Prototyp einer Metropole. In den vergangenen Jahren hat sich das nirgendwo deutlicher abgezeichnet als im Streit um die Homoehe. Ausgerechnet die Stadt, in der die moderne Schwulenbewegung geboren wurde, als im Jahr 1969 eine Kneipe in der Christopher Street über Nacht in einen gesellschaftlichen Kampfplatz verwandelt wurde und sich dort eine entrechtete, pauschal kriminalisierte Minderheit gegen die Staatsgewalt auflehnte, geriet bei der Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe immer mehr ins Hintertreffen.
Fünf Bundesstaaten sowie der District of Columbia, also die Stadt Washington, hatten die Gleichberechtigung ihrer homosexuellen Bürger durchgesetzt, indem sie ihnen das Recht zugestanden, nicht nur eine „civil union“ oder „domestic partnership“, sondern eine „marriage“ einzugehen. Schwule New Yorker aber waren gezwungen, nach Massachusetts, Vermont, New Hampshire, Connecticut oder gar Iowa zu reisen, um sich mit vollen standesamtlichen Würden und Folgen trauen zu lassen. Die Stadt musste das als Niederlage und Demütigung empfinden.
Cuomo und Bloomberg als Galionsfiguren
Es war darum nicht gerade überraschend, dass sich Bürgermeister Michael R. Bloomberg im neuesten Anlauf, die Homoehe zu legalisieren, an die Spitze der Befürworter setzte. Dennoch war niemand auf die emotionale Wucht vorbereitet, mit der Bloomberg, als Politiker sonst so kühl berechnend wie als Geschäftsmann, sich für die Sache einsetzte. Er erklärte, eine „Fast-Gleichheit“ für schwule Paare sei „keine Gleichheit“ und darum unvereinbar mit der langen Geschichte des Staates New York, die geprägt sei von Freiheit und Toleranz. Ihre Verweigerung und ihr Zögern, warnte er seine Freunde aus der republikanischen Partei, werde die Nachwelt nicht freundlicher beurteilen als die Rechtfertigungen, die sich einst die Verteidiger der Sklaverei und die Gegner der Frauenemanzipation zurechtgelegt hatten.
Bloomberg war damit der ideale Partner für Andrew M. Cuomo, den neuen Gouverneur von New York, der im Wahlkampf versprochen hatte, sich für die Legalisierung der Homoehe einzusetzen, und sein Versprechen gleich in seinem ersten Amtsjahr wahrzumachen suchte, unter Aufbietung aller persönlichen und institutionellen Kräfte. Mit Bloomberg und dem außerordentlich populären Cuomo als Galionsfiguren war bald eine Koalition versammelt, wie sie in dieser Potenz, Variationsbreite und strategischen Zielsicherheit selten zustande kommt, zumal angesichts einer derart polarisierenden Unternehmung. Von der Wall Street bis zur Madison Avenue warfen die Chefs der bedeutendsten Finanzhäuser und Konzerne, unter ihnen Superschwergewichtler wie Llyod C. Blankfein, Ronald O. Perelman und Mortimer B. Zuckerman, Prestige und Geld in die Waagschale und priesen die Homoehe als Köder, mit dem die „besten und hellsten Köpfe“ in ihre Firmenzentralen nach New York zu locken seien. Stars aus Film, Fernsehen und den Sportarenen Amerikas drängten sich in einer Medienkampagne, für die schnell Dollarbeträge in Millionenhöhen zur Verfügung standen.
Kampf um Bürgerrechte
Die Gegenseite war im Vergleich bescheiden ausgestattet. Auf ihr formierten sich nach vertrautem Ritual vor allem fundamentalistische Christen, orthodoxe und ultraorthodoxe Rabbis sowie die katholische Kirche. Die radikalsten Töne schlug Timothy Dolan an, Erzbischof von New York. Nicht in Albany, der Hauptstadt des Bundesstaats New York, sondern von Gott selbst werde festgelegt, was unter einer Ehe zu verstehen sei. Allein das war als Argument, das der in der Verfassung verankerten Trennung von Staat und Kirche keinerlei Bedeutung zumisst, schon anfechtbar. Aber die Zeit der Debatten ist ohnehin vorbei. Im Für und Wider tauchen seit langem keine neuen Argumente mehr auf. Wer jetzt noch gegen die Homoehe Naturrecht und christliche Tradition ins Spiel bringt, obwohl auch die Bibel nicht auf monogame Fundamente gebaut ist, wird sich immer weigern, das Gefecht um die Homoehe als Teil des großen jahrhundertealten Kampfes um Bürgerrechte zu verstehen, wie sie einst bei der Gleichstellung der Frau und von Amerikas Schwarzen zu erkämpfen waren.
Änderte sich auch im Zusammenprall der Argumente nichts, war ihr finanzielles Umfeld dagegen kaum mehr wiederzuerkennen. Amerikas mächtigste Wirtschaftsführer, gemeinhin der republikanischen Partei zugeneigt, ließen deren ideologische Gewissheiten fahren und zeigten sich finanziell dort freigebig, wo sie glaubten, wirtschaftliche Vorteile zu erkennen, nämlich in einer Atmosphäre, die keine unterschiedliche Behandlung von hetero- oder homosexuellen Angestellten zulässt. Beispielhaft ist es sicher nicht, eine moralische Entscheidung wirtschaftlich zu begründen, zumal wenn es auch anders gegangen wäre. Denn 58 Prozent aller New Yorker sprechen sich inzwischen für die Homoehe aus, in der jungen Generation ist der Anteil noch höher. Im nationalen Rahmen ist die gleiche Tendenz zu beobachten.
Die letzte Hürde, die im Bundesstaat New York zu nehmen war, stellte der Senat dar, der in seiner Zusammensetzung, ganz wie sein Pendant in Washington, konservativer ist als die Bevölkerung. Ohne mindestens drei republikanische Senatoren war die Homoehe in New York nicht durchzusetzen. Erst als religiösen Organisationen ausdrücklich zugesichert wurde, die gleichgeschlechtliche Ehe und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen nicht berücksichtigen zu müssen, war der wahrhaft historische Augenblick gekommen. Von dreißig Demokraten stimmten 29 für die Homoehe, von 32 Republikanern vier. Und das zwei Tage vor dem „Gay Pride Day“, dem New Yorker Volksfest, das längst nicht mehr nur die Schwulen auf die Straße bringt. Als bevölkerungsreichster amerikanischer Staat, in dem „Marriage Equality“ nun verwirklicht ist, kann New York wieder bundesweit die Vorreiterrolle übernehmen, im chaotischen Forum der Öffentlichkeit und vor Gericht. Bürgermeister Bloomberg übertrieb nicht, als er von einem „historischen Triumph für Gleichheit und Freiheit“ sprach.
Blockade auf Bundesebene
Die Gleichheit vor dem Gesetz, die eben auch, wie einer der abtrünnigen republikanischen Senatoren bekräftigte, die Ehe mit einschließt, gab in der Senatsabstimmung den Ausschlag. Zudem spiegelt sich auch darin der Generationenwechsel. Senator Greg Ball, lange Zeit schwankend, am Ende aber einer der Neinsager, suchte zwischendurch über seine Twitterseite zu erfahren, wie er sich entscheiden sollte. Während Anrufe und Briefe, die in seinem Büro eingingen, sich im Verhältnis 60 zu 40 gegen die Homoehe aussprachen, waren die jüngeren Wähler, die ihn über Twitter erreichten, in überwältigender Anzahl dafür.
Dieser demographisch begründete Wandel in der Einstellung gegenüber der Homosexualität und der Homoehe hat sich in jüngster Zeit dramatisch beschleunigt. Noch im Jahr 1969 waren Polizeirazzien in Bars wie dem Stonewall Inn auf der Christopher Street gang und gäbe. Noch 1974 versicherte der unfehlbare Fernseharzt Dr. Marcus Welby einem Patienten, dessen homosexuelle Neigungen seien mit etwas Übung unter Kontrolle zu bringen und er könne sodann einem Leben in herrlicher Normalität entgegensehen. Noch 1986 fand sich beim Verfassungsgericht eine Mehrheit, die Bürgern, die bei homosexuellen Handlungen beobachtet wurden, jedes Recht auf Schutz der Privatsphäre absprach. Noch 2003 warnte der Supreme Court davor, in seinem Widerruf der notorischen Entscheidung von 1986 einen Freibrief für die Homoehe zu erkennen.
Trotz der unübersehbaren Fortschrittsdynamik hinken bis heute Politik und Justiz der Evolution des gesellschaftlichen Bewusstseins hinter. Die Geschwindigkeit, mit der sie sich vollzieht, ist auch im Vergleich mit vorhergehenden Bürgerrechtsbewegungen wie denen der Frauen und Schwarzen nichts weniger als atemberaubend. Ein ganz anderes Zeitempfinden ist freilich den Frauen und Männern zuzugestehen, die heiraten wollten, aber bisher nicht durften. Rasant, wie der Wandel ist, schleppt er sich doch in ihrem Leben dahin. Von einer rechtlichen Gleichstellung kann weiterhin keine Rede sein. Auf Bundesebene ist die Homoehe nicht anerkannt, ja durch den infamen „Defense of Marriage Act“ gesetzlich verboten. Präsident Obama hat angekündigt, Änderung zu schaffen, auch wenn er sich noch nicht dazu entschließen kann, die Gleichstellung, die er ohne Abstriche für schwule Paare fordert, als „marriage“ zu bezeichnen. Der Kongress indes geniert sich nicht, ein antiquarisches Zweiklassenrecht beizubehalten. Das vielleicht letzte Wort muss von den neun Oberrichtern kommen, irgendwann in den nächsten Jahren. Bald also und noch lange nicht.