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Veröffentlicht: 19.03.2012, 07:18 Uhr

Gaucks erste Rede Freiheit als Ermutigung

Joachim Gauck hat angedeutet, was sich ändern wird: Er verweigert sich dem Stil des Beschwichtigens und zeigt offenkundige Freude an der Politik.

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© dpa Es war eine Präsidentenrede, wie wir sie nicht mehr gewohnt sind

Was für ein schöner Sonntag! - Joachim Gaucks erster Satz als Bundespräsident. Jorge Semprun hat einem seiner frühen Romane diesen Titel gegeben. Er handelt von der Unfreiheit und vom Traum der Freiheit, von den Sonntagen im Konzentrationslager Buchenwald, aber auch vom Mythos des neuen Menschen, der das mörderische Gulag-System des Sowjetkommunismus hervorbrachte. Koordinaten für Sempruns Leben, aber auch des Lebens von Joachim Gauck. Er hat diesen Titel nur aufgenommen, nicht kommentiert, seine intensive Beschreibung des 18. März vor zweiundzwanzig Jahren, als Millionen Ostdeutsche wie er zum Bürger wurden durch freie Wahl, ist aber durchaus eine vom glücklichen Ende dieser Semprunschen Reflexionen.

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Es war eine Präsidentenrede, wie wir sie nicht mehr gewohnt sind. Sie erinnerte uns daran, dass man nicht als Bürger geboren wird, sondern einer werden muss, und durchaus auch: Dass es eine lohnende Anstrengung kostet, Bürger zu sein. Mit einem einzigen Satz vermag Gauck den ungeheuren Aufbruch von 1989 zu beschreiben: Es war nicht nur ein Aufbruch nach Jahrzehnten der Unfreiheit, sondern es war auch die Rückkehr nach Europa für alle, die das Kriegsende hinter den Eisernen Vorhang verbannte und nicht zuerst von überbordendem Konsum, sondern vor allem vom Grundsätzlichen, von der Freiheit ausschloss. Für Joachim Gauck ist die Freiheit so etwas wie der genetische Code der Demokratie.

Selbstreflexion statt erstarrter Rede

In seiner kurzen, mitreißenden Rede spricht er darum vor allem von ihr, vom Glück der Mitwirkung, die nur in der Freiheit möglich wird, und von der Verantwortung des Bürgers, sie auch wahrzunehmen, wovon auch sonst. Er hat sich nicht auf das pharisäerhafte Gerede eifernder Kritiker eingelassen, die ihm in den letzten Wochen zuerst einen konstruierten Widerspruch einzureden versuchten, wonach sein Freiheitsbegriff soziale Ungerechtigkeit hinnehme und vermeintlich wichtigere Werte ignoriere, um ihn dann darum zu demontieren. Seine gelassene Kühnheit, darüber hinwegzugehen, verdankt sich seinem anderen, von vielen schon vergessenen Anspruch an Politik. Joachim Gauck will niemandes Argwohn beschwichtigen und zählt darum auch nicht demütig auf, was seine Vision selbstverständlich einschließt - das darf nach seinem Verständnis von Mündigkeit jeder selbst erkennen oder eben nicht.

Denn wer sich dieser Selbstreflexion verweigert, nimmt hin, dass die politische Rede und das, was daraus folgen soll, in Stereotypen erstarrt. Diese zu wiederholen ist ein Leichtes, nur dass auf diesem Wege jeder Konflikt, der die Gesellschaft erschüttert oder verunsichert, mit einem faulen Konsens begraben wird. Wenn Joachim Gauck, der Bürgerpräsident, uns immer wieder seinen kategorischen Imperativ von der eigenen, der bewussten Freiheit um die Ohren haut, ignoriert er auch die hierzulande verbreitete Pathosallergie. Wir werden uns daran gewöhnen dürfen.

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Mit seinem Schlusswort, Deutschland müsse so sein, dass auch jene, die im Abseits stehen, die sich als missachtete oder kaum beachtete Minderheit fühlen, „dass auch sie zu diesem Land ,unser Land’ sagen können“ - benennt er den hohen Maßstab für das Recht aller, mündige Bürger zu sein. Das ist eine Ermutigung für viele, keine demütige Konzession an seine Kritiker, die Ausgeschlossene allzu oft als ihre Mündel ansehen, denen Gutes zu tun sie als ihr Recht ansehen, und sei es um den Preis, zaghafte Selbstermächtigung im Keime zu ersticken.

Eine notwendige Provokation

Will man aus den wenigen Worten dieser ersten Rede des Bundespräsidenten schon Schlüsse auf den Stil seiner Amtsführung ziehen, dann dürfte es ein Stil werden, der sich dem Einerseits-Andererseits, der beschwichtigenden Nennung aller Werte verweigert. Nicht zuletzt die offenkundige Freude, mit der Joachim Gauck dieses Amt antritt, seine Freude an Politik, ist vielversprechend.

Es war ein guter Sonntag für unser Land, als Joachim Gauck Bundespräsident wurde. So wie es gut war, dass nicht nur eine Handvoll gegen ihn stimmte, sonst wäre Misstrauen angebracht. Wir brauchen diese Provokation, darüber zu streiten, was das vermeintlich Selbstverständliche, in Freiheit zu leben, gefährden könnte.

Quelle: F.A.Z.

 

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