Home
http://www.faz.net/-gqz-6yjc2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Deutsches Weininstitut

Gaucks erste Rede Freiheit als Ermutigung

Joachim Gauck hat angedeutet, was sich ändern wird: Er verweigert sich dem Stil des Beschwichtigens und zeigt offenkundige Freude an der Politik.

© dpa Vergrößern Es war eine Präsidentenrede, wie wir sie nicht mehr gewohnt sind

Was für ein schöner Sonntag! - Joachim Gaucks erster Satz als Bundespräsident. Jorge Semprun hat einem seiner frühen Romane diesen Titel gegeben. Er handelt von der Unfreiheit und vom Traum der Freiheit, von den Sonntagen im Konzentrationslager Buchenwald, aber auch vom Mythos des neuen Menschen, der das mörderische Gulag-System des Sowjetkommunismus hervorbrachte. Koordinaten für Sempruns Leben, aber auch des Lebens von Joachim Gauck. Er hat diesen Titel nur aufgenommen, nicht kommentiert, seine intensive Beschreibung des 18. März vor zweiundzwanzig Jahren, als Millionen Ostdeutsche wie er zum Bürger wurden durch freie Wahl, ist aber durchaus eine vom glücklichen Ende dieser Semprunschen Reflexionen.

Regina Mönch Folgen:    

Es war eine Präsidentenrede, wie wir sie nicht mehr gewohnt sind. Sie erinnerte uns daran, dass man nicht als Bürger geboren wird, sondern einer werden muss, und durchaus auch: Dass es eine lohnende Anstrengung kostet, Bürger zu sein. Mit einem einzigen Satz vermag Gauck den ungeheuren Aufbruch von 1989 zu beschreiben: Es war nicht nur ein Aufbruch nach Jahrzehnten der Unfreiheit, sondern es war auch die Rückkehr nach Europa für alle, die das Kriegsende hinter den Eisernen Vorhang verbannte und nicht zuerst von überbordendem Konsum, sondern vor allem vom Grundsätzlichen, von der Freiheit ausschloss. Für Joachim Gauck ist die Freiheit so etwas wie der genetische Code der Demokratie.

Selbstreflexion statt erstarrter Rede

In seiner kurzen, mitreißenden Rede spricht er darum vor allem von ihr, vom Glück der Mitwirkung, die nur in der Freiheit möglich wird, und von der Verantwortung des Bürgers, sie auch wahrzunehmen, wovon auch sonst. Er hat sich nicht auf das pharisäerhafte Gerede eifernder Kritiker eingelassen, die ihm in den letzten Wochen zuerst einen konstruierten Widerspruch einzureden versuchten, wonach sein Freiheitsbegriff soziale Ungerechtigkeit hinnehme und vermeintlich wichtigere Werte ignoriere, um ihn dann darum zu demontieren. Seine gelassene Kühnheit, darüber hinwegzugehen, verdankt sich seinem anderen, von vielen schon vergessenen Anspruch an Politik. Joachim Gauck will niemandes Argwohn beschwichtigen und zählt darum auch nicht demütig auf, was seine Vision selbstverständlich einschließt - das darf nach seinem Verständnis von Mündigkeit jeder selbst erkennen oder eben nicht.

Denn wer sich dieser Selbstreflexion verweigert, nimmt hin, dass die politische Rede und das, was daraus folgen soll, in Stereotypen erstarrt. Diese zu wiederholen ist ein Leichtes, nur dass auf diesem Wege jeder Konflikt, der die Gesellschaft erschüttert oder verunsichert, mit einem faulen Konsens begraben wird. Wenn Joachim Gauck, der Bürgerpräsident, uns immer wieder seinen kategorischen Imperativ von der eigenen, der bewussten Freiheit um die Ohren haut, ignoriert er auch die hierzulande verbreitete Pathosallergie. Wir werden uns daran gewöhnen dürfen.

Mehr zum Thema

Mit seinem Schlusswort, Deutschland müsse so sein, dass auch jene, die im Abseits stehen, die sich als missachtete oder kaum beachtete Minderheit fühlen, „dass auch sie zu diesem Land ,unser Land’ sagen können“ - benennt er den hohen Maßstab für das Recht aller, mündige Bürger zu sein. Das ist eine Ermutigung für viele, keine demütige Konzession an seine Kritiker, die Ausgeschlossene allzu oft als ihre Mündel ansehen, denen Gutes zu tun sie als ihr Recht ansehen, und sei es um den Preis, zaghafte Selbstermächtigung im Keime zu ersticken.

Eine notwendige Provokation

Will man aus den wenigen Worten dieser ersten Rede des Bundespräsidenten schon Schlüsse auf den Stil seiner Amtsführung ziehen, dann dürfte es ein Stil werden, der sich dem Einerseits-Andererseits, der beschwichtigenden Nennung aller Werte verweigert. Nicht zuletzt die offenkundige Freude, mit der Joachim Gauck dieses Amt antritt, seine Freude an Politik, ist vielversprechend.

Es war ein guter Sonntag für unser Land, als Joachim Gauck Bundespräsident wurde. So wie es gut war, dass nicht nur eine Handvoll gegen ihn stimmte, sonst wäre Misstrauen angebracht. Wir brauchen diese Provokation, darüber zu streiten, was das vermeintlich Selbstverständliche, in Freiheit zu leben, gefährden könnte.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Debatte über Protest-Märsche Gauck: Pegida nicht so viel Beachtung schenken

Bundespräsident Joachim Gauck spricht sich bei dem Besuch eines Flüchtlingshilfevereins in Magdeburg dafür aus, fremdenfeindlichen Chaoten und Strömungen, die wenig hilfreich sind, nicht so viel Beachtung zu schenken. Ähnlich äußert sich der Kölner Kardinal Woelki. Mehr

12.12.2014, 12:46 Uhr | Politik
Bundespräsident ist jetzt auch Wachsfigur

Etwa sechs Monate wurde an der Figur von Joachim Gauck gearbeitet, viel Handarbeit und Mühe wurden aufgewendet. Das Wachsfigurenkabinett wollte den Bundespräsidenten ehren, wegen seines Engagements in vielerlei Bereichen. Mehr

23.09.2014, 16:34 Uhr | Gesellschaft
Verständnis für Pegida? Triumph des Ressentiments

Deutsche Politiker nehmen Mitläufer der Demonstration in Dresden in Schutz: Das seien verunsicherte Bürger, auch diffuse Ängste müsse man ernst nehmen. Warum man Pegida dennoch pauschal verurteilen darf. Mehr Von Christian Geyer

18.12.2014, 10:36 Uhr | Feuilleton
Das ging daneben Tschechische Demonstranten bewerfen Gauck mit Eiern

Bundespräsident Joachim Gauck ist bei seinem Besuch in Prag mit Eiern beworfen worden. Dabei sollte eigentlich jemand ganz anderes getroffen werden. Mehr

18.11.2014, 11:38 Uhr | Politik
Pegida und die Innenminister Wer demaskiert hier wen?

Wenn stammtischhafte Beschreibungen einer mit Sorge wahrgenommenen Wirklichkeit als extremistisches Fehlverhalten demaskiert werden sollen, dann ist das anmaßend, arrogant, obrigkeitsstaatlich und demaskiert sich selbst. Ein Kommentar. Mehr Von Jasper von Altenbockum

13.12.2014, 11:07 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.03.2012, 07:18 Uhr

Uli Hoeneß macht einen fatalen Spielzug

Von Jochen Hieber

Für „hervorragende Verdienste“ um den Freistaat und das Volk wird der Bayerische Verdienstorden verliehen. Uli Hoeneß erhielt ihn 2002. Jetzt schickt er ihn zurück. Das zeugt von wenig Sachkenntnis und ist symbolisch fatal. Mehr 45 73