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Gastbeitrag Der Irrtum

13.02.2004 ·  Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ernst-Ludwig Winnacker, warnt in einem Gastbeitrag für die F.A.Z. vor den Gefahren des therapeutischen Klonens.

Von Ernst-Ludwig Winnacker, Bonn
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Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Das therapeutische Klonen ist in Deutschland und in vielen anderen Ländern verboten.

Und nun zur Sache: Ich halte das "therapeutische" Klonen für einen Irrweg. Die Arbeit der koreanischen Arbeitsgruppe hat an dieser Meinung nichts geändert. Seit "Dolly" wissen wir, daß es möglich ist, einen Zellkern aus einer ausgewachsenen Zelle in eine von ihrem eigenen Zellkern befreite Eizelle einzubringen und dieses schimärische Gebilde sich zu einem lebenden Schaf auswachsen zu lassen. Der Versuch ist bei vielen anderen Tieren beziehungsweise Nutztieren mehrfach wiederholt worden. Versuche der Art, die zu "Dolly", also zu einem ausgewachsenen Tier führen, werden als reproduktives Klonen bezeichnet. Die Behauptung, auf diese Weise seien schon geklonte Babys erzeugt worden, ist nichts als Scharlatanerie.

Eitel Sonnenschein?

Allerdings wird schon seit längerem vorgeschlagen und im Tierversuch auch praktiziert, schimärische Embryonen nicht in eine Gebärmutter einzupflanzen, sondern im Reagenzglas bis zu einem Stadium von 150 bis 200 Zellen weiterzuzüchten. In diesem frühen Entwicklungsstadium, der Blastozyste, haben sich bereits zwei Zelltypen ausgebildet, eine Zellhülle und eine "innere Zellmasse". Die Zellen der inneren Zellmasse lassen sich isolieren und zu sogenannten embryonalen Stammzellen weiterzüchten. Diese Zellen können im Prinzip in alle denkbaren Zelltypen umgewandelt und dann auch in der Zelltherapie verwendet werden, beispielsweise bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder bei der Zuckerkrankheit. Da man den eigenen Zellkern eingesetzt hat, kommt es auch nicht zu Gewebeunverträglichkeiten, so jedenfalls wird argumentiert.

Die koreanischen Forscher haben hierzu nun den Weg freigemacht, was um so bemerkenswerter ist, als dieser Versuch vorher bei Rhesusaffen mißlang. Also eitel Sonnenschein? Nicht im geringsten. Die Schwierigkeiten liegen in der Natur der Genwirkung. Jede unserer Körperzellen hat die gleiche genetische Zusammensetzung, also die gleiche Anzahl Gene. Dennoch sind die Zellen enorm spezialisiert, die einen transportieren Sauerstoff, die anderen empfangen Lichtreflexe, andere wieder produzieren Milch. Damit das funktioniert, müssen Gene, die gerade nicht gebraucht werden, abgeschaltet werden. Sonst würden in der Leber Haare wachsen oder es würde im Gehirn Muttermilch produziert. Das darf offensichtlich nicht sein. Diese hochspezialisierte Erbinformation muß nun beim Klonen durch Kerntransfer, also in der zellulären Umgebung der entkernten Eizelle, in den toti-potenten Alleskönner-Zustand umgewandelt werden, aus dem nun wieder alle Körperzellen entstehen können. Sonst gäbe es kein intaktes Tier. Dies allerdings ist die Ausnahme und nicht die Regel.

Reprogrammierung war eine Sensation

Der Fall "Dolly" war deshalb eine Sensation, weil man diese Reprogrammierung nicht für möglich gehalten hätte. Seit "Dolly" ist sie möglich, aber um den Preis geringer Ausbeuten und zahlreicher Fehlbildungen. Bei "Dolly" bedurfte es 277 Embryonen, um ein einziges Tier entstehen zu lassen; dazu gab es an die fünfzig Tiere mit Fehlbildungen. Offensichtlich verläuft dieser genetische Rückweg fehlerhaft und unvollständig. Ursache dieser Schwierigkeiten sind permanente chemische und strukturelle Veränderungen im Erbgut, die nur schwer rückgängig zu machen sind. Auch hat die Natur diesen Rückweg nie vorgesehen und daher nie geübt und optimiert. Entwicklungsvorgänge erfolgen immer nur in eine Richtung, vom einzelligen Embryo zum vielzelligen Organismus, niemals umgekehrt. Nun sind die biologischen Anforderungen an das therapeutische Klonen wesentlich geringer als an das reproduktive Klonen.

Hier muß ein ganzes Tier entstehen, dort "nur" ein Embryo im Stadium von 200 Zellen, das er schon nach sieben bis acht Zellteilungen erreicht (1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128 ...). Dennoch muß die Erbinformation in jedem Fall bis zum Embryonalzustand hin zurückprogrammiert werden, also den spezifischen Satz von Genen anzuschalten in der Lage sein, der einen Embryo ausmacht und in dem die in ausgewachsenen Zellen aktiven Gene abgeschaltet sind. Nun sollen aber solche Zellen zur Therapie am Menschen eingesetzt werden. Wer das will, muß sicher sein, daß die Zellen gesund sind, also keine Krebszellen sind, daß sie nicht vorzeitig altern und Fehlfunktionen aufweisen.

Dasselbe Zwischenprodukt

Seit "Dolly" hat die Wissenschaft nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, wie dieser Reprogrammierungsprozeß gesteuert werden könnte. Wer diese Vorgänge verstehen will, müßte zunächst ausgedehnte Kontrollversuche machen, auch am Menschen. Angesichts des gegenwärtigen Standes der Experimente an Tieren halte ich solche Versuche für unvertretbar. Es käme noch vielerlei anderes hinzu. Erstens müßten Linien geklonter embryonaler Stammzellen für jeden Patienten immer neu hergestellt und auf ihre Verwendbarkeit getestet werden. Zweitens ergäbe sich das Problem der Eizellspende. Die hormonelle Behandlung zur Erzeugung menschlicher Eizellen ist mit Risiken verbunden, darunter auch der Unfruchtbarkeit. Ich kann verstehen, daß der Wunsch nach einem eigenen Kind es rechtfertigt, solche Risiken einzugehen. Aber zu Zwecken der Forschung? Drittens haben therapeutisches und reproduktives Klonen dasselbe Zwischenprodukt, so daß mit Versuchen dieser Art der erste Schritt zum reproduktiven Klonen getan ist.

So gibt es zwei Auswege. Zum einen sollte intensiv über die Frage der Reprogrammierung von Genomen weitergearbeitet werden. Dies kann aber nur in tierischen Systemen geschehen und nicht am Menschen, denn am Menschen läßt sich nicht experimentieren. Vom reproduktiven Klonen einmal ganz abgesehen, ließen sich wohl auch Versuche mit durch Kerntransfer hergestellten embryonalen Stammzellen selbst an schwerkranken Patienten nicht rechtfertigen. Zum anderen sollte man die Alternativen nicht aus den Augen verlieren. Das Problem der Differenzierung und Reprogrammierung läßt sich vielleicht am besten an der Metapher des Rangierbahnhofs erläutern. Ein Rangierbahnhof beginnt mit einem einzigen Gleis (Embryo), das sich dann in viele Gleise auffächert. Auf diesen stehen die einzelnen Güterwagen, die nachher zu Güterzügen zusammengestellt werden. Es stellt sich dann die Frage, ob und wie man einen Waggon vom Gleis 251 (Vorläufer eines weißen Blutkörperchens) zum Gleis 69 (Hirnzelle) bringt. Muß man dazu bis auf das Eingangsgleis (Embryonalzustand) zurück, oder gibt es vielleicht Abkürzungen, die den Weg über den totipotenten Zustand vermeiden? Darüber lohnte es sich wirklich zu arbeiten, und dies geschieht auch. Eine andere Alternative wären Stammzellbanken. Einige hundert menschliche embryonale Stammzellen wären vermutlich ausreichend, für einen Großteil der Patienten immunologisch tolerierbare Zellen zu liefern. Solche Linien wären standardisiert, frei von Verunreinigungen und ohne die Belastungen der Reprogrammierung. Derartige Banken sind im Aufbau.

Aber nun wird wohl erst einmal die koreanische Arbeitsgruppe gefeiert. Es wird allerdings nur ein Strohfeuer sein, das wenig mit Wissenschaft, noch weniger mit Therapien, viel mehr aber mit der menschlichen Sucht zu tun hat, der erste zu sein, koste es, was es wolle.

Der Autor ist Genforscher und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2004, Nr. 37 / Seite 33
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