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Gao Xingjian „Unterdrückung existiert immer - auch im Westen“

22.11.2011 ·  Gao Xingjian gewann 2000 den Literaturnobelpreis. Der gebürtige Chinese mit französischen Pass spricht über das Schicksal, Unterdrückung und seinen Drang zur Freiheit.

Von Michael Radunski
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© AFP Gao Xingjian

In Erlangen wurde ein Symposium mit Ihnen als Hauptperson veranstaltet. Der Titel lautete „Freiheit, Schicksal, Vorhersage“. Herr Gao, glauben Sie an Schicksal?

Ich glaube an Schicksal. Aber gleichzeitig auch nicht, weil man sein Schicksal letztendlich nicht ablehnen kann. Man kann das eigene Schicksal nicht vergessen und kann es auch nicht verleumden. Rückblickend kann ich sagen, dass“Unterdrückung existiert immer - auch hier im Weste Gott mir gegenüber doch sehr nett und wohlwollend ist.

Wenn Sie sagen, Gott hat es gut mit Ihnen gemeint, glauben Sie auch, dass Ihr Leben vorgezeichnet ist? Oder hat der Mensch nicht doch einen freien Willen, selbst entscheiden zu können?

In gewisser Weise gilt beides. Man kann aber nicht in Prozentzahlen ausdrücken, welcher der beiden Teile überwiegt. In meinem eigenen Leben habe ich einige Katastrophen und Schicksalsschläge erleben müssen. Einige Male wäre ich beinahe gestorben. Aber ich lebe noch. Und deshalb sage ich: Gott war gut zu mir.

Sie glauben an Gott?

Ich habe keine Religion. Aber ich empfinde mehr und mehr eine Zuneigung gegenüber dem Glauben. Ich habe diese religiösen Gefühle, diese Zuneigung auch in meine Arbeit aufgenommen.
Sie haben von schwierigen Situationen in Ihrem Leben gesprochen.

Hat Ihnen in solch schwierigen Phasen Ihr Glaube geholfen?

Solche Gedanken macht man sich meist nach den Ereignissen. Wenn man etwas Schlimmes erlebt, kommt man nicht dazu, man hat keine Möglichkeit zu reflektieren. Erst danach kann man spüren, dass eine Liebe von Gott da ist und dann entsteht bei mir eine Art Dankbarkeit zu Gott.

Diese Dankbarkeit ist der Schlüssel dazu, meine Trauer und meinen Hass zu beseitigen.
Hass? Gegenüber wem oder was empfinden Sie Hass?

Wenn man Unterdrückung erfährt, hat man automatisch einen Drang, gegen diese Unterdrückung zu kämpfen. Aber langsam merke ich, dass dieser Hass nicht wirkt. Er bringt mir nichts. Durch Hass gerate ich selbst in eine Heillosigkeit, und ich entwickle nur einen noch tieferen Hass.

Unterdrückung haben Sie in China erfahren: Sie durften nicht arbeiten, ihre Bühnenstücke durften nicht aufgeführt, ihre Bücher nicht veröffentlicht werden. Sie flüchteten und ließen ihre Heimat zurück. Fühlen Sie sich immer noch unterdrückt?

Unterdrückung existiert immer, aber natürlich in unterschiedlichen Formen. Heute würde ich eher von Druck von außen sprechen. Auch hier im Westen empfinde ich Unterdrückung und Druck von außen. Aber eines habe ich gelernt: Ich muss mich sofort von dieser Unterdrückung befreien. Ich muss weglaufen.

Weglaufen bis ins Exil?

Exil ist ein wichtiges Stichwort für mich. Exil ist etwas, dass mich mein ganzes Leben lang begleiten wird. Das wird immer so bleiben. Ich lebe ja auch im Exil. Aber dieses Exil muss kein politisches sein. Es ist ein Weggehen, eine Befreiung. Und die beste Lösung, um sich zu befreien, ist, sofort einen neuen Weg, ein neues Thema zu finden für meine Kreativität.

Künstlerische Kreativität gibt es nicht ohne Freiheit. Was, Herr Gao, verstehen Sie unter Freiheit?

Der Begriff Freiheit umfasst viele Bereiche: Flucht auf politischer Ebene, das ist Flucht vor politischer Unterdrückung. Dann gibt es die Flucht vor ideologischer Unterdrückung, Flucht vor dem Markt, Flucht vor Problemen und Schwierigkeiten, Flucht vor falschen Ansichten.

Sie sprechen immer wieder von Flucht, von Weglaufen. So wie ich Sie verstehe – und das wird auch in Ihren Werken sehr deutlich – ist Freiheit für Sie ein ausschließlich persönliches Phänomen. Aber beinhaltet Freiheit nicht auch Verantwortung, dem Widerpart zum Weglaufen?

Ich spreche von Weglaufen, richtig. Aber ich laufe weg, um meine Freiheit zu gewinnen. Und man fragt sich natürlich, wofür ist diese Freiheit gut? Freiheit ist für mich ein Ziel, dieses Ziel findet sich selbst in der Freiheit. Freiheit ist nie ein abstrakter Begriff. Freiheit ist immer konkret. Man muss sich dabei aber immer fragen, wofür habe ich diese Freiheit. Freiheit für mein kreatives Denken, mein kreatives Arbeiten und Schaffen, Freiheit, um frei zu leben, Freiheit, zu denken, Freiheit, eine eigene Meinung zu haben und schließlich auch Freiheit, meine Meinung dann öffentlich äußern zu können. Deshalb: Freiheit an sich ist kein Ziel. Freiheit ist immer eng mit einem konkreten Wunsch verbunden. Sicherlich beinhaltet Freiheit auch Verantwortung. Aber diese Verantwortung ist nicht primär für die Welt, sondern Freiheit ist in erster Linie Verantwortung für sich selbst.

Wenn man sich mit Chinesen unterhält, erzählen viele davon, wie sehr sich ihr Leben in den vergangenen Jahren verbessert habe, dass sie ein Stück neuer Freiheit erführen. Herr Gao, sind Sie enttäuscht oder vielleicht sogar verärgert, wenn Sie sehen, dass die meisten Chinesen ihre neue Freiheit vorwiegend zum Geldverdienen nutzen?

Es stimmt, dass man in China inzwischen mehr Freiheit hat, zum Beispiel die Freiheit zu reisen. Das wäre früher nicht denkbar gewesen – aus politischen und ökonomischen Gründen. Auf dieser Ebene kann man wirklich sagen, dass im Vergleich zur Zeit Mao Zedongs die Chinesen heute tatsächlich mehr Freiheit genießen. Aber das ist eine ganz niedrige Ebene von Freiheit. Es gibt viel höhere, zum Beispiel die Freiheit, seine Meinung über bestimmte Themen sagen zu können. Noch höher ist die gedankliche Freiheit einzuschätzen. Ganz wichtig dabei ist, dass man das Bewusstsein hat zu sagen, ich brauche diese Freiheit. Diese Freiheit ist unabdingbar für mich.

Es scheint immer wieder zu Missverständnissen zwischen China und dem Westen zu kommen. Es heißt, China verstehe den Westen nicht und der Westen verstehe China nicht. In diesem Zusammenhang fällt häufig das Wort Demokratie. Ist Demokratie für China denkbar?

In einem kurzen Interview ist es eigentlich unmöglich über die Zukunft von China zu sprechen. Ich lebe mittlerweile schon seit vielen Jahren im Westen. Ich habe vor 24 Jahren China verlassen. In all den Jahren war es mir nicht möglich, und ich habe auch nicht den Wunsch, nach China zurückzukehren. Man kann sagen, ich interessiere mich nicht mehr für China. Ich interessiere mich eigentlich vorwiegend für den Westen, weil ich in Europa lebe. Deshalb mache ich mir viel mehr Gedanken über Europa. Über China weiß ich mittlerweile zu wenig, um ihre Frage, ob man Demokratie dort schaffen kann, beantworten zu können. Aus meiner Zeit in China kann ich sagen, dass der Weg für China hin zu einer Demokratie, wie man sie im Westen kennt, noch sehr, sehr lang ist.

Die Fragen an den Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian stellte Michael Radunski.

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