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Gao Xingjian : „Unterdrückung existiert immer - auch im Westen“

  • -Aktualisiert am

Gao Xingjian Bild: AFP

Gao Xingjian gewann 2000 den Literaturnobelpreis. Der gebürtige Chinese mit französischen Pass spricht über das Schicksal, Unterdrückung und seinen Drang zur Freiheit.

          In Erlangen wurde ein Symposium mit Ihnen als Hauptperson veranstaltet. Der Titel lautete „Freiheit, Schicksal, Vorhersage“. Herr Gao, glauben Sie an Schicksal?

          Ich glaube an Schicksal. Aber gleichzeitig auch nicht, weil man sein Schicksal letztendlich nicht ablehnen kann. Man kann das eigene Schicksal nicht vergessen und kann es auch nicht verleumden. Rückblickend kann ich sagen, dass“Unterdrückung existiert immer - auch hier im Weste Gott mir gegenüber doch sehr nett und wohlwollend ist.

          Wenn Sie sagen, Gott hat es gut mit Ihnen gemeint, glauben Sie auch, dass Ihr Leben vorgezeichnet ist? Oder hat der Mensch nicht doch einen freien Willen, selbst entscheiden zu können?

          In gewisser Weise gilt beides. Man kann aber nicht in Prozentzahlen ausdrücken, welcher der beiden Teile überwiegt. In meinem eigenen Leben habe ich einige Katastrophen und Schicksalsschläge erleben müssen. Einige Male wäre ich beinahe gestorben. Aber ich lebe noch. Und deshalb sage ich: Gott war gut zu mir.

          Sie glauben an Gott?

          Ich habe keine Religion. Aber ich empfinde mehr und mehr eine Zuneigung gegenüber dem Glauben. Ich habe diese religiösen Gefühle, diese Zuneigung auch in meine Arbeit aufgenommen.
          Sie haben von schwierigen Situationen in Ihrem Leben gesprochen.

          Hat Ihnen in solch schwierigen Phasen Ihr Glaube geholfen?

          Solche Gedanken macht man sich meist nach den Ereignissen. Wenn man etwas Schlimmes erlebt, kommt man nicht dazu, man hat keine Möglichkeit zu reflektieren. Erst danach kann man spüren, dass eine Liebe von Gott da ist und dann entsteht bei mir eine Art Dankbarkeit zu Gott.

          Diese Dankbarkeit ist der Schlüssel dazu, meine Trauer und meinen Hass zu beseitigen.
          Hass? Gegenüber wem oder was empfinden Sie Hass?

          Wenn man Unterdrückung erfährt, hat man automatisch einen Drang, gegen diese Unterdrückung zu kämpfen. Aber langsam merke ich, dass dieser Hass nicht wirkt. Er bringt mir nichts. Durch Hass gerate ich selbst in eine Heillosigkeit, und ich entwickle nur einen noch tieferen Hass.

          Unterdrückung haben Sie in China erfahren: Sie durften nicht arbeiten, ihre Bühnenstücke durften nicht aufgeführt, ihre Bücher nicht veröffentlicht werden. Sie flüchteten und ließen ihre Heimat zurück. Fühlen Sie sich immer noch unterdrückt?

          Unterdrückung existiert immer, aber natürlich in unterschiedlichen Formen. Heute würde ich eher von Druck von außen sprechen. Auch hier im Westen empfinde ich Unterdrückung und Druck von außen. Aber eines habe ich gelernt: Ich muss mich sofort von dieser Unterdrückung befreien. Ich muss weglaufen.

          Weglaufen bis ins Exil?

          Exil ist ein wichtiges Stichwort für mich. Exil ist etwas, dass mich mein ganzes Leben lang begleiten wird. Das wird immer so bleiben. Ich lebe ja auch im Exil. Aber dieses Exil muss kein politisches sein. Es ist ein Weggehen, eine Befreiung. Und die beste Lösung, um sich zu befreien, ist, sofort einen neuen Weg, ein neues Thema zu finden für meine Kreativität.

          Künstlerische Kreativität gibt es nicht ohne Freiheit. Was, Herr Gao, verstehen Sie unter Freiheit?

          Der Begriff Freiheit umfasst viele Bereiche: Flucht auf politischer Ebene, das ist Flucht vor politischer Unterdrückung. Dann gibt es die Flucht vor ideologischer Unterdrückung, Flucht vor dem Markt, Flucht vor Problemen und Schwierigkeiten, Flucht vor falschen Ansichten.

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