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Galerierundgang London Wer fährt die Ernte ein?

 ·  Ein herbstlicher Galeriebesuch: Elmgreen & Dragset inszenieren bei Victoria Miro die Räume als Scheune, Penelope Slinger verwandelt sich in einen Vogel, und Ken Currie geht auf Hasenjagd.

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Der spätsommerliche Geruch von frisch eingefahrenem Heu steigt dem Besucher, der die alte Holztreppe hinaufklettert, in die Nase. Den ersten Stock der Londoner Galerie von Victoria Miro, in einem ehemaligen Möbellager aus dem 19.Jahrhundert, hat das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset wie eine alt-deutsche Scheune eingerichtet. Die alten offenen Dachbalken des großzügigen Galeriegebäudes über der Heulandschaft fügen sich ebenso harmonisch ins Bild wie auch die kleine Flasche Jägermeister, die in schwarzem Holzfachwerk steht.

Die Anordnung der alten, rostigen Feldarbeitsutensilien wirkt zufällig und gleichzeitig bis ins kleinste Detail inszeniert: der alte Heurechen mit abgebrochenen Zinken, an dem eine Lederhose in Kindergröße hängt, ein kleines Vogelnest mit Ei auf einem Hocker, ein rostiger Krehl, ein Pferdegeschirr, an dem Spinnweben hängen. Im Hintergrund ein braunes Scheunentor, das nirgendwo hinführt, inklusive dekorativem Geweih.

Man stapft durch Heuberge und um zwei große Heuballen herum, Erzählstränge bieten sich an und schaffen immer neue Zusammenhänge und Betrachtungsebenen. Auf der Rückenlehne eines braunen Schaukelstuhls steht in geschwungener weißer Schrift: „Home ist the place you left“. Auf der Sitzfläche darunter thront ein kleines Bauernhaus, in dem sich das große Scheunentor wiederholt.

Zusammengehalten wird diese filmisch anmutende Szene von einem lebensecht wirkenden Jungen aus Kunstharz, der auf dem Rand einer Mauer sitzt, von der man hinunter in den Galerieraum im Erdgeschoss blicken kann. Er kehrt dem Raum den Rücken zu - gedankenverloren oder trübsinnig, jedenfalls mit geröteten Augen, in die Tiefe starrend. Neben ihm liegt ein Buch aus Holz, mit dem Titel „The Harvest“ - die Ernte.

Fremde und eigene Erinnerungen werden von den Künstlern angestoßen, führen jedoch nicht hinaus in die Natur, sondern zurück in die Kunstwelt und den Kunstraum: Die schwarzen Balken an der Wand sind nicht architektonischen Traditionen gemäß zusammengefügt, sondern schreiben das deutsche Wort „Kunst“ an die Wand. Nun passt auch der weiße Geier ins Bild, der diese bukolische Szene und den Jungen vor sich von einem weißen Ast in einer Ecke des Raumes aus beobachtet. Das Werk heißt „The Critic“.

Der Kunstkritiker ist allegorisch in das Kunstwerk eingebaut. Bedeutet es, dass der Junge, der vornübergebeugt in die Tiefe blickt, den Künstler repräsentiert? Was wird hier als Heu eingefahren? Künstlerische Ideen, Frucht der harten Arbeit des Geistes, der Erinnerungen und Erfahrungen auf dem Feld des Unterbewussten, reifen hier - so wie in dem kleinen Ei ein Vogel heranwächst - um sie später zu ernten und verkaufen? Was fällt dabei für den Aasgeier „Kunstkritiker“ ab? Fährt er die „Ernte“ ein? Ist er Teil oder Beobachter dieser Szene?

Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die in London und Berlin leben, beschäftigen sich besonders gern damit, das Kunstsystem kritisch zu reflektieren und seine Institutionen zu befragen. Der Kritiker in der Scheune mag nur eine Randfigur sein, im Erdgeschoss dagegen erfahren traditionelle Kunstinstitutionen eine geradezu ehrfürchtig-akribische Auseinandersetzung. Wer die Galerie betritt, findet sich einer Gruppe von großen, weißen Bildern gegenüber, die mit breiten schwarzen Holzrahmen eingefasst sind. Am unteren Rand ist jeweils der Name eines bekannten europäischen oder amerikanischen Museums eingraviert.

Elmgreen und Dragset sind in der Kunstwelt mittlerweile selbst so etabliert, dass die Museen stolz sind, ein Stück Wand von ihren Ausstellungsflächen für die beiden Künstler abzulösen. Ein Stück Wand heißt in diesem Falle mehrere Millimeter übereinander gelagerter Farbschichten, die für verschiedene Ausstellungen aufgetragen wurden und dazwischen immer wieder weiß übermalt wurden. Mit Hilfe eines extrem aufwendigen, mittelalterlichen Fresko-Verfahrens und vielen feuchten Tüchern wurde von Berliner Spezialisten schichtenweise Ausstellungsgeschichte abgelöst und auf groben, braunen Leinwänden aufgebracht.

Bezüge zu Ryman und O’Doherty

Die Künstler wählten in allen Fällen die Museumswand im „neutralen“, zwischen Ausstellungen befindlichen Zustand. Der Betrachter kann also nicht nur die Maltechnik und den Weißton, den die Handwerker im Fridericianum in Kassel, in der Tate Gallery in London oder im Guggenheim Museum New York benutzten, begutachten und vergleichen, sondern auch über die Autorität und die Bedeutungsschichten der Museumswand philosophieren.

Elmgreen und Dragset beziehen sich mit diesem Werk auf die Schriften und das malerische Werk von Robert Ryman. Ebenso verweist die Schau auf den Text „Inside the White Cube: The Ideology of the Gallery Space“ von Brian O’Doherty aus dem Jahr 1976, über die Erscheinung und Funktion des weißen Kunstraums. O’Doherty klassifiziert den weißen Galerieraum als das „archetypische Bild der Kunst des 20.Jahrhunderts“; als einen Raum, der sich durch die „historische Unausweichlichkeit“ der Kunstwerke, die in ihm ausgestellt werden, legitimiert (Die Preise für die Werke von Elmgreen & Dragset reichen von 25.000 bis 90.000 Pfund).

Während bei Victoria Miro im Nordosten der Stadt spielerisch-ernst durch Kunstwerke über das „System Kunst“ nachgedacht wird, laden die surrealistischen Collagen von Penelope Slinger aus den siebziger Jahren in der Galerie Riflemaker in Soho zur Reise in das Unbewusste der Künstlerin ein. „An Exorcism“ ist eine Serie von 160 Collagen, die zwischen 1971 und 1979 entstand. Inspiriert von surrealistischen und psychoanalytischen Ideen interpretierte Slinger ein verlassenes, jakobinisches Herrenhaus - „Liford House“ in Northamptonshire - mit seinen unzähligen Zimmern als Allegorie für die weibliche Psyche.

Vor dem Hintergrund photographischer Aufnahmen der Räume innerhalb und außerhalb des Hauses treten auch bei Slinger gefiederte Tiere in bedeutungsschwangeren Rollen auf: Adler, Krähen, ein Hahn verbinden sich mit Selbstaufnahmen (nackt und in Verkleidung) in weiten Zimmerfluchten im Verfallszustand und eleganten Gartenperspektiven zum mythologisch-esoterisch aufgeladenen Tableaux. Die britische Künstlerin wanderte 1979 in die Karibik und anschließend nach Amerika aus, erfuhr in den letzten zwei Jahren jedoch neues Interesse für ihre Kunst (Preise von 7000 bis 14.000 Pfund; Booklet zehn Pfund).

Noch weiter südlich - im traditionellen Zentrum der Londoner Kunstwelt in Mayfair - sinniert der in Schottland lebende Künstler Ken Currie bei Flowers East in der Cork Street über Tod und Sterblichkeit im traditionellen Medium der Ölmalerei. Auch hier halten die Tiere her: Bilder eines toten Hasen in verschiedenen Zerfallsstadien - die Jagdzeit für Hasen beginnt im Oktober - hängen neben Studien von zerlegten Fleischstücken und Knochen, die den Titel der Schau inspirierten: „The Gigot Bone“. In düsteren Selbstporträts, mit dunkel-fleischiger Farbigkeit und abgewendetem Antlitz mit Glatze, wird die Idee des körperlichen Verfalls weitergeführt (Preise von 11.000 bis 48.000 Pfund).

Von diesen tiefsinnigen Erkundungen findet der flanierende Stadtbesucher gleich um die Ecke eine Ablenkung, in Form von zwei weiteren Elmgreen & Dragset-Kreationen im kommerziellen wie öffentlichen Raum: Im Louis Vuitton Flagship Store auf der Bond Street haben sie ein Bett aufgebaut, in dem müde shop assistants zwischen den teuren Designer Produkten und unter den beunruhigend wachsamen Augen einer vergoldeten Version des Geiers ein Nickerchen machen können. Im Eingangsbereich steht ein monumentales weißes Schaukelpferd ohne Reiter. Dieser sitzt gerade auf einer weiteren Bronzeversion des nostalgischen Schaukelpferdes: auf dem leeren Skulpturensockel, der „Fourth Plinth“, auf dem Trafalgar Square und winkt heiter den Touristenmassen zu.

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