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Gabriele Strehle Gelb würde ich niemals tragen

16.06.2006 ·  Gabriele Strehle, die Designerin von „Strenesse“, liebt klare Linien und sanfte Farben. Im vergangenen September debütierte sie bei der Fashion Week in New York. Und sie entwarf die Freizeitmode und Ausgehkleidung der deutschen Nationalelf.

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Gabriele Strehles Designerkarriere beginnt 1973 in Nördlingen. Zweiundzwanzig Jahre ist sie alt, als sie zu „Strenesse“ kommt, doch schon bald ist die Jungdesignerin für die Kollektion verantwortlich, gibt den modischen Ton an und heiratet ihren Chef. Ihre Mode, die bekannt für klare Linien und sanfte Farben ist, präsentiert Gabriele Strehle seit 1996 bei den Mailänder Modeschauen. Im vergangenen September debütierte sie bei der Fashion Week in New York. Die Designerin entwarf auch die Freizeitmode und Ausgehkleidung der deutschen Nationalelf. Heute ist die Marke „Strenesse“ eine der letzten selbständigen Luxusmarken.

Frau Strehle, wie gefallen Ihnen weiße Socken?

Das möchte ich nicht beurteilen. Wenn jemand sagt, ich fühle mich in meinen weißen Socken ganz stark, dann ist das doch okay, dann bin ich nicht berechtigt zu sagen, weiße Socken sind out.

Das klingt sehr zurückhaltend.

Wenn ich durch die Stadt schlendere, nehme ich die Menschen wahr, verschwende aber keine Energie mit Fragen wie: Wer ist gut gekleidet, wer ist schlecht gekleidet?

Sie sind Modedesignerin! Sind Sie in Geschmacksfragen immer so gelassen?

Mit sieben oder acht Jahren wollte sich meine Tochter modisch selbst verwirklichen. Plötzlich fing sie an, die Farben Lila und Grün und Gelb zu kombinieren und Pullis oder T-Shirts mit großen bunten Aufdrucken zu tragen. Das hatte sie bei ihren Klassenkameradinnen gesehen. Ich kleidete sie natürlich immer in klassische, zurückhaltende Farben. Für mich war diese Zeit fürchterlich. Ich konnte manchmal gar nicht hinsehen.

Und was haben Sie unternommen?

Nichts! Ich dachte mir, laß sie, denn wenn du diese Phase jetzt unterdrückst, dann setzt sie sich später womöglich durch und bleibt. Vor einem Jahr kam sie einmal zu mir und sagte: „Mama, früher habe ich mich immer wahnsinnig darüber aufgeregt, daß in deinem Schrank nur dunkle Kleider hängen. Und heute ist es bei mir zu achtzig Prozent genauso.“ Das war schon lustig.

Als Kind haben Sie Ihren Puppen Kleider genäht. Hatten Sie schon damals einen ausgefallenen Geschmack?

Ich mochte die Rüschenkleider, die sie trugen, einfach nicht. Also habe ich ihnen neue Röcke und Blüschen genäht.

Heute verdienen Sie mit Ihrem Geschmack viel Geld und setzen Maßstäbe. Wer hat Ihren Geschmack geprägt?

Schmecken, also Geschmack, habe ich wortlos von zu Hause mitbekommen. Wir waren vier Kinder und sind nicht mit einem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen. Geschmack und Sensibilität kann man auch im kleinsten Rahmen entwickeln. Mein Vater war Chef einer Molkerei und hat uns stets frische Butter mit herrlichem Mandelgeschmack mitgebracht. So etwas gibt es heute nicht mehr. Über Essen und über Kleidung habe ich langsam ein Gespür für Qualität und Geschmack entwickelt.

Erziehung als Wiege des Geschmacks.

So wie meine Mutter uns gekleidet hat, hat sie uns auch Stilempfinden und Geschmack mitgegeben. Bei uns hatte alles Qualität, die hausgemachten Maultaschen, die Kopfkissen ANTWORT: aus echtem Leinen, die Stoffe unserer Kleider. Wir besaßen keine zwanzig Pullover, dafür aber fünf sehr schöne und feine. Das waren zeitlose Kleidungsstücke mit Langlebigkeit. Wie die blauen und grauen Faltenröcke, die ich trug. Ich hatte übrigens schon die gleichen Schuhe, die ich später auch meiner Tochter gekauft habe - Ballerinas mit Riemchen.

Ist Qualität die Grundlage für Geschmack?

Ja, absolut! Wenn ich zum Beispiel für Freunde oder meine Familie koche, dann verwende ich keine billigen Zutaten. Eine toll gemachte Tomatensuppe braucht kein Ketchup! Verwende ich gute Tomaten, steht am Ende auch ein gutes Produkt. Ich bin ein Qualitätsfreak, nicht nur in der Mode.

Woran erkennen Sie Stil?

Man muß wissen, was weggelassen werden kann. Eine Grundregel lautet: Immer nur einen Akzent setzen. Auf mich wirkt es sonst, als wolle man etwas verheimlichen. Stellen Sie sich eine hypermoderne Wohnung vor, in der ein altes Möbelstück steht. Richtig plaziert, sieht das toll aus. Ist der Raum überfrachtet, sehe ich das Besondere nicht mehr.

Und wie ist es in der Mode?

Genauso! Wenn ich mich an das Gesicht eines Menschen erinnern kann, dann war dieser Mensch automatisch gut gekleidet, dann hat alles gestimmt.

Woher nehmen Sie Ihre Geschmacks- und Stilsicherheit?

Während meines Modestudiums in München habe ich versucht, mich ganz stark auf Proportionen und Qualität zu konzentrieren. Ich mag sensible Farben, bloß nichts Knalliges.

In Ihrer Autobiographie „Ob ich das schaffe“ schreiben Sie, daß eine Ihrer Lieblingsvokabeln das Wort „hautig“ ist.

Meine Kollektion ist wie die zweite Haut eines Menschen, ich darf ganz nah an ihn ran. Ich möchte, daß man sich in meiner Kleidung wohl fühlt, sicher und selbstbewußt und sich dabei auf das konzentrieren kann, wofür man gerade Kraft braucht. Da darf keine Hose kneifen, kein Jackett zwicken. Ich möchte niemandem etwas überstülpen, was ihn in den Hintergrund rückt. Das wäre egoistisch, so bin ich nicht! Geschmackvoll bedeutet für mich auch, einem Menschen empfindsam zu begegnen. Natürlich habe ich modisch auch schon danebengegriffen. Schließlich gehört das dazu!

Zum Beispiel?

Als ich studierte, waren große Kragen in. Also habe ich große Kragen entworfen. Als junge Modemacherin richtet man sich ja nach Trends. Doch von Woche zu Woche wurden meine Kragen kleiner und kleiner, und ich habe erkannt, daß ich mir nicht treu geblieben bin.

Aber Sie müssen sich doch nach Trends richten? Schließlich will die Modemarke „Strenesse“ Geld verdienen.

Ich komme aus einem Unternehmerhaushalt und verliere mich nicht in Träumereien. Das paßt nicht zu meinem Charakter, sonst würde ich ja auch durch die Welt jetten. Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl, habe meine Vision entwickelt, und innerhalb dieser Vision bewege ich mich. Ich blicke nicht nach rechts oder links. So habe ich auch immer den wirtschaftlichen Erfolg im Auge.

Mit den Jahren wird man natürlich sicherer.

Ich kann heute klarer beurteilen, das ist gut für Strenesse. Ich entwickle mich von Kollektion zu Kollektion weiter. Trotzdem zweifle ich noch bei jeder Kollektion, durchleide schlaflose Nächte und mache mir unentwegt Gedanken.

Können Menschen mit unterschiedlichem Geschmack eine glückliche Liebesbeziehung führen?

Sind beide sensibel genug, werden sie sich einander annähern.

Wie überstehen sie die Anfangszeit?

Durch Reibung entsteht Wärme! Dauerhafte Beziehungen tragen immer etwas Konträres in sich. Das macht doch den Reiz aus!

Wie ist es im Hause Strehle? Sind Sie und Ihr Mann sich in Geschmacksdingen einig?

Lassen Sie mich eine kurze Geschichte erzählen. In meinen allerersten Jahren bei Strenesse - damals waren schmückende und dekorierende Elemente „in“ - kam mein damaliger Chef und heutiger Mann zu mir und sagte: „Können Sie nicht was mit Goldknöpfen machen?“ Ich stand am Anfang meiner Karriere und antwortete: „Tut mir leid, aber da müssen Sie sich jemand anderen suchen, das kann ich einfach nicht.“

Was haben Sie gegen Goldknöpfe?

Das ist nicht mein Stil.

Also entscheiden Sie heute, welche Vorhänge gekauft werden?

Über die Jahre hinweg hat sich mein Mann in diesen Fragen sehr auf mich verlassen, aber selbstverständlich diskutieren wir. Schließlich soll auch er sich wohl fühlen. Mein Mann ist mein bester Berater. ANTWORT: Einen gutgemachten Stuhl erkenne ich zum Beispiel sofort.

Aha. Sie haben ihn also erzogen?

Gerd liebt Brüche. Ich mag Brüche auch, aber bei mir sind sie subtiler. Ich reagiere sehr sensibel auf Farben. Wenn mein Mann, zum Beispiel beim Golfspielen, mal einen gelben Pullover trägt oder seine Klamotten seltsam kombiniert, dann stutze ich schon und frage: „Was ist dir denn heute eingefallen?“

Reagiert er dann sauer?

Nein. Er sagt meist: „Ich hatte heute einfach Lust dazu, Gabriele!“

Wenn Sie einem Menschen zum ersten Mal begegnen, worauf achten Sie?

Auf seine Augen und Hände. Wenn mir jemand nicht in die Augen sehen kann, finde ich das schrecklich. Erst dann achte ich auf Kleidung.

Welche Farbe würden Sie niemals tragen?

Gelb.

Das Gespräch führte Melanie Mühl.

Quelle: F.A.Z., 16.06.2006
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