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Auf den Spuren von Gabriel Grüner : Ein Menschenleben

  • -Aktualisiert am

Er starb an dieser Stelle: der Reporter Joachim Rienhardt und der Fotograf Uli Reinhardt im Kosovo am Gedenkstein für ihren Kollegen Gabriel Grüner Bild: Christoph Borgans

Vor fünfzehn Jahren wurde der Reporter Gabriel Grüner im Kosovo erschossen. Seine Kollegen jagten den Mörder jahrelang, bis sie ihn fanden. Vor Gericht musste der Täter nicht. Ein Freund reist jedes Jahr zum Todesort. Von einem, der nicht vergessen wird.

          Wenn Uli Reinhardt auf sein Navi sieht, kann er Namen wie Dubrovnik, Tivat und Prishtina lesen. Wenn er durch die Windschutzscheibe in die Landschaft schaut, liest er in ihr die Geschichten der vergangenen Jahrzehnte. Geschichten wie die von der Ermordung seines besten Freundes.

          Reinhardt braucht das Navi selten. Er kennt die Straße, die vom Remstal bei Stuttgart zum Duljepass im Kosovo führt. Man fährt zwei Tage lang; die Straße ist kurvenreich, von Feigenbäumen und Zypressen gesäumt und gepflastert mit Erinnerung. Jedes Jahr verbringt er den 13. Juni dort, wo sein Freund Gabriel Grüner 1999 ums Leben kam.

          Grüner war Reporter beim Magazin „Stern“, Reinhardt ist Reportage-Fotograf. Das erste Mal trafen sie sich 1992 am Flughafen in Wien. Ihr Ziel hieß Sarajevo. Zusammen sollten sie für den „Stern“ über den ersten Kriegswinter der bosnischen Hauptstadt berichten, die seit fünf Monaten von den Serben belagert wurde.

          Erster Einsatz im Kessel von Sarajevo

          Während die serbische Artillerie ihre Granaten in den Talkessel feuerte und die Scharfschützen von den umliegenden Bergen aus die Zivilisten im Stadtzentrum aufs Korn nahmen, recherchierten, schrieben und fotografierten die beiden ihre Geschichte über das Mädchen Zlata Filipović, das in seinem Tagebuch vom Leben unter Beschuss erzählte. Man nannte sie eine „Anne Frank Bosniens“.

          Gabriel Grüner (links) und Uli Reinhardt bei der „bosnischen Anne Frank“ Zlata Filipović im belagerten Sarajevo 1992

          Während Reinhardt von Grüner erzählt, steuert er seinen Mercedes an der Adriaküste entlang, durch die bewaldeten Berge Montenegros und quer durch Albanien. Als freier Fotograf und Mitgründer der Reportageagentur „Zeitenspiegel“ war er immer viel unterwegs und ist es heute noch, auch wenn er offiziell seit zwei Jahren in Rente ist. Selbst wo der Mercedes rasant überholt, sitzt Reinhardt ruhig hinter dem Lenkrad.

          Mit seinem verwuschelten Haar, das am Hinterkopf licht ist, dem angegrauten buschigen Schnauzbart und dem robusten Hemd mit Knöpfen für die hochgekrempelten Ärmel sieht er aus wie ein alter Trapper. Einer, zu dem das Pferd gehört wie der Weg und die Dornbüsche daneben. Einer, der allein reitet und den keiner mehr fragt: „Wohin reitest du?“ Oder: „Warum?“

          Doch mit im Auto sitzen in diesem Jahr zwei Freunde aus der schwäbischen Heimat, die einmal das Kosovo sehen wollen. Gabriel Grüner und den Krieg kennen sie nur aus Erzählungen. „Man weiß vorher nie, wie jemand reagiert, wenn geschossen wird“, erklärt Reinhardt ihnen. Wenn einer da ruhig bleibe und man sich immer noch auf ihn verlassen könne, sei das viel wert. So war es bei Grüner und ihm.

          Streit mit Peter Handke

          Reinhardts braungrüne Augen zeigen noch einen Rest Traurigkeit, doch die leicht geröteten prallen Wangen und die Lachfältchen verraten einen Humor, der nicht mit dem Leben hadert und dem alles Großtuerische fremd ist. Seine Mitfahrer können das im Rückspiegel sehen, denn Uli Reinhardt blickt seine Gesprächspartner an, wenn er mit ihnen redet.

          „Mir hat es gefallen, wie Gabriel mit den Menschen umging“, sagt Reinhardt. Dass er nie abstumpfte und diejenigen, die ihm vertrauten, nicht enttäuschte. Und dass er für seine Überzeugung „hingestanden“ ist. Etwa als im afghanischen Hochland Taliban-Kämpfer den Übersetzer der beiden mit Gummischläuchen auspeitschten und Grüner dazwischensprang.

          Oder als er sich in einem „Stern“-Interview höflich, aber bestimmt mit Peter Handke stritt, dessen schriftstellerisches Werk er als studierter Literaturwissenschaftler bewunderte, an dessen proserbischen Relativierungen er aber verzweifelte. Hatte er doch selbst mit Überlebenden von Srebrenica gesprochen und tagelang ihre Berichte verglichen und auf Widersprüche untersucht.

          Mit der Zeit wurde aus der Kameradschaft unter Profis eine Freundschaft. „Man verbringt mehr Zeit zusammen als Eheleute und erzählt sich mehr als der Familie“, sagt Reinhardt. Besonders während des Krieges in Bosnien, wenn sie sich die lichtlosen Nächte und den Hunger mit Erzählen vertrieben. Dass Grüner 16 Jahre jünger war, hat da keine Rolle gespielt. „In vielem, was er beruflich und menschlich auf die Waage brachte, habe ich ihn mir zum Vorbild genommen“, sagte Reinhardt später bei der Trauerfeier in Hamburg.

          Die Bundeswehr marschiert ein

          Die Freundschaft zwischen Reinhardt und Grüner ist keine, die allmählich wächst, reift und schließlich auf die Probe gestellt wird. An ihrem Anfang steht bereits die Feuertaufe im Kessel von Sarajevo, die die Männer einander sofort nahebrachte. Kann auf solchem Boden Freundschaft vielleicht am besten gedeihen? Ist dies der Grund, warum sie selbst noch Grüners Tod überdauert? Warum Reinhardt Jahr für Jahr im Juni in das Kosovo reist?

          Gabriel Grüner und Uli Reinhardt bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz 1992 im belagerten Sarajewo

          Auch als Grüner starb, war Reinhardt im Kosovo und bloß wenige Kilometer entfernt. Am 12. Juni 1999 marschiert die Bundeswehr als Teil der Nato-Truppen ein. Über die ersten Tage des Friedens nach über fünfzehn Monaten Krieg sollen für den „Stern“ zwei Teams berichten: Uli Reinhardt und seine Lebensgefährtin Ingrid Eißele, die von Albanien einreisten, und Grüner mit dem Fotografen Volker Krämer, die aus Mazedonien aufbrachen. In Prizren hatten sie sich zu einem Bier verabredet.

          Doch die Serben hatten sich längst nicht überall zurückgezogen, wie Reinhardt, Eißele und andere Journalisten berichten, die damals vor Ort waren. Die Bundeswehreinheiten stehen noch in Albanien. Eißele und Reinhardt warten. Am 13. Juni fahren sie los. Soldaten und Freischärler ziehen umher. Die meisten sind bewaffnet, viele betrunken. Wütend auf alles Albanische, auf die Nato und auf die Journalisten, denen sie vorwerfen, mit ihren Berichten den Nato-Einsatz erst erzwungen zu haben. Auf den Straßen müssen die Journalisten Panzerminen ausweichen.

          Plötzlich ist der Krieg ganz nah

          Weil Reinhardt und Eißele nur langsam vorankommen, verpassen sie ihre Kollegen um zehn Minuten. Am nächsten Morgen treffen sie einen deutschen Journalisten. „Da hat’s welche von euch erwischt“, sagt der. Ingrid Eißele ist wie elektrisiert. Sie rennt in ein nahe gelegenes Hotel - dasjenige, wo Grüner und Krämer am Abend vorher übernachtet hatten - und bittet einen Journalisten um sein Satellitentelefon. „Stimmt das?“, fragt sie die „Stern“-Sekretärin in Hamburg. „Ja, Volker ist tot“, sagt die. „Und Gabriel auch.“

          „Ein schrecklicher Moment“, sagt Eißele. „Und dann musste ich es Uli sagen.“ Uli Reinhardt wird bleich und still. „Ich glaube, er hat lange gebraucht, bis er das wirklich verstanden hat.“ Die beiden sprechen nicht viel. Plötzlich sind die, die sonst über den Krieg berichten, ein Teil davon. Alles dreht sich; die Orientierung ist verloren.

          Reinhardt telefoniert mit Grüners Freundin, die im sechsten Monat schwanger ist. Sie bittet ihn, nach Hamburg zu kommen. Reinhardt weiß nicht, was er tun soll: Er will ihr helfen, aber auch herausfinden, was mit dem Freund geschehen ist. Und er will seine Freundin nicht allein zurücklassen. Auch sie ist schwanger.

          Ein Telefonat mit dem „Stern“ bringt wenig Klarheit. Die Redaktion ist wie gelähmt. Grüner war ein beliebter Kollege, mit vielen befreundet. Ein Mann, der deutsche Schlagertexte ebenso auswendig kannte wie Gedichte von Heiner Müller oder Schillers „Glocke“. Jemand, der zig Spendenaktionen des „Stern“ initiierte und mehrere Millionen Mark für Flüchtlingskinder eintrieb. Einer, der erst 35 Jahre alt war und im Betriebsrat kein Blatt vor den Mund nahm. Nicht vorzustellen, dass der nun nicht mehr wiederkommen soll!

          „Gabriel war kein Hasardeur. Aber ich konnte es nicht beweisen.“

          Reinhardt entscheidet sich zu fliegen. Doch vorher muss er wissen, wo Grüner umgekommen ist. Muss herausfinden, was geschehen ist. In Prizren, wo fünfzig, sechzig Journalisten auf einem Haufen sitzen, gibt es keine Informationen, bloß Gerüchte. Spekulationen kochen hoch, gelangen nach Deutschland und kehren als Meldungen in Zeitungen wieder zurück. Grüner und Krämer seien unvorsichtig gewesen, heißt es. Sie hätten ein Massengrab finden und einen Coup landen wollen. Sie seien in einen Hinterhalt geraten. „Ich wusste, dass es so nicht gewesen sein kann“, sagt Reinhardt. „Gabriel war alles andere als ein Hasardeur. Aber ich konnte es nicht beweisen.“

          Gabriel Grüner in der Klinik von Karla Schefter in Chak-e-Wardak in Afghanistan

          Weil auch die Bundeswehr nicht genau angeben kann, wo die beiden Männer starben, fahren Reinhardt und Eißele in Richtung Skopje, wo Grüner und Krämer ihr Material abends an den „Stern“ hätten schicken sollen. Unterwegs lassen sie sich von einem Zivilisten über einen Feldweg zu einer Farm lotsen. Trotz instabiler Lage und großer Minengefahr. Doch es ist eine falsche Fährte. Sie finden nichts, erfahren nichts.

          Die Blutlache am Pass

          Dann kommen sie auf den Dulje-Pass und entdecken hinter der Kuppe eine Blutlache, die sich über die ganze Straße ausbreitet. Hier muss der Fotograf Volker Krämer gestorben sein, von hier wurde der schwerverletzte Gabriel Grüner ins Lazarett gebracht. Und hier liegt immer noch ihr Übersetzer Senol Alit. Als Reinhardt aussteigt, erspäht er ihn in der Böschung, wo man ihn wegen der Minengefahr nicht bergen konnte. Auch er hat mit ihm viel Zeit auf dem Balkan verbracht. Reinhardt eilt hin. Eißele will ihn aufhalten. Oft werden auch Leichen mit Sprengfallen verbunden. Aber er - der Ruhige, Bedachte - hört nicht. „Man ist da in einer Verfassung, da ist einem alles wurscht“, sagt Eißele heute.

          Dass Reinhardt, den Freunde und Kollegen als ruhig und überlegt, beinahe phlegmatisch beschreiben, so leichtsinnig handelt, um beweisen zu können, dass seine Freunde nicht leichtsinnig waren, lässt seine Verzweiflung ahnen.

          Überhaupt ist es schwer, sich den Krieg vorzustellen, wenn man heute das Kosovo besucht. An der Stelle rauchender Häuser spiegeln Glasfassaden das Sonnenlicht, ragen Baukräne empor. In der Stadt Suhareka ist die Schotterpiste unter einer breiten Asphaltstraße verschwunden. Wo es früher gespenstisch leer war, schlendern hübsche Frauen in engen Hosen und Jungen in weiten T-Shirts.

          Am 12. Juni 2014, abends um halb sechs, kommt Reinhardt nach zwei Tagen und 1700 Kilometern Fahrt in einem Hotel bei Suhareka an. Er lässt seine Mitfahrer aussteigen und braust ohne Pause weiter zum Flughafen nach Prishtina. Dort wird gleich der „Stern“-Reporter Joachim Rienhardt eintreffen. Reinhardt will den Freund um keinen Preis warten lassen.

          Auch Reinhardt und Rienhardt waren viel zusammen unterwegs. Beim Einchecken in Pensionen und Hotels wurden sie für Brüder gehalten, auch wenn ein Buchstabendreher und ihre Statur sie unterscheiden. Uli Reinhardt ist groß und behäbig, Joachim Rienhardt klein und drahtig. Er hat lockiges Haar, einen Mehrtagebart und eine Hautfarbe, die einer vom vielen Joggen, Radeln und Skifahren bekommt.

          Auf ihrem letzten Weg

          „Stern“-Reporter Rienhardt wird seit langer Zeit zum ersten Mal wieder den Duljepass besuchen. In den Jahren nach dem Mord war er oft hier unten - zusammen haben die beiden nach dem Mann gefahndet, der ihre Kollegen erschossen hat. Allein ein Jahr dauerte es, bis sie in etwa wussten, was sich auf dem Pass zugetragen hat.

          Auch wenn Joachim Rienhardt das Kosovo von heute zuerst kaum wiedererkennt: Als er am nächsten Morgen mit Reinhardt und den Freunden aus Schwaben zum Pass fährt, kommt ihm mit einer Gänsehaut auf dem Rücken die Erinnerung. „Jetzt sind wir schon auf ihrem letzten Weg“, sagt er. Die Fahrt geht Serpentinen hoch, vorbei an verbeulten Leitplanken und dichtem Gestrüpp. „Sie müssen ganz relaxt gewesen sein“, meint er. Sie hatten die Geschichte fertig recherchiert und fotografiert. Auf derselben Strecke, auf der sie am Tag zuvor mit der Bundeswehr gekommen waren, entfernten sie sich aus der Gefahr. „Die Vögel zwitschern heute friedlich, freundlich“, murmelt er, mehr zu sich selbst als zu den anderen.

          Keine Spur mehr vom Krieg

          Kurz danach erreichen sie den Pass. Ein flacher Hügel mit neu gebautem Restaurant neben der Straße. Lavendel auf den unscheinbaren Hängen. „Hier, auf der Kuppe nach der scharfen Linkskurve, war der Unfall“, sagt Rienhardt. Er meint die Stelle, wo der Mörder in einem gestohlenen Toyota Celica in das Ende eines stehenden Konvois gerast war. Das fahruntüchtige Auto, das in einem Gebüsch abseits der Straße zurückblieb, gab den ersten Hinweis: Sein Besitzer konnte beschreiben, wie ihm der Wagen von Männern in serbischer Uniform geraubt worden war.

          Gabriel Grüner 1995 mit den bosnischen Generälen Atif Dudaković (links) und Mehmed Alagić in der gerade befreiten Stadt Sanski Most

          Durch weitere Beweise, die Reinhardt und Rienhardt akribisch sammelten, und Zeugen, die sie in Montenegro, Serbien, dem Kosovo und Mazedonien aufsuchten, ist heute klar, dass der Mörder ein russischer Freischärler in serbischen Diensten war: der 28 Jahre alte Alexandre T. Aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen in Saratow an der Wolga, später Gelegenheitsarbeiter in Moskau. Es gibt Quellen, wonach er sich 1998 als Freiwilliger bei der jugoslawischen Armee meldete. Andere Indizien lassen vermuten, dass er Mitglied des militärischen Geheimdienstes der Russen war.

          Der Albanerhasser

          Während der serbischen Herrschaft im Kosovo war der panslawistische Extremist als Mann für das Dreckige bekannt und gefürchtet. „Ein Albanerhasser vor dem Herrn“, sagt Uli Reinhardt. Alexandre T. hatte guten Grund jetzt, wo die Bundeswehr und die Albaner die Herrschaft übernahmen, das Weite zu suchen. Dass er dabei sein Fluchtauto zu Schrott fuhr, ist einer der Zufälle, die Grüner, Krämer und Alit zum Verhängnis wurden.

          Ein anderer war der Akzent von Senol Alit, dem türkischstämmigen Mazedonier. Als sie mit Alits weinrotem Mercedes vier bis fünf Minuten nach dem Unfall hinter dem gerammten Konvoi zum Stehen kommen, fragt Alit einen alten Serben mit einer Kalaschnikow, wieso es hier nicht weitergehe. Der Mann antwortet, sie seien wegen Straßensperren der Albaner umgekehrt, nun aber von serbischen Soldaten aufgefordert worden, eine andere Route zu nehmen.

          Als Alit erwidert, er habe keine Straßensperren gesehen, wittert der Alte eine Falle: „Du Albanerschwein!“, schreit er ihn an. „Ich bring dich um!“ Eine Frau neben ihm hält ihn davon ab, auf das Auto loszustürmen, aber Alexandre T., der aus dem demolierten Toyota ausgestiegen ist und den Streit verfolgt hat, entreißt dem Alten die Kalaschnikow. Ohne zu zögern, feuert er das gesamte Magazin auf Krämer, Grüner und Alit.

          Danach geht er zu dem Mercedes, zerrt den schwerverletzten Grüner und die beiden Toten heraus und rast mit ihm davon. Zwischen Plan und Tat lag vermutlich weniger als eine Minute. Sie führte zum Tod dreier Menschen, die das Geschehen kaum begreifen konnten. Nur Krämer - das zeigt die Obduktion - konnte sich noch die Hände vors Gesicht halten. Die anderen hatten den Angriff nicht einmal bemerkt.

          Nachdem Rienhardt und Reinhardt wussten, wer der Mörder war, versuchten sie, ihre Recherche juristisch wasserfest zu machen. Wo Zeugen nicht nach Deutschland reisen durften, fuhren sie zu ihnen, und nahmen die Aussagen auf Video auf. Mitte 2001 war genug belastendes Material gesammelt, so dass das Oberlandesgericht Hamburg bereit war, einen internationalen Haftbefehl auszustellen.

          Doch alle Versuche, Alexandre T. festzunehmen, schlugen fehl. Es gebe triftige Gründe anzunehmen, dass er von russischen Behörden geschützt wird, sagen die Journalisten, die ihn jagten. Zurzeit lebt T. in Russland, wo er sich im Radio und in Magazinen brüstet, einen hohen albanischen Offizier und westliche Journalisten erschossen zu haben. „Das ist das Bitterste“, sagt „Stern“-Reporter Joachim Rienhardt. „Dass der Drecksack frei rumläuft. Dass das jetzt versandet, wo wir schon so weit waren.“

          Auch die Kosovoalbaner gedenken des toten Journalisten

          An der Stelle, wo ihre Kollegen vor fünfzehn Jahren starben, legen Reinhardt und Rienhardt Blumen nieder. Als Uli Reinhardt ein Jahr nach dem Mord hierherkam, wusste er noch nicht, wie er an Grüner erinnern sollte. Aus Mazedonien besorgte er ein Holzkreuz und versuchte, es in den felsigen Boden zu rammen. Ein Albaner, der beobachtete, wie er sich abmühte, half ihm dabei.

          Gedenkstein des ermordeten Journalisten Gabriel Grüner auf dem Dulje-Pass, Kosovo. Er starb am 13. Juni 1999

          Ein Jahr später war das Kreuz von Jugendlichen, die es für ein serbisches Relikt hielten, unter Schutt vergraben worden. Arbeiter, die das Restaurant am Pass bauten, sahen Reinhardt ratlos dastehen. Sie halfen ihm suchen und luden ihn zum Kaffee ein.

          Im dritten Jahr schenkten die Einwohner von Suhareka Reinhardts Reportage-Agentur per Grundbucheintrag drei mal drei Meter kosovarischen Boden auf dem Duljepass. Dort stehen heute zwei Kirschbäume neben einem Gedenkstein aus unbehauenem Marmor, den ein Künstler aus dem Ort angefertigt hat. Auf der schwarzen Granitplatte liest man die Namen der drei und den Text aus Grüners Todesanzeige auf Deutsch und Albanisch. Ein Brecht-Zitat:

          Der Regen
          Kehrt nicht zurück nach oben 
          Wenn die Wunde
          Nicht mehr schmerzt
          Schmerzt die Narbe



          Wenn man die Kosovo-Albaner fragt, warum sie das tun, wo sie doch selbst so viele Tote zu beklagen haben, sagen sie: „Ohne die Journalisten, die über den Krieg berichtet haben, hätte die Nato nie eingegriffen.“ Für Uli Reinhardt ist es ein wichtiges Zeichen, dass die Albaner das Gedenken an seinen Freund auch zu ihrer Sache gemacht haben: „Natürlich ist Gabriel für mich nicht irgendwer. Aber es geht mir auch darum, aufzuzeigen, dass das Leben eines Einzelnen etwas wert ist. Wenn eine Gesellschaft das vergisst, wird es gefährlich.“ Er wird auch im nächsten Jahr wiederkommen.

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