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Gabriel García Márquez zum 85. : Einundfünfzig Jahre, neun Monate und vier Tage

Magischer Realist und großer Handwerker: Gabriel García Márquez Bild: dpa

Unerhörte Zahlen und andere Geheimnisse der Fiktion: Der Begründer des literarischen Markenzeichens „magischer Realismus“ feiert seinen 85. Geburtstag.

          Werfen wir einen Blick auf Kleinigkeiten im Werk des erfolgreichsten Schriftstellers unserer Tage, sagen wir lieber: einer Firma, einer Schreibschule, eines globalen Markenzeichens, das mit dem Begriff „magischer Realismus“ nicht annähernd umschrieben ist.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Zum Beispiel die ungeheure Suggestivität seiner Titel. Nicht einer, nicht drei, sondern gleich ein halbes Dutzend Buchtitel von Gabriel García Márquez sind zu geflügelten Worten geworden, werden als moderne Form der Hommage unentwegt in Zeitungsartikeln oder in der Werbung zitiert und parodiert. „Chronik eines angekündigten Todes“. „Der Herbst des Patriarchen“. „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“. „Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt“. Natürlich fällt auf, dass immer ein mächtiges, bedeutungsschweres Wort dabei ist, besser zwei. Aber zugleich stehen die tönenden Begriffe für ein erfülltes Versprechen. Dieser Schriftsteller, geboren 1927 in einem Karibiknest namens Aracataca an der Nordspitze Kolumbiens, Schüler von William Faulkner und noch immer die strahlende Figur der lateinamerikanischen Literatur, ist unfähig, langweilig zu schreiben.

          Oder eben „Hundert Jahre Einsamkeit“: Kein Mensch weiß, was der Titel eines der berühmtesten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, erschienen 1967, genau bedeuten soll. Aber in der letzten Zeile des Buches wird es einfach behauptet: „dass die zu hundert Jahren Einsamkeit verurteilten Sippen keine zweite Chance auf Erden bekamen“. Es ist eine hübsche Pointe, dass der aufstrebende Autor vor der Veröffentlichung dieses Romans mit seiner spanischen Agentin Carmen Balcells einen Vertrag unterschrieb, der auf hundertfünfzig Jahre befristet war. Für García Márquez waren die wild fabulierten Geschichten seiner Bücher nie märchenhaft oder jenseits der Realität, sondern selbstverständlicher Teil seiner Privatmythologie.

          Respektvolle Trennung der einzelnen Gattungen

          Das führt zu dem Paradox, dass ein vor Übertreibungen strotzender Roman wie „Der Herbst des Patriarchen“ (1975) in gewissem Sinn intimere Bekenntnisse über die Psychologie des Autors enthält als der Memoirenband „Leben, um davon zu erzählen“ (2002), der erste und möglicherweise einzige Band einer auf drei Teile angelegten Autobiographie. Denn wenn García Márquez erzählt, setzt er ein komplexes Spiel von Verbergen und Enthüllen in Gang. Ist „Gabo“, wie seine Freunde und sein karibischer Hofstatt ihn nennen, nicht auch so einsam und erinnerungsgetrieben wie seine ungeduldigen Generäle, Revolutionäre und Diktatoren? Und was ist seine enge Freundschaft zu Fidel Castro anderes als der Versuch, die Machinationen der Politik mit der Magie des Wortes zu beeinflussen? Die Trennung von Kunst und Leben kann es hier kaum geben. Das erklärt auch, warum sich García Márquez beim Schreiben seiner Memoiren Ende der neunziger Jahre aus den eigenen Romanen vorlesen ließ, um seiner blasser werdenden Erinnerung auf die Sprünge zu helfen. Es passt zu diesem Verwandlungskünstler, dass er nicht von zwei, sondern „drei Leben“ gesprochen hat, die er führe: ein öffentliches, ein privates und ein geheimes.

          Einer der einnehmendsten Züge seines Schreibens ist, dass er die literarischen Gattungen streng trennt, und zwar aus Achtung vor jeder einzelnen. Schreibt García Márquez Romane oder Erzählungen, darf seine Phantasie alles, und die „unerhörte Zahl“ ist geradezu zum Markenzeichen seiner Fiktionen geworden: etwa dass Aurelio Buendía in „Hundert Jahre Einsamkeit“ zweiunddreißig Kriege anzettelt, dass die Hauptfigur von „Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt“ sechsundfünfzig Jahre lang auf seine Pension wartet oder dass Florentino Ariza in „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ genau einundfünfzig Jahre, neun Monate und vier Tage ausharrt, bis seine Jugendliebe Fermina für ihn frei ist.

          Er erkennt eine größere Wahrheit als die eigene an

          Im wirklichen Leben sind die Dimensionen oft prosaischer, und das weiß García Márquez genau. Er hat ja nie aufgehört, Journalismus zu schreiben, und wie er ihn betreibt, ohne Allüren oder Schlampigkeiten, macht ihn als Handwerker noch ein gutes Stück größer, als er ohnehin schon ist. Wenn es eine Eitelkeitskurve in seinen journalistischen Arbeiten gibt, dann strebt sie mit den Jahren immer weiter nach unten. Der junge, zum Brillieren aufgelegte Mitarbeiter von „Heraldo“, einem Lokalblatt im kolumbianischen Küstenstädtchen Barranquilla um 1950, hat manchmal etwas Tänzelndes, Verplappertes und Altkluges. Der ältere, 1982 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Journalist dagegen kniet sich voller Demut in seine Recherche und wendet lieber drei Jahre auf statt des geplanten einen, um die Aufgabe mit der gebotenen Gründlichkeit zu Ende zu bringen.

          Die Danksagung, die er seiner meisterhaften Reportage „Nachricht von einer Entführung“ (1996) voranstellt, der Geschichte eines neunfachen Kidnapping durch Pablo Escobars Drogenkartell, zeigt einen Schriftsteller, der eine größere Wahrheit als die eigene anerkennt. Fast bittet er die Angehörigen der Mordopfer um Verzeihung dafür, dass sie auf dem Papier „nicht mehr als einen fahlen Schatten des Grauens wiederfinden werden, den sie im wirklichen Leben erlitten haben“. Sein soziales Engagement, seine Teilnahme, sein Gerechtigkeitsempfinden, sein Mitempfinden sind weitere Gründe, warum Lateinamerika diesen Ausnahmeschriftsteller liebt. Am morgigen Dienstag feiert Gabriel García Márquez seinen fünfundachtzigsten Geburtstag.

          Quelle: F.A.Z.

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