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Fußball Phototaktik der Kommentatoren

 ·  Fußballkommentatoren sind in der Regel Wechseltierchen, Hell-dunkel-Opportunisten. Einer ist es sicher nicht: Mehmet Scholl.

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Oliver Kahn, Steffen Simon und Béla Réthy stammen von Einzellern ab. Das ist nur beispielsweise erwähnt, denn es gilt ja von uns allen. Doch man merkt es eben nicht immer gleich. Die Biologiestunde lehrte, woran man es merken kann. Denn sie lehrte uns das Wechseltierchen, von dem wir erfuhren, dass es sich, sobald es Licht spürt, davonmacht: „negativ phototaktisch“ war der prüfungsrelevante Ausdruck.

Einzeller sind also sehr umweltempfindlich. „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, das schaffen sie einfach nicht. Kahn, Simon und Réthy und die allermeisten Fußballkommentatoren sind auch sehr umweltempfindlich, und zwar positiv phototaktisch. Erzielt eine Mannschaft - Licht aus - lange kein Tor, Spanien etwa 63 Minuten lang keines, dann nörgeln sie über Schönspielerei, die nichts bringt, dass sich das rächen kann, dass der Wille zum Abschluss fehlt, dass hier der erste Favoritensturz droht. Da kann Spanien noch so gut spielen.

Altherrentruppe als Turnierfavorit

Und kaum ist das Tor - Licht an - gefallen, wendet sich die Sache ins Wohlgefällige, sieht man die Klasse der Spanier, haben sie das Spiel („jetzt“) im Griff, erinnert man sich allenfalls - auch der Einzeller ist vergesslich -, dass Spanien einst mit sieben Toren und einer Auftaktniederlage Weltmeister wurde. So, wie wir mit Russland - Licht aus -, einer „Altherrentruppe“, nach einem - Licht an - einzigen Sieg schon einen „neuen Turnierfavoriten“ gesehen haben sollen, die Niederlande nach einer Niederlage diesen Platz sofort räumen musste und die Deutschen erst - Licht aus - ganz bedenklich spielten, dann aber, als sie zufällig - Licht an - gewonnen hatten, eigentlich alles in Ordnung war, bessere Mannschaft, effektiv, Tugenden, Ergebnis zählt und so weiter.

Alles Wechseltierchen, Hell-dunkel-Opportunisten. Nur einer nicht: Mehmet Scholl. Einer, der steht und nicht anders kann, kein Kausalanhängsel seiner Umwelt, einer, dessen Urteil nicht schon aus dem Spielstand hervorgeht. Und der deshalb bei der Wahrheit über Mario Gomez und dessen „Hier bleib ich stehen, ich mag nicht anders“-Stil blieb. Trotz dessen Erfolg, der ihm eben nicht recht gibt. Und genau so wollen wir es: Der Kommentator sei standfest und ein Vielzeller, der Stürmer aber sei nicht standfest, sondern arbeitsam und kurzpassfähig, also keine Bande, die im Strafraum herumsteht, um angeschossen zu werden.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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