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Dienstag, 14. Februar 2012
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Fußball-EM Meine Frau, meine Tochter, Veronica Ferres und ich

29.06.2008 ·  Früher war Fußball ein Paradies für Jungs, zu den Mädchen keinen Zutritt hatten. Heute schauen mehr Frauen zu als Männer. Und sie haben, anders als jene, längst verstanden, worum es bei dem Spektakel in erster Linie geht.

Von Michael Althen
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Nach dem Portugal-Spiel war zu lesen, es hätten mehr Frauen als Männer zugesehen. 13,33 Millionen weibliche und 12,81 Millionen männliche Zuschauer hatten mitgefiebert, und auch wenn es immerhin gemeldet wurde, hatte man den Eindruck, dass die Botschaft noch nicht überall angekommen ist. Am allerwenigsten bei der ausstrahlenden ARD.

Dort hatte ein paar Tage vorher nach dem Österreich-Spiel Waldemar Hartmann vorgeführt, auf welche Weise 12,81 Millionen Männer immer noch versuchen, die Lufthoheit in einem Spiel zu behaupten, in dem sie längst auf verlorenem Posten stehen. Er hatte unter anderen in seinen EM-Club die Schauspielerin Veronica Ferres eingeladen, die das Spiel im Wiener Stadion verfolgt und die schwache Hoffnung hatte, der Moderator sei wirklich daran interessiert, was sie zum ängstlichen Spiel der deutschen Mannschaft zu sagen habe.

Zwanghafte Heterosexualität

Sie stellte also die nicht ganz verwegene These auf, die Österreicher hätten auch 3:1 gewinnen können, was der Herr Hartmann mit einem süffisanten Grinsen zur Kenntnis nahm, um sie mit der wirklich dringenden Frage zu konfrontieren, welchen deutschen Spieler sie denn am attraktivsten fände. Leider war sie in ihrem naiven Bemühen, ernst genommen zu werden, zu verdattert, um die Frage zurückzugeben und mal nachzuhaken, warum er dieselbe Frage nicht dem ebenfalls anwesenden österreichischen Trainer Josef Hickersberger stellt? Oder sie gleich selbst beantwortet? In einer Zeit, in der die zwanghafte Heterosexualität dieses Sports immer wieder in Frage gestellt wird, wäre es ja vielleicht ganz interessant, was Männer darauf antworten.

Aber einer Frau, die sichtlich mit Interesse und Kenntnis das Spiel verfolgt hat, mit dieser Frage zu kommen, war schlicht eine Unverschämtheit. Insbesondere gepaart mit dem anzüglichen Ansinnen, ob Frau Ferres zu einem Trikottausch bereit wäre. Im Ernst. Waldi hielt einer der populärsten deutschen Schauspielerinnen ein von Ballack signiertes Trikot hin und lockte sie, es möglichst live gegen ihr eigenes ärmelloses Deutschland-Shirt zu tauschen. Ich hätte mir gewünscht, sie klebt ihm eine und geht. Nicht, weil darauf keine andere Antwort denkbar gewesen wäre, sondern wegen der wirklich atemraubenden Dreistigkeit, sie nicht mit demselben Respekt zu behandeln wie die männlichen Gäste.

Niveau von Altherrenwitzen

Es ist ja immer leicht, sich über die sogenannten Anrufsendungen lustig zu machen, in denen Leute für dumm verkauft werden – ich wüsste nicht, wo der Unterschied zu „Waldis EM-Club“ besteht, außer dass man im einen Fall frei entscheiden kann, ob man zum Hörer greift, und im anderen zwangsweise Gebühren zahlt. Es war mit einem Wort: beschämend, wie die ARD die Mehrheit ihrer Zuschauer für dumm verkauft, wie sie 13,33 Millionen Zuseherinnen auf dem Niveau von Altherrenwitzen abserviert. Aber dort, wo entschieden wird, was man mit den Gebühren finanziert, glauben sie im Ernst, man könne als Kult verkaufen, was einfach nur vor Blödheit strotzt.

Man mag ja von mir aus die Art bejammern, wie sich Fußball vom Proletensport zum Family Entertainment gewandelt hat, wie die Wahrheit, die vorgeblich immer nur auf dem Platz lag, sich mittlerweile in eine schöne Lüge verwandelt hat, die in tausendfacher Zeitlupenwiederholung zelebriert wird, aber es ist dasselbe Phänomen, wie die Wandlung von Las Vegas von der Spielerhölle zum familienverträglichen Amüsierpark. Und natürlich gab es immer schon die unerwiderte Liebe der Intellektuellen, aber wo das früher eine eher heimlich gepflegte Leidenschaft war, da ist der Sport heute ein natürliches Betätigungsfeld des Feuilletons wie Popmusik, Film und all das andere, was nicht den klassischen Künsten zuzurechnen ist. Der Fußball lässt diese ungeahnte Zuneigung über sich ergehen wie alles andere, aber natürlich ist es nicht nur so, dass mancher Sportteil es locker mit dem Feuilleton aufnehmen kann, sondern, dass es auch völlig gerechtfertigt ist, dass die Winkelzüge dieses kulturellen Phänomens namens Fußball Gegenstand feuilletonistischer Auseinandersetzung sind.

Zurück ins Jahr 1996

Was der Filmregisseur Samuel Fuller mal über das Kino gesagt hat: Es sei ein Schlachtfeld – Liebe, Hass, Action, Gewalt und Tod, mit einem Wort: Gefühle; das gilt natürlich auch für den Fußball, mag in der Gleichung vielleicht die Schönheit fehlen und der Tod womöglich verzichtbar sein. Das sind jedenfalls schon mal ein paar gute Gründe, warum es überhaupt keine Überraschung ist, dass Frauen sich dafür mittlerweile genauso oder mehr interessieren wie Männer.

Das war nicht immer so.

Vielleicht muss man zurück ins Jahr 1996, um zu verstehen, welch langen Weg dieser Sport und seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zurückgelegt haben. Auch wenn es eine ganz und gar private Erinnerung ist: Meine Frau feierte einen runden Geburtstag, wir waren gemeinsam in einem feinen Hotel in Sizilien, dem Glück stand nichts im Wege. Außer dem Unstand, dass der FC Bayern an genau diesem Abend zum ersten Mal seit zwanzig Jahren wieder einen europäischen Titel gewinnen konnte.

Ein Paradies nur für Jungs

Über meine Liebe zu diesem Verein muss jetzt mal nicht diskutiert werden: Ich bin Münchner, war zwölf, als Georg Schwarzenbeck mit einem Ausgleich in der Verlängerung eine Spielwiederholung und den ersten Sieg erzwang, und habe geweint. Das muss genügen. So einfach ist das. Aber dieses Paradies stand damals nur Jungs offen. Ich wette, es gab damals auch Frauen, die mitgefiebert haben, aber das alte Rollenspiel und Typen wie Waldemar Hartmann sahen nicht vor, dass sie sich dazu bekennen wollten oder ihre Stimme überhaupt gehört wurde. Jedenfalls war es damals noch, 1996, völlig undenkbar, dass ich meine Frau in jenem feinen Hotel in Sizilien dazu hätte überreden können, Fußball zu gucken, statt den Geburtstag im Restaurant entsprechend zu feiern.

Und so habe ich den größten Erfolg meiner Mannschaft in zwanzig Jahren verpasst. Es gibt eben Wichtigeres im Leben. Und ich konnte es ihr auch nicht einmal übel nehmen, weil Fußball damals ein Sport war, aus dem Frauen konsequent ausgeschlossen wurden. Sei es durch die gebetsmühlenartigen Witze, wonach die stets emotional bedürftige Mutti sich immer vergeblich an Vati abarbeitet, der im Unterhemd biertrinkend vor der Sportschau sitzt, sei es durch die ständige Betonung der ach so komplizierten Abseitsregel, die von der Männerwelt stets wie eine Monstranz vor sich hergetragen wurde, um jene, die nicht desselben Glaubens sind, von vornherein von dem Spiel auszuschließen. Als sei die Regel nicht a) ohnehin komplett schwachsinnig und b) eine mathematische Gleichung mit so vielen Unbekannten, dass Frauen sie unmöglich lösen könnten. (Die Wahrheit ist, dass die Regel auch für männliche Schiedsrichter so wenig praktikabel ist, dass es auch bei dieser EM wieder zu einem halben Dutzend klarer Fehlentscheidungen kam). Aber das ist die Wahrheit: Mit der doofen Abseitsregel haben es die Männer nahezu ein Jahrhundert verstanden, den Frauen den Zugang zu ihrer liebsten Freizeitbeschäftigung zu verwehren.

Meine Herren, das ist zu wenig

Und es soll jetzt keiner kommen und behaupten, es gebe hundert andere Feinheiten, die man zum Verständnis dieses Sports braucht. Man muss nur mal Béla Réthy und Steffen Simon zuhören, um zu wissen, dass jeder Idiot dieses Spiel verstehen kann. Das Niveau, auf dem sich bei uns die Live-Moderatoren bewegen, beschränkt sich im Wesentlichen aufs Benennen der ballführenden Spieler und das Aufsagen des Offensichtlichen – da hat sich seit Rudi Michel 1966 nicht viel geändert, auch wenn sich das Ganze heute gefühliger gebärdet. Wir seien ein Volk von zig Millionen Bundestrainern, heißt es immer, aber keiner der öffentlich-rechtlichen Funktionäre, die sich zum Sprachrohr aufschwingen dürfen, war in der Lage, die offensichtlichsten Probleme im deutschen Spiel zu benennen.

Angesichts des doch beachtlichen Geweses, das um diesen Sport veranstaltet wird, ist es unbegreiflich, warum es jemanden wie Jürgen Klopp braucht, um in der Rückschau zu benennen, wofür die Herrschaften am Mikro vorher blind waren. Réthy und Simon sind nur die momentanen Vertreter einer seit Jahrzehnten auf der Stelle tretenden Unfähigkeit, einem mit solcher Leidenschaft betriebenen Sport mehr als Plattitüden abzugewinnen. Und damit versuchen Typen wie Waldi ihre Deutungshoheit zu rechtfertigen. Meine Herren, das ist einfach zu wenig – und trotzdem zahlen wir auch dafür Gebühren.

Befreit von alten Rivalitäten

Womöglich liegt es ja tatsächlich auch an den Frauen, dass Veranstaltungen wie die EM mittlerweile familienfreundlicher und allumfassender gefeiert werden. Und kurioserweise ging mit der Begeisterung für einzelne Starspieler im Besonderen und die Dramatik des Spiels ganz allgemein auch der neuerdings unbefangene deutsche Patriotismus einher. Als würden sich seit der sensationellen WM 2006 die Leute sagen: Wenn wir aus Begeisterung für das Spiel für diesen und jenen sein können, warum nicht auch einfach für die Deutschen? Und so kam es, dass nun die Autos mit nicht nur einer, sondern gleich mehreren deutschen Fahnen unterwegs sind und es viele gibt, die verschiedene Flaggen setzen.

Warum auch nicht? Der Fußball wirkt geradezu befreit von seinen alten Rivalitäten – ein geradezu olympischer Geist durchweht ihn. Und wer schon wieder erschrickt, weil alle die deutsche Nationalhymne mitsingen, hat nichts verstanden – das ist nichts anderes, als wenn alle den neuesten Song von Madonna anstimmen oder im Stadion „Seven Nation Army“ von den White Stripes absingen. Natürlich gibt es für ein Land in diesem Zusammenhang nicht Größeres, als wenn es im Finale steht. Fragt nur mal die Holländer, die zwei Spiele lang unwiderstehlich waren, oder die Italiener, denen es völlig egal gewesen wäre, wie sie weiterkommen, oder die Kroaten, die nicht recht wussten, wie ihnen geschah, oder die Türken, die mit allem gerechnet hatten, nur nicht damit, dass sie überlegen sein und trotzdem in letzter Minute verlieren würden, oder die Russen mit Arschawin, der erst Gott und dann doch nur ein Mensch war. Stattdessen sind wieder die Deutschen im Finale. Wir.

Unfassbar spannend

Aber was habe ich gemacht, als Philipp Lahm das nicht mehr für möglich Gehaltene vollbracht hat? Habe an meine Familie, weil ich alleine in München geguckt hatte, eine SMS geschickt: „Das war ja noch schlechter als gegen Kroatien. Also können wir im Finale ja nur gewinnen.“ Zurück kam erst eine SMS von meiner Frau: „Hä?“ Also rief ich an, um mich zu erklären. Nach dem Kroatien-Spiel habe doch keiner was auf uns gesetzt – und dann waren sie gegen Portugal wie ausgewechselt. Und nach dem Katastrophen-Spiel gegen die Türken könne es im Finale ja nur wieder besser werden. Meine Frau wusste gar nicht, wovon ich rede. Das sei doch unfassbar spannend gewesen, mit einem unglaublich dramatischen Ende – und ob ich mich denn nicht freuen würde? Draußen hupten schon die ersten Autos auf den Straßen, und ich kam mir wie ein Miesepeter vor. Als hätte ich nicht richtig verstanden, worum es bei dem Spiel eigentlich geht.

Und dann kam eine SMS von meiner Tochter, die mit einer Mandelentzündung im Bett lag: „FIIINALE, OHOH! FINALE, OOOHOH! Wundervoll, wundervoll!“

Ich habe geantwortet: „Ja, großartig. Der totale Hammer!“

Weil sie Recht hat. Am Ende geht es nur darum: Emotionen!

Und dass ich vor der EM auf Spanien gewettet habe, ist mir heute so was von scheißegal. FINALE!

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Von Gerhard Stadelmaier

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