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Fußball-Akademie Die Kultur des Kickens

29.10.2004 ·  Gerade noch rechtzeitig vor der WM im eigenen Land ist in Nürnberg die „Deutsche Akademie für Fußball-Kultur“ gegründet worden. Schily und Stoiber spielten Doppelpaß, und Herbergers Geist schwebte über allem.

Von Dirk Schümer
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"Maßgeblich is' auffem Platz", lautet eine alte Trainerweisheit aus dem Ruhrgebiet. Doch hat sich längst herumgesprochen, daß Fußball nicht nur auf dem Rasen, nicht nur mentalmäßig in den Köpfen und nicht nur mit dem vollen Portemonnaie gespielt wird, sondern sich in allen diesen Erscheinungsformen zu einer veritablen Gesamtkultur gemausert hat.

So unmöglich es scheinen mag, diese totale soziale Tatsache von außen diskursiv auch nur einigermaßen in den Griff zu kriegen, so muß eine Gesellschaft, die sich ihrer eigenen Wurzeln bewußt bleiben möchte, den Zweikampf mit dem Phänomen Fußball immerhin suchen. Zu diesem Behuf wurde nun in Nürnberg die "Deutsche Akademie für Fußball-Kultur" aus der Taufe gehoben.

Bierhoff und das Feuilleton

Im Schlagschatten des Großereignisses "WM 2006" scheint auch der Deutsche Fußball-Bund die nicht einmal unverständlichen Berührungsängste gegenüber denen aufgegeben zu haben, die sich mit Deutungen, Kommentaren, Analysen besserwisserisch um das vielbegehrte Spiel sammeln. Daß Fußballfeuilleton und Fußballsoziologie über die dreißig Millionen dringend auszugebenden Euro für das weltmeisterliche Kulturprogramm hinaus dem Sport mehr nützen als schaden könnten, meinen inzwischen auch Entscheidungsträger wie der geschäftsführende DFB-Präsident Theo Zwanziger oder der Öffentlichkeitsmann im Nationalteam, Oliver Bierhoff, die in Nürnberg das Gespräch suchten.

Aber auch auf der anderen Seite öffnet sich der Elfenbeinturm der Akademiker und Autoren und zollt der Fußballindustrie mit ihren beileibe nicht mehr unbedarften Akteuren den verdienten intellektuellen Respekt. Lange vorbei die Zeiten, da Spieler mit einer Tank- oder Lottoannahmestelle für ihre Dienste abgefunden wurden und schon einmal ein Viertel statt eines Drittels der Einkünfte für sich forderten. Oder unglücklich in die Welt der Kammermusik dribbelten: "Wir zwei sind ein tolles Trio."

Abgründe zwischen Salon und Strafraum

Bei den Nürnberger Gesprächen, die das Auftaktspiel für künftiges Wirken der Akademie boten, bezeugte etwa ein geachteter Fußballsoziologe wie Gunter A. Pilz einstige Ausgrenzung, weil seine bürgerlichen Eltern ihm den Proletensport Fußball rüde verboten. Solche Abgründe zwischen Salon und Strafraum, Denken und Treten, Wissenschaft und Sport scheinen nicht erst im Zuge des erhofften gesellschaftlichen Rucks durch die WM 2006 endgültig zugeschüttet. Die dadurch entstandene Fläche scheint, gut eingesät, gedüngt und vertikotiert, das ideale Spielfeld für die Fußballakademiker.

Selten auch sah man Spitzenpolitiker derart aufgeräumt beisammensitzen wie auf dem Nürnberger Podium. Sportminister Otto Schily scheint in der Weltmeisterschaft bereits eine Art Krönung seines politischen Lebenswerks zu erahnen, erteilte im Überschwang aber auch allfälligen Olympiabewerbungen ostdeutscher Mittelstädte den Todesstoß durch den unfreiwilligen, doch nicht minder treffenden Versprecher, die WM sei für Deutschland der wichtigste globale Event "auf Jahrzehnte".

Der linke Läufer Stoiber

Und weil er die mühselige Vorbereitung für dieses Medienereignis nicht als Kanzler stemmen muß, sondern als bayrischer Ministerpräsident genießen darf, gewährte auch Edmund Stoiber Einblick in sein Fußballerherz. Hat er doch, so erzählte der sonst so kontrolliert verteidigende Politiker mit sichtlicher Rührung, die Aufmerksamkeit seiner späteren Frau als - offenbar damals schon durchsetzungsfähiger - linker Läufer in einer Wolfratshausener Amateurmannschaft zu gewinnen vermocht.

Um sich freilich dauerhaft in der Stadt des deutschen Fußballaltmeisters 1.FC Nürnberg zu etablieren, muß die neue Akademie mehr zu bieten haben als Fachsimpelei und das Schwärmen von vergangenen Fußballertagen. Vielversprechend wirkte hier vor allem der Blick über die Grenzen. So könnte man mit Lesungen, Diskussionen und einer zentralen Anlaufstelle auch im Internet dazu beitragen, Verhältnisse wie in den Niederlanden, in Spanien oder Südamerika herbeizuführen, wo prominente Autoren feste Fußballkolumnen haben und großartige, auch fiktionale Literatur zum Thema entsteht. Daß ein Autor vom Rang Thomas Brussigs nach Nürnberg kam, läßt hoffen, daß unsere Schreiber einmal in die Lücke stoßen können, die der deutsche Fußball momentan im internationalen Vergleich nicht besetzen kann. Naturwüchsige Perspektive wäre dann der Aufbau eines Fußballmuseums.

Mit ähnlicher Taktik bezeugte Wolfgang Bader, stellvertretender Generalsekretär des Goethe-Instituts, Deutschland als Kulturnation nun durch den Fußball repräsentieren zu lassen; eine erste kleine Wanderausstellung seines Hauses hatte er mitgebracht. "Wenn wir den Schülern unserer Deutschkurse", so Bader, "die Herbergerschen Fundamentalsätze wie ,Der Ball ist rund' oder ,Der nächste Gegner ist immer der schwerste' vermitteln können, dann wäre das ein großer Dienst an der deutschen Sprache." Denn im Dichter-Denker-Land kann man mit Herberger jede Abwehr knacken.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30. Oktober 2004
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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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