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Archäologischer Fund : Eine Schwester für die Venus vom Hohle Fels

Zwischen 35 000 und 40 000 Jahre alt: links die 2008 in der Schwäbischen Alb gefundene Venus, rechts das neue Fragment. Bild: Universität Tübingen

Vor sieben Jahren wurde auf der Schwäbischen Alb die bisher älteste Menschendarstellung gefunden. Die Dame war offenbar kein Einzelstück: Archäologen haben dort neue Fragmente entdeckt.

          Im Tal der Ach, östlich von Schelkingen in der Schwäbischen Alb, liegt eine Höhle, die Archäologen nur den „Hohle Fels“ nennen - auseinandergeschrieben und undekliniert. Bekannter noch als durch ihre ungewöhnliche Orthographie ist sie aber als Fundort der Altsteinzeit. Wundersames kam dort schon zum Vorschein: winzige und dennoch künstlerisch vollendete Tierskulpturen aus Mammut-Elfenbein, eine aus einem Vogelknochen gefertigte Flöte und im Jahre 2008 eine fast vollständig erhaltene, gerade einmal sechs Zentimeter hohe Frauenskulptur. Mit einem Alter zwischen 35 000 und 40 000 Jahren handelt es sich bei der „Venus vom Hohle Fels“ um die wahrscheinlich früheste bekannte Darstellung eines Menschen überhaupt.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Damit ist die stattliche Dame zehntausend Jahre älter als alle anderen Stücke dieses in späteren Eiszeitkulturen beliebten Sujets, etwa die berühmte „Venus von Willendorf“ in Österreich. In der Kulturstufe der Skulpturenfunde im Hohle Fels, dem nach einem französischen Fundort so benannten Aurignacien, sind sonst allenfalls tierköpfige Mischwesen wie der bekannte Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel belegt, die sich in Zusammenhang mit Jagd oder Schamanismus bringen lassen, aber nichts, was sich in dieser eindeutigen Weise auf Weiblichkeit bezieht. Das warf von Anfang an die Frage auf, ob es sich bei der aurignacienzeitlichen Venus um einen Einzelfall handelt.

          Spuren anatomisch moderner Menschen

          Seit gestern sieht es nicht mehr danach aus. Da stellte Nicholas Conard, Professor für Ältere Urgeschichte an der Universität Tübingen, einen neuen Fund aus dem Hohle Fels vor. Er gehört zu

          den Erträgen der Grabungen seines Teams im vergangenen Jahr, die Conard und seine Grabungstechnikerin Maria Malina gleichzeitig in der Fachpublikation „Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg“ veröffentlicht haben. Bei den meisten der insgesamt 949 Einzelfunde handelt es sich um urzeitarchäologische Alltäglichkeiten wie Steinartefakte oder Tierknochen, die aber allesamt wichtige Datenpunkte für Datierung und die Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte in jener Höhle liefern und ohne die uns selbst ein Jahrhundertfund wie die Venus vom Hohle Fels wenig bis nichts über die Altsteinzeit verraten würde.

          Flöten und Perlen aus Elfenbein

          Diese Resultate bestätigten ein Bild, das seit Beginn der modernen Grabungen im Hohle Fels immer deutlicher wird. Demnach hatten es sich hier zunächst Neandertaler gemütlich gemacht. Dann war die Höhle eine Zeitlang vor allem von Hyänen bewohnt, und ab etwa 40 000 Jahren vor heute hinterließen frisch nach Mitteleuropa eingewanderte anatomisch moderne Menschen ihre Spuren: die Träger der Kultur des Aurignacien.

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          Im Gegensatz zu ihren neandertalischen Vormietern, die sie aber ausweislich einer von Siedlungsspuren freien Lehmschicht hier wohl nie angetroffen haben, nutzten die Leute aus der Gattung Homo sapiens die Höhle (ebenso wie einige andere in der Schwäbischen Alb) intensiver - und kreativer. So fanden die Ausgräber um Conard und Malina in der vergangenen Saison 48 Elfenbeinperlen in unterschiedlichen Bearbeitungsstadien, die nahelegen, dass im Hohle Fels zumindest zeitweise Eiszeit-Juweliere Werkstätten betrieben haben. Bei einem mit Kerben versehenen Splitter eines Röhrenknochens könnte es sich um das Fragment einer weiteren Flöte handeln.

          Ein eiszeitlicher Büstenhalter

          Darüber hinaus aber fanden die Forscher in fast derselben frühen Aurignacien-Schicht, deren Untersuchung die Venus vom Hohle Fels zutage gefördert hatte, auch zwei zusammengehörige Bruchstücke einer Elfenbeinskulptur. Sie zeigen den Teil einer Wölbung und merkwürdige Rillen. „Bei den bisher aus der Eiszeit bekannten Tierfiguren und Löwenmenschen gibt es keine vergleichbaren Formen und Muster“, sagt Nicholas Conard. Aber bei der Venus gibt es sie durchaus: So lässt sich die Wölbung als seitliches Bruchstück einer weiblichen Brust interpretieren, und die Rillen erinnern frappant an die Muster am Oberbauch der Venus, bei denen es sich um die Darstellung von Bändern oder einem Kleidungsstück handeln könnte, eine Art eiszeitlicher Büstenhalter vielleicht. Damit sieht alles danach aus, als stammten die Fragmente von einer zweiten, sogar ein klein wenig größeren Skulptur mit ausgeprägt weiblichen Merkmalen. Zwar könnten andere Forscher nun nach der Veröffentlichung der Funde auf alternative Interpretationen kommen, aber bis dahin ist für Conard der Fall klar: „Es muss eigentlich eine Frau sein.“

          In den nächsten Monaten können sich nun aber nicht nur die Fachleute über das neue Fundstück aus der Schwäbischen Alb beugen. Im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren, dessen wissenschaftlicher Leiter Conard ist, wird es bis zum 11. Oktober in einer Sonderpräsentation zu sehen sein. Das Original der Venus vom Hohle Fels steht gleich daneben.

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