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Fünf Sätze von Günter Grass Umlenkung

29.12.2006 ·  Bis heute versteht Günter Grass die ganze Aufregung um seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS nicht. Er hat ja nicht etwas verschwiegen. Er hat es nur nicht ausdrücklich deklariert.

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Ein Vierzig-Fuß-Schiffscontainer faßt 26,5 Tonnen bei 67,6 Kubikmeter Volumen. Der freundliche Zollbeamte am Danziger Hafen macht eine ausladende Handbewegung. Gesetzt, man füllt 26,4 Tonnen originalverpackte Sülze in den Container, dann bleibt immer noch ein ganz kleiner, großartig unscheinbarer Raum von 0,1 Tonne für Schmuggelware, Zigaretten zum Beispiel oder Schnaps. Das Wesen des Schmuggels besteht darin, das Interesse auf die Sülze zu lenken. Nicht der Schmuggler, sondern der Zoll muß nervös werden. „Umlenkung“ nennt das der Danziger Zollbeamte.

Der Schmuggler sagt sich: Vielleicht überprüft der Zoll zehn Tonnen, vielleicht sogar zwanzig, aber spätestens nach fünfundzwanzig Tonnen originalverpackter Sülze wird er, zermürbt und gelangweilt, die Kontrolle abbrechen. Und dann ist es geschafft. Die Überschreitung der Zollgrenze ist wie eine Geburt. Wenn der Schnaps erst einmal im Land ist, das weiß auch der Zoll, ist es, als wäre er immer schon da gewesen. Und genau darauf spekulierte Günter Grass. Er hat sein Geständnis geschmuggelt. 480 Seiten Erinnerungen, davon neunzig Prozent in der einen oder anderen Weise bereits bekannt.

Schau mich nicht so böse an

Die Zöllner, die das alles checken mußten, hatten Sätze wie die folgenden (aus dem „Butt“) im Ohr, kein Wunder, daß sie sehr unfroh an die Arbeit gingen: „Als kein Glück mehr nachdämmern wollte, als wir aus jeweils verschiedener Zeitweil wieder der platten Gegenwart zufielen, als wir in Wirklichkeit fröstelten und keinen Traum mehr vorrätig hatte, war von der Sülze nichts übriggeblieben.“ 480 Seiten „Beim Häuten der Zwiebel“ und in diesen 480 Seiten, und jetzt aufgemerkt: genau 5 Sätze Schmuggelware. Und die sind ganz unscheinbar eingesülzt. Grass schreibt nämlich nicht: „Jetzt muß ich hier einmal aber etwas gestehen, was ich sogar meinen Kindern nie erzählte, von meinen Biographen ganz zu schweigen.“ Eine Erklärung dieser Art gab er erst später im Gespräch mit dieser Zeitung ab.

Seine Sätze im Buch sind im Gegenteil ganz unscheinbar und beiläufig. „Zu fragen ist: Erschreckte mich, was damals im Rekrutierungsbüro unübersehbar . . .“ statt „Sie werden erschrecken, lieber Leser . . .“ - gerade so, als würde der Schnaps zum Zöllner sagen, schau mich nicht so böse an, ich bin ja bloß Sülze. Darum versteht Grass bis heute auch die ganze Aufregung nicht. Er hat ja nicht etwas verschwiegen. Er sagt sich, wie wir es einst am Frankfurter Flughafen mit unseren 400 Stück Zigaretten taten: Ich habe es nicht verschweigen wollen, ich habe es nur nicht ausdrücklich deklariert. Die Lebenserinnerungen des Günter Grass sind ein riesiger Frachtcontainer, der fünf Sätze transportiert. Es ging darum, sie auszusprechen und sie gleichzeitig in Sülze zu ersticken. Die Frage, wie er glauben konnte, damit durchzukommen und selbst hellwache Biographen wie Michael Jürgs täuschen zu können, ist keine moralische, sondern eine literatur-physikalische Frage. Es hätte ja gelingen können, gleichsam als Satyrspiel unserer Vergangenheitsbewältigung. Aber Grass, wie er da seine Frachtpapiere zeigte, war wohl doch einfach zu nervös.

Quelle: schi., F.A.Z., 30.12.2006, Nr. 303 / Seite 37
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