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Veröffentlicht: 30.05.2011, 15:00 Uhr

Fünf Jahre Berliner Hauptbahnhof Zum Geburtstag mal die Wahrheit

Welcher Bahnhof wollte nicht eine „Kathedrale der Moderne“ sein: Seit fünf Jahren hören wir jetzt, der Berliner Hauptbahnhof sei eine Perle der Architektur, nur das Umfeld lasse zu wünschen übrig. Sorry, aber: Nein!

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© dpa Etwas sonderbar: Das Vorbild für diesen Bahnhof sind Piranesis Kerker und Folterkammern

Berlin ist die einzige Stadt mit einem Hauptbahnhof, der nur mit der Bahn erreicht und verlassen werden kann. Man kommt mit der S-Bahn und sucht den Bahnsteig, von dem aus es weitergeht. Wenn man ihn gefunden hat, ist der Zug zwar weg, aber das Schöne an Zügen ist ja: Es kommt immer irgendwann ein nächster. Oder man kommt an mit dem Zug und sucht die S-Bahn. Wenn man Glück hat, fährt die auch und bringt einen zu einem anderen Bahnhof. Und dort ist dann die Stadt.

Wir hatten alle mal geglaubt, wir würden uns daran gewöhnen mit der Zeit. Aber fünf Jahre haben noch nicht ganz gereicht dafür. Man hat immer irgendwie zu wenig Zeit, um es stoisch hinzunehmen. Man will, unbelehrbar, wie der Mensch eben ist, immer nur den Zug kriegen, den man genau deswegen verpasst. Denn Eile macht orientierungslos. Eile ist das Letzte, was man haben sollte, wenn man diesen Hauptbahnhof benutzt. Muße soll man haben. Muße, um ihn als Meisterwerk der Architektur zu genießen. So ist das gedacht.

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So wird die Sache aber nur noch schlimmer.

Berliner Hauptbahnhof draufsicht neu © dapd Vergrößern Verbaut, im Sinner von verkorkst: Luftaufnahme des Bahnhofs

Was nämlich die Architektur betrifft, ist es nach fünf Jahren und sehr viel Muße infolge verpasster Züge vielleicht einmal an der Zeit, die Wahrheit zu sagen: Etwas, was funktional dermaßen gescheitert ist, kann keine gute Architektur sein. Die Wahrheit ist: Dieser Berliner Hauptbahnhof ist fundamental missraten - und zwar nicht, weil die Glasdächer über den Bahnsteigen kürzer und die Decke über dem Tiefgeschoss flacher ausgeführt wurden, als der Architekt das wollte. Der Berliner Hauptbahnhof ist als Ganzes und nach seinen eigenen ästhetischen und architektonischen Ansprüchen missraten.

Als die reine Idee noch scheinen durfte

Dies mitten in die Jubelgesänge zum fünften Geburtstag hinein zu sagen, mag unhöflich klingen. Aber wenn auch nach fünf Jahren wieder und wieder das gleiche Lied ertönt - der Bahnhof sei ein Meisterwerk, nur das städtebauliche Umfeld lasse noch zu wünschen übrig -, dann wird es höchste Zeit, einmal ganz deutlich zu sagen, dass das leider Quatsch ist. Eher wird noch umgedreht ein sogenannter Schuh daraus. Das Umfeld ist eine Ödnis, eine Brache, das ist richtig. Aber das heißt eben immer auch, dass da noch alle Möglichkeiten offen sind. Beim Hauptbahnhof ist nichts offen und das, was man dort tun möchte (schnell zum Zug kommen), nicht möglich. Er ist verbaut, im Sinne von verkorkst. Vielleicht weil er zu viel wollte.

Dabei ist ja nachvollziehbar, was den Kritikern so gefallen hat, gefallen musste, damals, als der Bau gerade fertig wurde, als die reine Idee noch scheinen durfte, ungetrübt von Reisenden, die verzweifelt, schwitzend und fluchend nach den Bahnsteigen suchen. Da war dieses Kreuz, dieses größte, älteste, pathetischste aller Bilder, mit all seinen Konnotationen. Da war die Vierung, die der Bau bildet, wie bei einer richtigen Kathedrale - und welcher Bahnhof wollte nicht eine „Kathedrale der Moderne“ sein. Der Berliner Bahnhof hätte, wenn es nach dem Architekten gegangen wäre, sogar ein Pfeilergewölbe gehabt, wie in einer echten Krypta. Und als Hauptsache natürlich das schwindelerregende Über- und Unter- und Neben- und Durcheinander der Ebenen, Treppen, Gleise, Durchblicke und Abgründe: ganz wie in den „Carceri“ von Piranesi, den berühmten Architekturphantasien aus dem 18. Jahrhundert.

Große Geste aus der Luft

Wie! Wie! Wie! Kritiker sind glücklich, wenn sie Dinge wiedererkennen, wenn sie Referenzen benennen können und berühmte Vorbilder - auch wenn Piranesis Bilder von Gefängnissen, dystopischen Labyrinthen und endlosen Folterhöllen ein etwas sonderbares Vorbild sind für einen Bahnhof. Noch glücklicher wären sie aber, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, was sie noch nicht kennen, noch nie gesehen haben, erst einmal begreifen und verdauen müssen. Der Berliner Hauptbahnhof ist in diesem Sinne sehr leicht verdaulich. Aber da er in diesen Anhäufungen von Als-obs überdeutlich macht, was er gern wäre, fällt umso deutlicher ins Auge, was er dann in seiner eigenen Tatsächlichkeit alles nicht ist. Zum Beispiel: kathedralenhaft großzügig. Er ist lediglich groß und zugig. Das liegt auch daran, dass das Kathedralenhafte unserer Gründerzeitbahnhöfe einen funktionalen Grund hatte, der hier völlig fehlt. Dampflokomotiven erforderten hohe Riesenhallen, damit die Leute nicht im Rauch ersticken. Die typischen Dachkonstruktionen aus Stahl und Glas waren die damals zeitgemäßeste Lösung. Das Glasdach des Berliner Hauptbahnhofs wölbt sich einzig aus Gründen der Nostalgie über den ICEs und fröstelnden Passanten, als ein historistisches Ornament. Dann diese Sache mit dem Stahlträger: Ein Jahr nach der Eröffnung hatte ein Sturm einen 8,40 Meter langen Stahlträger aus jener Außenfassade gepustet, die so aussah, die so aussehen sollte, als wäre jedes ihrer stählernen Teile nur deswegen an seiner Stelle, um das Große und Ganze zu halten. Da lag es aber nun und hatte zum Glück nicht auch noch jemanden erschlagen: ein tonnenschwerer, nutzloser Stuckschnörkel aus Stahl.

Schwer zu sagen, was empörender ist: dass man dem Bau beim Lügen zusehen muss oder dass er dann auch noch so wenig daraus macht. Wenn der Konstruktivismus schon nur ein vorgetäuschter ist, warum muss er dann so kleinlich aussehen? So, wie aus dem Fischertechnik-Baukasten zusammengeschraubt? Warum dann nicht eine ambitioniertere architektonische Geste? Denn die Großgeste mit der Kreuzung erkennt man ja nur aus der Luft. Und selbst die entpuppt sich immer dann als theatralisch und leer, wenn man, weil zum Beispiel Hamburg im Norden liegt, demonstrativ nach Norden rausfährt, nur um dann trotzdem als Nächstes wie früher in Spandau zu halten, wie alle Züge, die nach Westen rausfahren. Nicht alles daran mag die Schuld der Architekten sein. Aber sie haben es geschafft, dass auch tägliche Nutzer nach fünf Jahren immer noch intuitiv falsch laufen, das Gefühl haben, grundsätzlich den ungünstigsten Weg gegangen zu sein, und darüber streiten, womit man langsamer vorankommt, mit den Rolltreppen oder den Fahrstühlen.

Der Erste, der die Wahrheit aufschreibt

Das Problem ist wirklich nicht das Umfeld. Erst ein Billigmotel hat sich da angesiedelt? Na und. Bahnhofsviertel sind selten die Gegenden mit den Villen und den Prada-Läden. Ein Bahnhofsviertel, das so sehr echtes, großstädtisches Bahnhofsviertel sein wollte, wie der Hauptbahnhof ein echter großstädtischer Bahnhof sein will, das würde eher den Neubau von abgeranzten Spielhallen, Striplokalen und Puffs erfordern. Die Leere ist nicht das Problem. Das Problem ist eher, dass man trotz der Leere nicht einmal vernünftig mit dem Auto vorfahren kann, ohne dreimal vor und zurück zu rangieren in der katastrophal fehlgeplanten Vorfahrt. Entnervt brüllende Taxifahrer. Verzweifelt im Überall-Halteverbot parkende Autofahrer. Wie Schiffbrüchige über den Sand sich herbeischleppende Fußgänger. Zusammen mit den orientierungslos Umherirrenden aus der Bahn machen sie den Ort zu einem einzigen täglichen Jammertal.

Das ist die Wahrheit.

Und warum muss ich der Erste sein, der sie aufschreibt? Vielleicht, weil die Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg heißen und unbestreitbar auch viel Großartiges gebaut haben. Zum Beispiel den Berliner Flughafen Tegel. Ein herrliches, bis heute erregend neuartiges, hinreißend funktionales und praktisches Gebäude, das genaue Gegenteil ihres Hauptbahnhofs. Demnächst wird Tegel geschlossen. Weil Berlin im Moment alles daransetzt, zur zweiten Stadt nach München zu werden, deren Flughafen nur aus der Luft erreicht werden kann.

Glosse

Klingt nach Rohrkrepierer

Von Edo Reents

Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten. Warum nur hat sich Martin Schulz im SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ das Wort im Titel umdrehen lassen? Mehr 13 53

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