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Veröffentlicht: 19.03.2012, 06:48 Uhr

Frühkritik: Günther Jauch Keine Sendung bis Mitternacht

Jauchs Sendung zur Bundesversammlung war hoffentlich die Letzte zum Thema Bundespräsident. Es ist nicht mehr zu ertragen. Wir sollten Gauck nun arbeiten lassen.

von Frank Lübberding
© dpa Günther Jauch

Ein Politiker, der vor der Wahl ausführlich mit Gauck geredet hatte, erzählte anschließend beeindruckt: „Nach einer halben Stunde wusste ich zwar nicht, was er gesagt hat - aber es war sehr schön.“ So schreibt es Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“. Nun hat die Exegese Gauckschen Schrifttums in den Wochen seit dem Rücktritt von Christian Wulff einen beeindruckenden Umfang angenommen. Bisweilen erinnerte es an die sogenannte Kreml-Astrologie früherer Zeiten. Damals hatten Experten für „Sovjet-Russland“, so artikulierte das etwa Konrad Adenauer, jede Zeile aus dem Kreml auf tiefere Einsichten hin untersucht. Der Herausgeber des „Spiegel“, Rudolf Augstein, sah das als Kolumnist Jens Daniel immer anders als Adenauer. Das waren noch Zeiten als jeder wusste, warum Augstein ein Nationalliberaler und Adenauer ein rheinbündlerischer Katholik gewesen waren.

Das interessierte am Sonntag aber noch nicht einmal mehr den früheren bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, war er doch vom Geist der Ökumene beseelt. Stoiber war bei Jauch zu Gast, genauso wie der Chefredakteur des heutigen „Spiegel“, Georg Mascolo. Letzterer ist ein wohl erzogener Mann. Er fragte den Gastgeber, ob er dem ebenfalls anwesenden Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler eine Frage stellen dürfe. Dessen Antwort ignorieren wir genauso wie die Frage, obgleich Hans-Jochen Vogel, einer der Vorgänger des heutigen SPD-Vorsitzenden, Rösler versicherte, dass er ihn ernst nehme. Immerhin.

Dafür klärte uns Mascolo darüber auf, was unter einem „linken, konservativen Liberalen“ zu verstehen sei, so die bekannte Formel des neuen Bundespräsidenten: Nämlich „ein rechter Sozialdemokrat“, so zitierte er Gauck aus seinen früheren Gesprächen mit ihm. Mascolo berichtete dem Zuschauer zudem, wie sehr Gauck nach dem Ende seiner Tätigkeit bei der Stasi-Unterlagenbehörde auf eine Einladung in die Politik gehofft habe. Sie kam nicht. Wahrscheinlich waren die Sozialdemokraten zu der Zeit wieder einmal mit der Suche nach einem neuen Vorsitzenden beschäftigt gewesen.

Die schiefe Ebene in der Debatte

Mascolo definierte auch ansonsten die Leitlinie der Sendung. Er kann es ebenso wie die anderen Gäste in der Sendung kaum erwarten, dass ihm der Bundespräsident in den nächsten fünf Jahren die „Leviten liest“. Ob die Bürger, die Politiker oder die Medien - Gauck wird in seiner neuen Funktion auf Lesereise ein weites Feld zu beackern haben. Nun hat die Vorstellung eine gewisse Komik, dass etwa ein Rudolf Augstein eine ähnliche Erwartung formuliert hätte. Aber lassen wir diese Sentimentalität eines mittlerweile älter gewordenen Fernsehkritikers.

Ihn verwunderte nur die Aussage Mascolos, dass „Gauck schon in die Liga von Helmut Schmidt aufgestiegen“ wäre. Sind Bundespräsidenten in ihrer Wirkung tatsächlich mit solchen Großpublizisten zu vergleichen? Nach diesem Kriterium wäre wahrscheinlich jeder der bisherigen Bundespräsidenten als gescheitert zu betrachten. Auf diese schiefe Ebene haben uns erst die beiden Alt-Bundespräsidenten Köhler und Wulff gebracht, die jeder auf ihre Art das Amt herunter gewirtschaftet haben – und damit erst die grotesken Erwartungen erzeugt haben, die ein Mascolo gestern formulierte.

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