11.08.2011 · Um die Mauer zu perfektionieren, wurde sie von 1963 an dokumentiert. Die Berliner Ausstellung „Aus anderer Sicht“ zeigt diese zufällig entdeckten fotografischen Protokolle als Panorama perfider Stadtverwüstung.
Von Regina MönchDie Ostseite der Berliner Mauer wurde nur selten fotografiert - es war verboten und wer dabei erwischt wurde, hatte mit harten Strafen zu rechnen. Der Fotograf Arwed Messmer und die Publizistin Annett Gröschner entdeckten vor anderthalb Jahrzehnten bei anderen Recherchen im Militärarchiv Potsdam eine Kiste mit ungeschnittenen Kleinbildfilmen von der Mauer der frühen Jahre. Es sind fotografische Protokolle, Auftragsbilder für den pioniertechnischen Ausbau der 43 Kilometer langen Mauer, die Berlin mittendurch zerschnitt und ihren westlichen Teil vom Rest der Welt trennte. Sie zeigen eine zwar undurchlässige, aber noch provisorische Grenze, aufgenommen von Soldaten, die den Auftrag dazu hatten.
Es sind nüchterne Amateurfotos, die keinen Zweifel daran lassen, dass hier eine endgültige neue Nachkriegsordnung geschaffen werden sollte. Alles war nach diesem Augustsonntag vor fünfzig Jahren geteilt, getrennt und zerschnitten worden - die Straßen und Plätze, die Häuser und sogar das Wasser der Spree, in die man martialische Gitter rammte, durch die nur noch Enten und Fische gefahrlos schwimmen konnten.
Arwed Messmer, dem Berlin schon eine grandiose Ausstellung zur Stadtgeschichte verdankt, hat gemeinsam mit Annett Gröschner aus diesem dramatischen Geschichtsmaterial das wohl eindrücklichste Kunstwerk zum Mauerbaujubiläum geschaffen: In 324 Panoramen montiert, rekonstruieren sie eine verwüstete Stadt.
Strandgut des Kalten Krieges
Sie kehren den bekannten Blick vom Westen auf die Mauer um, in den anderen, von Osten her, und rücken die vergessene Zeit des Provisorischen in den Fokus der Wahrnehmung, als zum Absperren und Verbarrikadieren so ziemlich alles genommen wurde, was man vorfand. Gröschner ergänzt diese „andere Sicht“, die der Ausstellung den Titel gab, mit literarisierten Bildkommentaren, die den menschenleeren, scheinbar unbewohnten Stadtraum auf unheimliche Art beleben.
Gröschners Bildlegenden erzählen von banalen oder auch schockierenden „Vorkommnissen“ an einer Weltengrenze, die zu notieren jedem Wachposten auf der Ostseite befohlen worden war. Sie hat diese Geschehnisse aus den Protokollen der Grenzregimenter geborgen - Strandgut des Kalten Krieges, gesprochenes Wort von West nach Ost. „Ist es bei euch auch so kalt wie bei uns?“, fragt ein West-Berliner Polizist an der Dorotheenstraße, die damals Clara-Zetkin-Straße hieß; „Kommt doch her, ihr Feiglinge!“, ruft eine Frau der Bootsbesatzung an der Oberbaumbrücke zu; am Nordgraben in Pankow notiert der Posten irgendwann: „Drei Bauarbeiter aus dem Märkischen Viertel bewerfen den Posten mit einem Blechdeckel.“; an der Provinzstraße im Wedding fordert ein Mann den Posten auf, Fahnenflucht zu begehen, „dabei fällt dem Mann die Tasche herunter, er springt über die Mauer, um sie zu holen, und wird verhaftet“.
Belobigung für ganz banales Bravsein
Der Kurator Florian Ebner, mit dem Messmer schon bei „Soweit kein Auge reicht“ in der Berlinischen Galerie zusammenarbeitete, hat diese atemberaubende Ausstellung als Rundgang konzipiert. Er beginnt am Potsdamer Platz und führt, Panorama um Panorama, einmal bis in den Norden an den Rand der Stadt und dann, vom gleichen Ort aus, in den Süden. Es ist eine schier endlose Aneinanderreihung des Schreckens gewalttätiger Grenzarchitektur, die West-Berlin zu einer fernen, tabuisierten Zone machte. Der Osten kommt nur vor mit verwüsteten Friedhöfen, deren Zäune und Mauern vor dem sogenannten „Ausbau“ mit Hinterland- und Vorderlandmauer die Grenze markierten; er zeigt die Reste gesprengter Straßenzüge als unheimlichen Burgwall aus Häuserstümpfen oder auch nur wüstes Trümmerland, von Panzersperren aus Beton übersät.
Annett Gröschner hat die Wände einiger Nebenzimmer mit Zitaten aus den Führungsbüchern der Grenzsoldaten gefüllt. Es ist die Sprache von Untertanen, die belobigt werden für ganz banales Bravsein, aber auch für Taten, die ihr Unrecht unter der entatmeten und gefühllosen Amtssprache der DDR verbergen. Ein anderes Kabinett, das „Turmzimmer“, vereint an den Wänden die Sammlung früher Grenztürme: Hochsitze, an die Jägerei erinnernd, kompakte Wachtürme wie für mittelalterliche Burganlagen geschaffen, oder Betontürme wie Luftschutzunterstände des Bombenkrieges.
Die Ausstellung „Aus anderer Sicht“ ist jetzt schon Teil des Bildgedächtnisses der Stadt; auch, weil sie eine Antwort finden lässt auf die Frage, warum Berlin sich so radikal von seiner Mauer befreite.
Erinnerungen in einer Reflektion zur Ausstellung
Peter Herbeck M.A. (peterherbeck)
- 11.08.2011, 17:47 Uhr