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Fritz Stern zum Fall Grass : Eine Provokation mit bedrückendem Ergebnis

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Befremden bei geteilter Sorge: Der amerikanische Historiker Fritz Stern kritisiert die Irreführung der Israel-Kritik durch Günter Grass Bild: dpa

Die Notwendigkeit der Kritik rechtfertigt nicht diese Form der Anklage: Ein Gespräch mit dem Historiker Fritz Stern über Günter Grass, die Debatte über dessen Gedicht und konstruktive Kritik an Israel.

          Herr Stern, wie war Ihre erste Reaktion auf das Gedicht von Günter Grass?

          Die erste Reaktion war Trauer - und Bedauern. Weil ich sofort merkte, damit schadet er sich selbst. Das Gedicht ist ja eine ungeheure Selbstverwundung. Dass er der Sache geschadet hat, das kam mir natürlich auch gleich in den Sinn.

          Kennen Sie Günter Grass persönlich?

          Ich kannte ihn recht gut - vor vielen Jahrzehnten. Ich erinnere mich an einen Abend bei ihm in Berlin in der Niedstraße, 1966 oder 1967. Ich war so beeindruckt von der „Blechtrommel“ und schätzte auch sein politisches Engagement. Dann haben wir auch korrespondiert. Ich wollte ihn für ein halbes Jahr nach Columbia, an meine New Yorker Universität, holen. Das hat dann nicht geklappt - aus Zeitgründen seinerseits. Obwohl ich auch Gegner des Vietnamkrieges war und diesen als einen Schaden für das eigene Land betrachtet habe, fand ich seinen Antiamerikanismus befremdlich und langweilig. Seit Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre haben wir uns dann kaum noch gesehen.

          Passt das Gedicht in Ihr Bild von Grass?

          Erst nachträglich. Er hat sich schon seit langer Zeit als Moralapostel aufgespielt. Hingegen kam mir seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS zunächst gar nicht in den Sinn. Und dass diese jetzt so betont wird, finde ich nicht fair. Wie überhaupt die ganze Debatte in Deutschland.

          Was stört Sie an dieser Debatte?

          Das exzessive ad personam, und dann immer wieder die Betonung der Waffen-SS. Das Schlimme ist nicht die Mitgliedschaft des Nicht-Erwachsenen, sondern dass Grass sie jahrzehntelang verschwiegen hat. Jetzt allerdings muss ich sagen: Er hätte weiter schweigen sollen. Er hat sich gut verstanden aufs Schweigen. Da fällt mir auch das Wort Nietzsches vom „feinen Schweigen“ ein. Grass hat für sich selbst das feine Schweigen in Anspruch genommen, indem er jahrzehntelang nichts gesagt hat über die Waffen-SS, zugleich aber das deutsche Publikum immer gerügt hat: „Ihr beschäftigt euch nicht genug, seid euch eurer Vergangenheit nicht bewusst genug.“ Das galt ja für ihn selbst noch mehr.

          Und jetzt wird er die Geister, die er rief, offenbar nicht mehr los.

          Dass er für die Form der Debatte selbst viel Verantwortung hat, ist klar. Aber der Antisemitismus-Vorwurf stört mich. In der „Blechtrommel“ gibt es doch den Herrn Sigismund Markus, der ein Geschäft für Spielsachen hat, wenn ich mich recht erinnere, und der Selbstmord begeht - das ist so glänzend, mit so viel Einfühlungsvermögen geschrieben und so eindrucksvoll wie kaum eine andere Geschichte aus jener Zeit. Das kann kein Antisemit geschrieben haben.

          Leider hat die künstlerische Gabe der Empathie selbst Schriftsteller nicht immer immun gemacht gegen Hassgefühle.

          Das mag sein. Aber zu glauben, dass, wer Israel kritisiert, deshalb ein Antisemit sei, ist gefährlicher Blödsinn. David Remnick, Chefredakteur des „New Yorker“, hat jüngst einen wichtigen Artikel über Israel veröffentlicht, den die „Zeit“ diese Woche nachdruckt. Es geht um die politische Kultur Israels. Von einem Juden geschrieben, in einem der allerwichtigsten Journale, die wir in Amerika haben - das sitzt. Das ist eine große Sorge, die ich teile: Warum haben wir, die wir nicht in Israel leben, selbst die Deutschen mit all der Vergangenheit, nicht das Recht, genau solche Sachen zu sagen - angetrieben von derselben Sorge, die auch viele großartige Israelis tief bewegt?

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