06.10.2008 · Kurt Beck hat sein Buch schnell noch umgeschrieben. Was aber ist mit Friedrich Merz? Der präsentiert in wenigen Tagen ein selbstverfasstes Werk, dessen Titel zur Stunde nicht unproblematisch anmutet: „Mehr Kapitalismus wagen“.
Von Jörg ThomannDas Buch entdeckten wir in der Bahnhofsbuchhandlung, auf einem jener nah am Eingang postierten Tische, deren Exponate nicht säuberlich gestapelt, sondern wahllos übereinandergeschmissen werden. Wie konnte das Werk auf der Resterampe landen, wo doch sein Autor einer der populärsten deutschen Fußballspieler war, nämlich Nationaltorhüter Oliver Kahn? Der Blick auf den Buchtitel gab die Antwort: „Nummer eins“. Es war im Frühsommer 2006, kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft. Im Tor der Deutschen stand Lehmann. Und was vorher noch titanenhaft selbstbewusst klang, wirkte plötzlich nur tragisch und trotzig. Bei seinem Folgewerk wählte Kahn statt der Nummer eins lieber die Nummer Sicher, und zwar den zeitlosen Titel „Ich“.
Kurt Beck hat, wie man weiß, seine soeben publizierte Autobiographie an entscheidenden Stellen hastig umschreiben müssen, brauchte aber zumindest das Cover nicht anzutasten: Obgleich sich zum Zeitpunkt der Niederschrift auch bei ihm ein „Nummer eins“ angeboten hätte, entschied er sich für das weniger vergängliche „Ein Sozialdemokrat“.
Einsamer Kampf
Hätte sich Friedrich Merz an ihm nur ein Beispiel genommen! Auch von Merz erscheint dieser Tage ein neues Buch, in dem der CDU-Politiker seine „Wege zu einer gerechten Gesellschaft“ skizziert. Welches aber ist, gemäß Buchtitel, der Königsweg? „Mehr Kapitalismus wagen“. Damit, prophezeite der Piper-Verlag schon vor Wochen, werde sich Merz „gegen den Zeitgeist stellen“. Wie sehr sie hier ins Schwarze treffen, haben sie bei Piper nicht ahnen können: Bei seinem waghalsigen Kampf für mehr Kapitalismus hat Merz inzwischen ja sogar Josef Ackermann gegen sich.
Geplant als gemäßigt provokante Streitschrift, scheint das Merz-Werk für den Verlag zum Risikopapier zu werden. Auf direktem Weg zur Resterampe, tauglich allenfalls als Scherzartikel unter entlassenen Bankern. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass von Merz zur Finanzkrise noch nichts zu hören war: Womöglich schreibt er gerade eilig sein Buch um. Mit einem neuen Titel freilich wird’s auf die Schnelle nichts mehr werden. Und welchen hätte er auch wählen sollen? „Mehr Politik wagen“ heißt schon ein Buch von Sigmar Gabriel. Und „Ein Christdemokrat“ klänge, jedenfalls im Fall von Merz, auch schon wieder arg vergänglich.
"Mehr Kapitalismus wagen" ?
Gerd Lehmann (Gerd_L)
- 06.10.2008, 22:20 Uhr
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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