15.12.2005 · In „Die schlafende Schöne im Walde“ von Charles Perrault vereinen Feen Schönheit, Eleganz und Vernunft in der geistreichen Rede, und das Unzivilisierte unterliegt dem Charme der Vernunft.
Von Friedmar ApelDie französische Aufklärung wollte die Welt entzaubern; so verfiel alles Wunderbare und Abergläubische dem Verdikt der Vernunft.
Ausgerechnet der Vertreter der „Modernes“ in der Academie aber veröffentlichte 1695 die „Contes de ma mere l'Oye“, die „Märchen meiner Mutter Gans“ (wenngleich zunächst unter dem Namen seines Sohnes) und verschaffte damit der Märchenform eine nie dagewesene Verbreitung.
Seine sprachspielerische Bearbeitung behandelt die Volksüberlieferung ästhetisch und ironisch, jedoch ohne dem Leser das Vergnügen am Wunderbaren zu verderben. Die Feen aber erscheinen als Verkörperungen eines Ideals der Salonkultur, der Vereinigung von Schönheit, Eleganz und Vernunft in der geistreichen Rede.
Anlaß zu galanter Konversation
Das Dornröschen der Brüder Grimm sticht sich an der Spindel, weil der Zauberspruch der dreizehnten Fee in Erfüllung gehen muß. Bei Perrault geschieht das zusätzlich, weil das schöne Kind ein wenig zu lebhaft ist. Mit Dornröschen schläft der ganze Hofstaat ein, bei Perrault wird das noch einmal als Werk einer vorausschauend denkenden Fee ins Werk gesetzt, denn die Schöne würde ja schockiert sein, wenn sie sich beim Erwachen allein in dem großen Schloß fände. So wird alles Geschehen doppelt motiviert, ihre magischen Fähigkeiten benutzen die Feen zur Herstellung einer schönen und vernünftigen Ordnung.
In der Grimmschen Fassung haben die hundert Jahre des Schlafes nur symbolische Bedeutung, das Leben geht weiter, wie es war. Bei Perrault gibt die vergangene Zeit Anlaß zu galanter Konversation. So begrüßt die erwachende Prinzessin den Prinzen mit der Bemerkung, er habe ziemlich lange auf sich warten lassen. Ihre anmutige Rede verwundert den Erzähler nicht, denn sie hatte ja genug Zeit zum Überlegen.
Der Charme der Vernunft
Der Prinz bemerkt ihre altmodische Kleidung, besitzt aber genügend Takt, ihr das nicht zu sagen, zumal sie im großmütterlichen Habit nicht weniger schön erscheint. Zu Tische gibt es schließlich Musik, die ganz vorzüglich klingt, obwohl man sie doch hundert Jahre nicht gespielt hat.
Bevor alles gut ausgeht, müssen sich diese feinsinnigen Menschen, anders als bei den Grimms, noch einer Menschenfresserin erwehren. Freilich ist auch diese nicht ganz unkultiviert. Die Schöne und ihr Kind möchte sie in einer sauren Zwiebelbrühe mariniert verzehren. Daraus wird natürlich nichts, denn das Unzivilisierte muß dem Charme der Vernunft erliegen.