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Friedenspreisträger Saul Friedländer Was ist das eigentlich: jüdisch?

Der Historiker Saul Friedländer ist in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Im Interview mit Johanna Adorján spricht er über religiösen Fundamentalismus und Marilyn Monroes Übertritt zum Judentum.

© F.A.Z./Frank Röth Vergrößern Saul Friedländer: „Meine Liebe, abgesehen von der Arbeit, welche Geschichte ist, gilt dem Lesen”

An diesem Sonntag bekommt der Historiker Saul Friedländer, 74, in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Er wurde als Sohn jüdischer Eltern in Prag geboren, überlebte den Holocaust in Frankreich versteckt, seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. In seinem zweibändigen Hauptwerk, „Das Dritte Reich und die Juden“, 2006 vollendet, verknüpft er die Geschichten von Tätern mit denen der Opfer, die er in Tagebucheinträgen zu Wort kommen lässt. Er hat damit das umfassendste Werk über den Holocaust geschaffen - zuvor hatte sich die Forschung allein auf die Täter konzentriert. Friedländer lehrt an der University of California in Los Angeles.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie erst 1946, im Alter von vierzehn Jahren, so richtig realisiert haben, dass Sie Jude sind. Das war, als Sie das erste Mal von Auschwitz hörten.

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Ich wusste natürlich schon vorher, dass ich Jude bin. Ich überlebte ja versteckt in einem katholischen Kloster, niemand durfte wissen, dass ich Jude war. Aber dann erzählte mir ein katholischer Priester das erste Mal vom Holocaust. Er erzählte, was in Auschwitz passiert war. Und dass meine Eltern dort umgekommen waren. Ich habe erst vor kurzem erfahren, dass dieser Priester gegen eine päpstliche Anordnung gehandelt hat, indem er mich auf meine wahre Identität hinwies. Auf Anweisung des Papstes hätten die jüdischen Kinder, die während des Kriegs zum Katholizismus konvertiert waren, eigentlich in den Klöstern behalten werden sollen.

Friedenspreis friedländer köhler honnefelder © dpa Vergrößern Gratulanten in der Paulskirche: Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins, Bundespräsident Köhler (li.)

Von Sartre stammt der Satz: „Es ist der Antisemit, der den Juden schafft“. Stimmen Sie dem zu?

Nein. Denn Sartre übersieht dabei vollkommen, dass die Juden auf eine Geschichte von rund 3000 Jahren zurückblicken konnten, bevor sie im Zweiten Weltkrieg zum Objekt antisemitischer Mordgier wurden. Seine Definition stimmte nur für eine Minderheit von vollkommen assimilierten Juden, dazu gehörte auch ich.

Was ist das eigentlich: jüdisch?

Das ist wirklich eine schwere Frage. Man erzählt sich zum Beispiel die Geschichte, ob sie stimmt oder nicht, dass der Mann, der während der Staatsgründung Israels die zentrale politische Figur war, Ben Gurion, in den fünfziger Jahren vierzig Gelehrte in jüdischen Angelegenheiten bat, ihm ihre jeweilige Definition davon aufzuschreiben, was ein Jude ist. Es heißt, er habe vier vollkommen unterschiedliche Antworten bekommen. Die habe er in einen Safe gepackt, und keiner weiß, wo sie zu finden sind. So geht die Geschichte. Wer ist ein Jude? Zur Klärung dieser Frage hat es in Israel einige Gerichtsverfahren gegeben, und die Knesset hat versucht einen Kompromiss zu finden, der von der religiösen Definition ausgeht: Jüdisch ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde. Man hat diese Definition gewählt, um zu vermeiden, dass die religiösen Parteien die Regierung verlassen. Aber es gibt auf diese Frage keine Antwort. Es geht natürlich nicht um Rasse, denn jeder kann durch Konversion Jude werden. Und jeder, der keine Lust mehr hat, kann austreten, seinen Namen ändern - und dann wird der Antisemit trotzdem sagen, guck, der hier, Mr. Smith, der heißt in Wahrheit Silberstein. Also, ich würde sagen, es ist eine persönliche Entscheidung.

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