14.10.2001 · In der Frankfurter Paulskirche nahm der 72jährige Philosoph Jürgen Habermas den Friedenspreis des deutschen Buchhandels entgegen.
Der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas ist am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.
In Anwesenheit von Bundespräsident Johannes Rau, Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie weiterer politischer und kultureller Prominenz sprach sich Habermas für einen intensiveren Dialog zwischen Religion und Wissenschaft aus. Der Preisträger warnte den Westen davor, als Reaktion auf die Terroranschläge Militanz der Selbstbesinnung vorzuziehen.
Der 72-jährige Habermas erhielt die Auszeichnung aus der Hand von Roland Ulmer, Vorsteher
des Börsenvereins des deutschen Buchhandels.
Verlesung der Urkunde
Ulmer verlas die Begründung der Jury für die Vergabe des renommierten Preises. Darin wird Habermas als Denker charakterisiert, der den Weg der Bundesrepublik Deutschland ebenso kritisch wie engagiert begleitet habe und von einer weltweiten Leserschaft als der prägende deutsche Philosoph der Epoche wahrgenommen werde. Die Laudatio hielt der Hamburger Literaturprofessor und Stifter Jan Philipp Reemtsma. In seiner Dankesrede ging Habermas auf zwei aktuelle Themen ein: die Herausforderung des Terrorismus wie auch die ethisch-moralische Problematik des Umgangs mit menschlichen Embryonen.
Bei den verheerenden Ereignissen des 11. September sieht der Philosoph eine Explosion der „Spannung zwischen säkularer Gesellschaft und Religion“. Als Grund dafür analysiert Habermas „eine Ungleichzeitigkeit von Kultur und Gesellschaft in den Heimatländern der Täter“. Dort stehe den Menschen „keine erfahrbare Kompensation für den Schmerz des Zerfalls traditionaler Lebensformen in Aussicht“.
Laudatio des Stifters
Reemtsma wendet sich gegen Versuch der Historisierung Habermas warnte den Westen in Abänderung seiner gedruckten Rede ausdrücklich davor, nur auf ökonomische Durchdringung oder militärische Überlegenheit zu setzen: „Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung. Das ist es, was der Westen als die weltweit säkularisierende Macht aus seiner eigenen Geschichte lernen kann“. Und der Preisträger forderte die weltliche Macht auf, „einen Sinn für die Artikulationskraft religiöser Sprachen“ zu bewahren.
Im Hinblick auf die kontroverse Diskussion über die Konsequenzen der Gentechnologie stellte Habermas ganz am Ende seiner halbstündigen und begrifflich sehr anspruchsvoll formulierten Dankesrede die Frage: „Müsste nicht der erste Mensch, der einen anderen Menschen nach eigenem Belieben in seinem natürlichen Sosein festlegt, auch jene gleichen Freiheiten zerstören, die unter Ebenbürtigen bestehen, um deren Verschiedenheit zu sichern?“
Staatsphilosoph
In seiner Laudatio würdigte Reemtsma den Preisträger als „einen der großen Theoretiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts wie des beginnenden 21. Jahrhunderts.“ In dem Werk von Habermas erkannte Reemtsma als Leitidee das „Prinzip der Anschließbarkeit“. Er bezog sich damit auf die Fähigkeit des ehemaligen Frankfurter Lehrstuhlinhabers, „geschichtsphilosophische Motive in sozialwissenschaftliche Rekonstruktionen und Hypothesen“ transformiert zu haben.
Bundesaußenminister Joschka Fischer, der Habermas aus Zeiten der Studentenbewegung kennt, sagte in der ARD, dieser sei „fast ein Staatsphilosoph des demokratischen Deutschlands“ geworden. Er habe wesentliche Debatten in Deutschland mitbestimmt. „Ich lerne nach wie vor sehr viel von ihm.“ Auf die Jahre der 68er-Bewegung bezogen sagte er, Habermas sei ein Vorbild gewesen. Aber wie es mit jedem Vorbild sei, habe man sich auch sehr an ihm gerieben, erklärte Fischer und erinnerte an den von Habermas geprägten Begriff des Linksfaschismus.