17.08.2005 · Mit dem Fahrrad war Roger Schutz 1940 nach Taizé gekommen, hatte dort ein ehemaliges Herrenhaus gekauft, in dem er in der kriegs- und Nachrkiegszeit Flüchtlinge versteckte. 1949 gründete er mit sieben Gleichgesinnten die „Communauté de Taizé“.
Die Anerkennung für das Lebenswerk von Frère Roger ist im Bonner Münster derzeit allgegenwärtig: Für die von dem Schweizer gegründete Brüdergemeinschaft aus Taizé im französischen Burgund ließ es die katholische Kirche zu, daß zum Weltjugendtag das Wahrzeichen der ehemaligen Bundeshauptstadt vollkommen leergeräumt wurde. Der bislang einmalige Vorgang in der fast 900jährigen Geschichte des Gotteshauses ist umso denkwürdiger, weil der jetzt offenbar von einer psychisch Kranken erstochene Frère Roger Protestant war. Der von ihm gegründete Orden ist die erste ökumenische Gemeinschaft der Kirchengeschichte und galt bislang als Ort des Friedens und der Ruhe.
Ohne den üblichen Pomp der Kirchen wollte Roger Schutz mit seinen Glaubensbrüdern beten und wählte deshalb einen besonders schlichten Rahmen. Nur auf dem Boden sitzend werden in Taizé die von meditativen Gesängen begleiteten täglichen Gebete zelebriert. So sollte es jetzt auch in Bonn sein, wo ein großer Teil der Gemeinschaft derzeit weilt. Dort und in der Kirche St. Agnes in der Kölner Innenstadt erwarteten die Organisatoren des Weltjugendtages einen Zustrom Tausender.
Vorläufer der heutigen Weltjugendtage
Mit den Jahren wurde nämlich Taizé für viele Jugendliche auch aus Deutschland zu einem Wallfahrtsort, an dem sie meist für eine Woche gemeinsam beten, singen und arbeiten. Und einmal im Jahr organisiert die Glaubensgemeinschaft in irgendeiner Metropole zum Jahreswechsel ein Jugendtreffen, zu dem zehntausende Besucher kommen. Beide Arten von Treffen gelten vielen als Vorläufer der heutigen Weltjugendtage.
Mit dem Fahrrad war der am 12. Mai 1915 geborene Sohn eines Schweizer Pfarrers und einer Französin 1940 in das auf einem Hügel im Département Saone-et-Loire gelegene Taizé gekommen. Schutz kaufte in dem Dörfchen ein ehemaliges Herrenhaus. Schnell wurde das nahe der Demarkationslinie gelegene Gebäude zur Unterkunft für Flüchtlinge, darunter vor allem Juden, die Schutz versteckte. Nach Kriegsende nahm der Pfarrer auch deutsche Kriegsgefangene auf und gab damit ein Beispiel für die von ihm später immer wieder gepredigte Versöhnung. 1949 entstand dann aus sieben Gleichgesinnten die „Communauté de Taizé“, deren Mitglieder sich zu einem mönchischen Leben verpflichteten.
Kommunion von Ratzinger empfangen
In den 60er Jahren kam allmählich eine Welle von jungen Leuten in Gang, die von dem von Einfachheit geprägten Lebensstil der Brüder fasziniert waren. Im Soge der 68er-Bewegung wurde aus Taizé ein Ort des religiösen Happenings. Auf der Welle dieser Euphorie rief Schutz 1970 in Anspielung an das kurz vorher beendete Zweite Vatikanische Konzil das „Konzil der Jugend“ aus. Heute kommen in den Ferienmonaten teilweise über 10.000 junge Menschen zu den Gebeten. Und nachdem in den Anfangsjahren vieles im Chaos verlief, wandelte sich Taizé mittlerweile zu einem geordneten Ort des Gebets und der Stille. Schutz erlebte diesen Wandel zunächst als tatkräftiger, mit seinen wachsenden Altersgebrechen dann aber zunehmend vor allem als geistiger Vater.
Seinen letzten großen Auftritt hatte der 1974 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 1990 mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnete Frère Roger bei der Trauerfeier für Papst Johannes Paul II. im April. 1986 hatte dieser die Gemeinschaft selbst besucht und sie als „kleinen Frühling“ gelobt. Bei der Trauerfeier hatte sich der im Rollstuhl sitzende charismatische Mönch auf den Petersplatz schieben lassen, um vom Papst Abschied zu nehmen. So kam Schutz zu einer seltenen Ehre: Kardinal Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., spendete Schutz die Kommunion, obwohl dies für einen Protestanten eigentlich nicht erlaubt ist. Der Vatikan hatte anschließend alle Not, dies zu erklären.
Doch trotz dieses Zeichens blieb Schutz letztlich unzufrieden mit den Fortschritten der Ökumene. Im letzten seiner jährlichen Glaubensbriefe rief er flammend dazu auf, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. „Es ist dringlich, Gemeinschaft heute wiederherzustellen; das kann nicht ständig auf später, auf das Ende der Zeiten verschoben werden“, schrieb Schutz in dem im Dezember beim Taizé-Treffen in Lissabon veröffentlichten Brief.