30.06.2010 · Die europäischen Leser hielten sich, das zeige die Erfahrung, am liebsten an die eigenen Nationalliteraturen: "Berührungspunkte, Erfahrungen und der gemeinsame Umgang mit Konflikten in der postmodernen, postindustriellen und postkolonialen ...
Die europäischen Leser hielten sich, das zeige die Erfahrung, am liebsten an die eigenen Nationalliteraturen: "Berührungspunkte, Erfahrungen und der gemeinsame Umgang mit Konflikten in der postmodernen, postindustriellen und postkolonialen Welt bleiben aus." Wer der europäischen Kulturintegration ein derart ruinöses Zeugnis ausstellt, ist Eleftherios Ikonomou, der Leiter der Griechischen Kulturstiftung Berlin. Aha, möchte man denken, Griechenland wieder einmal, dieser Herkules mit Muskelschwund, dem soeben die eigene Keule aufs Haupt gedonnert ist und der nun fremdes Desinteresse verantwortlich macht. Doch Ikonomou ist in diesem anregenden Band, in dem sich dreiunddreißig Autoren - darunter Umberto Eco, Tim Parks und Rafik Schami - jenseits rundgelutschter Multikulti-Topoi der Frage widmen, ob Literatur "dem Kontinent zu einer oft vermissten Identität zu verhelfen" vermag, keineswegs der einzige Schwarzseher. Auch der Dichter Adam Thorpe, der Übersetzer Holger Fock oder die Journalistin Gabriella Gönczy bemängeln die mangelhafte Übersetzungsförderung der EU: So blieben die meisten Werke in den "kleinen Sprachen Europas" regional isoliert. Was also liest Europa? Vor allem "lokale" und englischsprachige Bücher, die massenhaft übersetzt werden. Trotz aller Widrigkeiten halten die meisten Beiträger in Zeiten ökonomischer Entsolidarisierung am hehren Ideal des Kultur-Europas fest. Was Europa jedenfalls heute schon lesen könnte - in fünf Sprachen - wäre dieser Report. ("Europa liest - Literatur in Europa". Kulturreport Fortschritt Europa 3/2010. Hrsg. vom Institut für Auslandsbeziehungen und von der Robert Bosch Stiftung. 208 S., br., kostenlos. Zu beziehen unter www.ifa. de, Versand 3,50 [Euro].) oju
Liebe Krise
Zu den zwiespältigen Folgen der Finanzkrise zählt neben der Abwrackprämie vor allem der Finanzkrisenroman. Während jene dafür gesorgt hat, dass manch nostalgieträchtiges Modell auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist, ermöglicht dieser die Wiederkunft von allerlei verkrachten Existenzen, namentlich von politischen Romantikern um die fünfzig. Maximilian Klein ist so ein ewiger Stenz der Rebellion, der trotz des Gefühls, "etwas im Leben falsch zu machen, genauer: alles", in "leicht verquasten Reden" überall und unverdrossen gegen oder für etwas eintritt, notfalls "für seltene Schreibweisen oder den ungewöhnlichen Gebrauch der deutschen Sprache". Die Finanzkrise ist für ihn ein "Geschenk des Himmels". Nicht ganz ohne Bewusstsein der eigenen Lächerlichkeit tut er sich mit jungen Infoterroristen zusammen, um Elisabeth Locust zu entführen, Bankerin und Publizistin, bekannt als "die schwarze Ikone des marodierenden Kapitalismus". Die Geisel aber stellt sich als Maximilians Jugendliebe Lisa Pauly heraus, die er nicht vergessen konnte. Während er sie im Bungalow am Stadtrand bewacht, zieht er im Bann ihrer Nähe die Bilanz seines widerborstigen Lebens. Lukas Hammerstein (Jahrgang 1958) beherrscht die Mittel des intelligenten Unterhaltungsromans, aber er vertraut seinem Thema nicht. Die Finanzkrise dient ihm als bloßer Anlass für systemkritisches Larifari, dass auch durch Ironie nicht erträglicher wird. Überzeugender sind die sentimentalen Rückblenden, die freilich zu häufig allerlei Gefühlsplunder aus der Mottenkiste jener Songs zutage fördern, die einst "von der Liebe und der Krise und der Zukunft erzählten". (Lukas Hammerstein: "Wo wirst du sein". Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 256 S., geb., 18,95 [Euro].) fap
Sonnige Beete
Gärtner sind Realisten, keine Schwärmer. Sie werden es nicht befremdend finden, dass gleich im ersten Gedicht dieser Garten-Anthologie "Haufen von Dünger" vorkommen, schließlich fördert Dünger das Wachstum und Gedeihen in ihrem grünen Revier. Den Autor, den Schwärmer Rainer Maria Rilke, kennen wir allerdings eher als Anbeter von Rosen und Lilien. Gleich die dritte von elf Rubriken, in welche die hundert Gedichte geordnet sind, ist mit "Die sieben Plagen" überschrieben. Auch Goethe kannte sie: "Und die Raupen dazu, ferner Käfergeschlecht, Maulwurf, Erdfloh, Wespe, die Würmer, das Teufelsgezüchte". "Lasst sie nur alle, so frisst einer den anderen auf", riet er. Wilhelm Busch empfahl etwas anderes: "Lieber Freund, dass du dich bückst / und sehr viele Raupenseelen / Pitsch, aus ihren Häuten drückst." "In den sonnigen Beeten" lässt es sich philosophieren, träumen und glücklich sein, und es gedeihen nicht nur die schönsten Blumen, sondern auch Kohl und Kürbis. Wie in jeder gelungenen Sammlung gibt es neben der Freude an Bekanntem viel Unbekanntes zu entdecken. Zum Schluss kommt Peter Rühmkorf mit der handfesten Aufforderung zu Wort: "Hier sind Hacke, / Harke, / Schaufel und Besen, und nach zwei drei Jahren erblüht für jeden / vor der eigenen Haustür ein Garten Eden." ("In den sonnigen Beeten". Hundert Gedichte für Gartenfreunde. Hrsg. von Jürgen Engler. Aufbau Verlag, Berlin 2010. 210 S., geb., 12,95 [Euro].) m.f.