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Fremd im eigenen Land : Weil dieses Land hier unsere Heimat ist

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Nicht jeder Deutsche sieht auch so aus Bild: AP

Deutschland hält sich für ein tolerantes Land. Wer jedoch deutsch ist, aber nicht die „richtige“ Haar- oder Hautfarbe hat, der wird von seinen Mitbürgern stets aufs neue heimatlos gemacht. Zwei junge Frauen berichten.

          Ort: eine Großstadt im Westen Deutschlands. Situation: ein Interview zur Aufnahmeprüfung. Erste Frage zum Warmwerden: „Frau Demir, wo haben Sie so gut Deutsch gelernt? Ich habe selten solch einen fehlerfreien Text von einer Ausländerin zu lesen bekommen - Respekt!“

          Mir wird warm, unangenehm warm. Schon wieder diese Frage. Eigentlich als Kompliment gedacht. „In der Schule und zu Hause, also in Deutschland“ - wie immer meine bereits standardisierte Antwort. Eiseskälte beim Gegenüber. Ich scheine irgend etwas falsch gemacht zu haben. Nur was? Im Anmeldeformular hatte ich unter Staatsangehörigkeit „deutsch“ angegeben. Ebenso meinen Beruf: Lehrerin. Unterrichtsfach: Deutsch.

          Ort: eine Großstadt im Osten Deutschlands. Situation: ein Interview zur Aufnahmeprüfung. Erste Frage aus dem Professorengremium: „Frau Günter, können Sie sich denn vorstellen, von Köln hierhinzuziehen?“ Ich überlege. Was er wohl meint? Sicher den Verlust des rheinischen Frohsinns, des Kölner Doms und des Karnevals. Ich antworte mit einer Gegenfrage: „Warum sollte ich mir das nicht vorstellen können?“ „Ja ...“, antwortet einer und seufzt tief, „bei uns im Osten ist der Ausländeranteil ja nicht so hoch wie in Köln. Ich weiß nicht, ob Sie sich dann hier so wohl fühlen würden.“ Mir fehlen die Worte. Mein Beruf: Schriftstellerin. Thema meiner Bücher: Deutschland.

          Wir sind keine Ausnahme

          Unsere beiden Erlebnisse sind keine Ausnahme oder gar Seltenheit, genauso wie wir keine Ausnahme oder Seltenheit sind. Die Erlebnisse sind vielmehr repräsentativ für unseren Alltag. Wir jedoch werden nicht als repräsentativ angesehen und fragen uns oft, warum nicht. In den letzten Wochen lesen und hören wir viel über die, die sich nicht integrieren wollen, die die hiesige Sprache nicht beherrschen, vielleicht auch nicht beherrschen wollen.

          Wir hören von islamistischen Extremisten und Parallelgesellschaften, von unterdrückten Frauen und von Kindern, die aufgrund ihres migrantischen Hintergrundes nicht das Leben leben dürfen, das ihre deutschen Spielkameraden leben. Wir hören viel über diese Menschen. Wir hören nichts über uns. Über die, die sich integriert haben, über Menschen, die teilweise besser Deutsch sprechen als die hier seit Generationen lebenden Deutschen. Über Ausländer, die vor mehr als vierzig Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind.

          Die dritte Generation

          Zu leugnen, daß es Ausländer gibt, die das Bild und die Vorstellungen der Deutschen über diesen Bevölkerungsteil bestätigen, wäre falsch. Genauso falsch jedoch ist die mittlerweile salonfähig gewordene Behauptung, Ausländer wollten sich vorsätzlich isolieren und hätten kein Interesse daran, ein Teil ihrer Heimat - ja, Heimat! - Deutschland zu sein.

          Mittlerweile wächst die dritte Generation „Gastarbeiterkinder“ heran, deren Großeltern schon lange „Gastrentner“ sind und es trotzdem vorziehen, in dem Land zu leben, in dem sie mittlerweile den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Die Enkel dieser ehemaligen Gastarbeiter kennen die Heimat ihrer Großeltern nur aus dem Urlaub und wachsen nicht mehr mit dem Gedanken auf, irgendwann einmal, wie anfangs auch von der Bundesrepublik Deutschland geplant, wieder zurückzukehren. Wohin auch?

          Neonazis fragen nicht

          Dann sei doch alles in Ordnung, hören wir die Menschen sagen. Ihr, die ihr euch angepaßt habt, vor allem ihr Frauen, die ihr Deutsch lesen und schreiben könnt, einen Abschluß habt, den deutschen Paß besitzt, allein durchs Leben geht, ihr, die ihr doch alles macht, wie wir es verlangen, ihr dürft doch auch keine Probleme haben. Haben wir aber. Und unser Problem ist es nicht, daß durchgeknallte Neonazis uns nicht vorher fragen, ob wir einen deutschen Paß haben, bevor sie uns zusammenschlagen. Unser Problem liegt in der Mitte der Gesellschaft. Mit dem Besitz eines deutschen Passes, mit dem Beherrschen der hiesigen Sprache und dem Einhalten der Regeln dieser Gesellschaft ändert sich unser Aussehen nicht. Wir sind vom Aussehen her Ausländer, und so haben wir uns denn auch bitte zu verhalten.

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