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Fremd im eigenen Land Weil dieses Land hier unsere Heimat ist

22.12.2004 ·  Deutschland hält sich für ein tolerantes Land. Wer jedoch deutsch ist, aber nicht die „richtige“ Haar- oder Hautfarbe hat, der wird von seinen Mitbürgern stets aufs neue heimatlos gemacht. Zwei junge Frauen berichten.

Von Selda Demir und Mirijam Günter
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Ort: eine Großstadt im Westen Deutschlands. Situation: ein Interview zur Aufnahmeprüfung. Erste Frage zum Warmwerden: „Frau Demir, wo haben Sie so gut Deutsch gelernt? Ich habe selten solch einen fehlerfreien Text von einer Ausländerin zu lesen bekommen - Respekt!“

Mir wird warm, unangenehm warm. Schon wieder diese Frage. Eigentlich als Kompliment gedacht. „In der Schule und zu Hause, also in Deutschland“ - wie immer meine bereits standardisierte Antwort. Eiseskälte beim Gegenüber. Ich scheine irgend etwas falsch gemacht zu haben. Nur was? Im Anmeldeformular hatte ich unter Staatsangehörigkeit „deutsch“ angegeben. Ebenso meinen Beruf: Lehrerin. Unterrichtsfach: Deutsch.

Ort: eine Großstadt im Osten Deutschlands. Situation: ein Interview zur Aufnahmeprüfung. Erste Frage aus dem Professorengremium: „Frau Günter, können Sie sich denn vorstellen, von Köln hierhinzuziehen?“ Ich überlege. Was er wohl meint? Sicher den Verlust des rheinischen Frohsinns, des Kölner Doms und des Karnevals. Ich antworte mit einer Gegenfrage: „Warum sollte ich mir das nicht vorstellen können?“ „Ja ...“, antwortet einer und seufzt tief, „bei uns im Osten ist der Ausländeranteil ja nicht so hoch wie in Köln. Ich weiß nicht, ob Sie sich dann hier so wohl fühlen würden.“ Mir fehlen die Worte. Mein Beruf: Schriftstellerin. Thema meiner Bücher: Deutschland.

Wir sind keine Ausnahme

Unsere beiden Erlebnisse sind keine Ausnahme oder gar Seltenheit, genauso wie wir keine Ausnahme oder Seltenheit sind. Die Erlebnisse sind vielmehr repräsentativ für unseren Alltag. Wir jedoch werden nicht als repräsentativ angesehen und fragen uns oft, warum nicht. In den letzten Wochen lesen und hören wir viel über die, die sich nicht integrieren wollen, die die hiesige Sprache nicht beherrschen, vielleicht auch nicht beherrschen wollen.

Wir hören von islamistischen Extremisten und Parallelgesellschaften, von unterdrückten Frauen und von Kindern, die aufgrund ihres migrantischen Hintergrundes nicht das Leben leben dürfen, das ihre deutschen Spielkameraden leben. Wir hören viel über diese Menschen. Wir hören nichts über uns. Über die, die sich integriert haben, über Menschen, die teilweise besser Deutsch sprechen als die hier seit Generationen lebenden Deutschen. Über Ausländer, die vor mehr als vierzig Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind.

Die dritte Generation

Zu leugnen, daß es Ausländer gibt, die das Bild und die Vorstellungen der Deutschen über diesen Bevölkerungsteil bestätigen, wäre falsch. Genauso falsch jedoch ist die mittlerweile salonfähig gewordene Behauptung, Ausländer wollten sich vorsätzlich isolieren und hätten kein Interesse daran, ein Teil ihrer Heimat - ja, Heimat! - Deutschland zu sein.

Mittlerweile wächst die dritte Generation „Gastarbeiterkinder“ heran, deren Großeltern schon lange „Gastrentner“ sind und es trotzdem vorziehen, in dem Land zu leben, in dem sie mittlerweile den größten Teil ihres Lebens verbracht haben. Die Enkel dieser ehemaligen Gastarbeiter kennen die Heimat ihrer Großeltern nur aus dem Urlaub und wachsen nicht mehr mit dem Gedanken auf, irgendwann einmal, wie anfangs auch von der Bundesrepublik Deutschland geplant, wieder zurückzukehren. Wohin auch?

Neonazis fragen nicht

Dann sei doch alles in Ordnung, hören wir die Menschen sagen. Ihr, die ihr euch angepaßt habt, vor allem ihr Frauen, die ihr Deutsch lesen und schreiben könnt, einen Abschluß habt, den deutschen Paß besitzt, allein durchs Leben geht, ihr, die ihr doch alles macht, wie wir es verlangen, ihr dürft doch auch keine Probleme haben. Haben wir aber. Und unser Problem ist es nicht, daß durchgeknallte Neonazis uns nicht vorher fragen, ob wir einen deutschen Paß haben, bevor sie uns zusammenschlagen. Unser Problem liegt in der Mitte der Gesellschaft. Mit dem Besitz eines deutschen Passes, mit dem Beherrschen der hiesigen Sprache und dem Einhalten der Regeln dieser Gesellschaft ändert sich unser Aussehen nicht. Wir sind vom Aussehen her Ausländer, und so haben wir uns denn auch bitte zu verhalten.

So geht es doch nicht, daß wir als ausländische Frauen einfach in eine andere Großstadt ziehen. Da müßten wir wohl vorher erst unseren nicht vorhandenen Clan fragen. Denn einen Clan, der mindestens aus sechs Brüdern, zwanzig Onkeln und einem eifersüchtigen Vater besteht, den muß doch jeder von uns Ausländern haben. Auch fühlen wir uns anscheinend nur dort wohl, wo viele Ausländer, sprich Türken, leben. Wir sind ja gerne unter uns - auch wenn wir die türkische Sprache kaum oder gar nicht mehr beherrschen.

Die Frage nach den Kindern

In deutschen Metzgereien und Restaurants wird uns gern unaufgefordert mitgeteilt, welche Speisen Schweinefleisch enthalten und welche nicht. Wir essen ja aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch, auch wenn wir immer wieder erklären, daß wir keine Muslime sind, sondern einer anderen oder gar keiner Religion angehören. Und, überhaupt, unsere Mentalität, sind wir nicht Frauen im gebärfähigen Alter - warum haben wir keine Kinder? Da stimmt doch was nicht. Was sagen denn unsere Familien und unser Umfeld dazu?

„Da war vielleicht noch nicht der richtige Mann da“, antworten wir. „Der richtige Mann?“ heißt es dann. „Wie, ihr werdet doch alle bei der Geburt einander versprochen und mit vierzehn zwangsverheiratet!?“ Und unser Aussehen: „Zu Hause läufst du aber doch nicht so herum?“ Warum sollten wir zu Hause nicht in zerfetzten Cordhosen oder Miniröcken herumlaufen? „Weil das doch bestimmt der Mann im Haus nicht will.“ Wir wohnen aber allein. Nein, nicht im Frauenhaus. So richtig allein in einer Wohnung.

Ein Ding der Unmöglichkeit

Wir wollen endlich angekommen sein, in Deutschland. Angekommen in der hiesigen Gesellschaft. Behandelt werden wie andere Deutsche auch. Das scheint noch immer ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Meistens ist der Hintergrund dafür nicht bösartig gemeint, sondern entsteht vielmehr aus der löblichen Einstellung, Ausländern gegenüber tolerant zu sein. Das Problem besteht nur darin, daß wir uns selbst nicht als Ausländer empfinden und de facto auch keine sind, aber immer wieder zu Ausländern zwangsmutieren müssen, da sich das Klischee von einem bestimmten Bevölkerungsanteil immer langsamer verändert als dieser selbst.

Es gibt eine Normalität in Deutschland, von der wir gerne ein Teil wären. Ein Teil eines normalen Lebens, in dem wir auf deutsch (und auch nicht in gebrochenem Deutsch) beschimpft werden, wenn wir einmal Mist bauen. Wir möchten nicht hören, daß wir uns diesen Mist nicht in unserer Heimat trauen würden. Weil dieses Land hier, Deutschland, unsere Heimat ist. Wir möchten nicht mehr von deutschen Demonstranten Flugblätter auf türkisch in die Hand gedrückt bekommen. Wir möchten, daß es normal ist, daß wir Frauen und Männer in diesem Land, Politiker, Schriftsteller, Lehrer und Manager sind. Und nicht, daß es in der Vorstellung der Menschen normal ist, daß wir mit sechzehn in einer Dönerbude arbeiten, Müllmänner und Putzfrauen werden oder im schlimmsten Fall Drogen verkaufen.

Wir sind ein Teil von euch

Wir sind hier unter euch. Ein Teil von euch. Ein Teil von uns hat sich so assimiliert, daß er, auch wenn er wollte, gar nicht mehr in die vielzitierte Parallelgesellschaft fliehen könnte. Wir leben hier, das ist unsere Heimat, aber wir werden heimatlos gemacht, weil es nicht akzeptiert wird, daß wir hierhergehören. Es sollte akzeptiert werden, daß es Deutsche mit brauner Hautfarbe und schwarzen Haaren gibt. Wir sind Deutsche. Aber für die meisten sind wir es nicht. Und für die, die sich als Türken bezeichnen, sind wir Türken. Viele unter ihnen sind wütend auf uns, beschimpfen uns, weil wir Deutschland als unsere Heimat bezeichnen. Dann werden wir, auch von progressiven Deutschen, nach unseren Eltern und Großeltern gefragt.

Weil wir integriert sind, fallen wir auf und erscheinen fremder als der Fremde. Diese paradoxe Rolle, in die wir immer wieder gedrängt werden, macht unser Leben besonders, während wir nur einfach so sein wollen, wie wir sind. Keine weiteren Fragen. Ganz natürlich. Warum nicht? Ja, warum denn nicht? Wir haben uns integriert. Jetzt seid ihr dran. Wir - das sind Mirijam Günter und Selda Demir. Zwei deutsche Frauen. Nichts weiter.

Selda Demir, Jahrgang 1972, lebt als Deutschlehrerin und Übersetzerin in Köln. Mirijam Günter, Jahrgang 1972, erhielt für ihr Romandebüt „Heim“ (Deutscher Taschenbuch Verlag) den Oldenburger Jugendbuchpreis 2004. Sie lebt in Köln und ist vom nächsten Jahr an Stipendiatin des Leipziger Literaturinstituts.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2004, Nr. 300 / Seite 33
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