Home
http://www.faz.net/-gqz-7491q
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Freizeitgefühle im Büro Sie wollen vor allem Spaß

Schluss mit lustig: Firmen investieren viel Geld, um Büros in Wohlfühloasen zu verwandeln. Dabei wird eine Kindergartenwelt kultiviert und vom Wesentlichen abgelenkt.

© ullstein bild Vergrößern Sonderlich entspannt sieht das Ganze eher nicht aus: ein Swimmingpool, wie Google ihn sich vorstellt

Neulich stieß ich auf ein Foto, das eine Frau beim Rutschen zeigte, wobei die Rutsche nicht, wie man annehmen könnte, auf einem Spielplatz stand, sondern in der Züricher Google-Filiale, wo sie die Mitarbeiter dazu einlädt, vom ersten Stock direkt in die Kantine zu rutschen, wohin man sicherlich gerne rutscht, weil das Essen wohl weniger nach Kantine und mehr nach Restaurant schmeckt, schließlich soll sich jeder, der bei Google arbeitet, rundum wohl fühlen, wofür das Unternehmen bekanntermaßen einen erstaunlichen Erfindungsreichtum an den Tag legt.

Klettern bei Google © AP Vergrößern Kletterwand als Pausenfüller bei Google in Kirkland

Melanie Mühl Folgen:  

Das trifft freilich nicht nur auf Google zu, wo ja viele Firmen mittlerweile ganze Horden von Inneneinrichtern damit beauftragen, für das ideale Büroklima zu sorgen. So wird eine Kindergartenwelt kultiviert, in der die Härten des Arbeitstalltags in die Geschenkpackung der Freizeitgesellschaft gehüllt werden.

Mein Büro hat mit alldem nichts zu tun. An der Wand hängen ein paar Bilder, im Regal stehen Bücher, und auf der Fläche neben meinem Computer stapelt sich alles mögliche. Wenn ich es verlasse, um mir einen Kaffee aus der Küche zu holen, komme ich weder an Ruhezonen mit flauschigen Sitzsäcken vorbei noch an Billardtischen, Spielecken oder Massageliegen, neben denen sanft aussehende Frauen stehen und darauf warten, mich in einen Flow-Zustand zu versetzen. Es ist mir auch nicht bekannt, dass auf irgendeinem Stockwerk die Möglichkeit bestünde, sich einer kurzen Lichttherapie zu unterziehen. Genaugenommen ist hier alles sehr praktisch und funktional. Und das ist gut so.

CIGNA © ddp Vergrößern Autoscooter als Nachhilfeprogramm in Sachen Teamfähigkeit: Die Firma Cigna scheint überzeugt, dass es hilft

Der Arbeitsplatz ist keine Spaßmaschine, und es wird Zeit, sich diese Tatsache einmal wieder klarzumachen. Dass die Angebotspalette diverser Vergnügungen automatisch die Kreativität steigert und für ein lockeres Miteinander sorgt, leuchtet mir nicht ein. Im Gegensatz zu einem Fließbandarbeiter sollte, wer kreativ tätig ist, eigentlich kein zusätzliches Bespaßungsprogramm benötigen. Außerdem tun sich im schlimmsten Fall nur neue Konfliktfelder auf, beispielsweise beim Tischfußball oder Tischtennis (Verletzungsgefahr). Wie jeder weiß, gibt es gute und eben schlechte Verlierer.

Oder nehmen wir den Ruheraum: Womöglich schläft dort der eine oder andere ein, und wer möchte seine Kollegen schon bei einer intimen Sache wie dem Schlafen zusehen - die peinliche Berührtheit stellt sich ganz unabhängig davon ein, wie gut man einander versteht. Auch die aufgezwungene Verbrüderung, die für viel Geld von Eventagenturen eingefädelt wird und mittlerweile ein gigantisches Geschäftsfeld darstellt - etwa Angeln in irgendwelchen Gewässern, Paintball, Radtouren im Schwarzwald, Kurse im Panzerfahren, Klettern oder Kochen - ist in Wahrheit ja eine Zumutung.

Tischtennis im Büro © Getty Images Vergrößern Spiel mit mir: Die ISI Group setzt auf Tischtennis im Konferenzraum

Wie früher bei Klassenfahrten wird man sich an die Menschen halten, die man mag, und die, die man nicht mag, eben meiden. Schwer vorstellbar, dass durch den Ausgelassenheitszwang neue kleine Think Tanks entstehen. Stattdessen passiert vielleicht sogar das Gegenteil: Man könnte auf die Idee kommen, die Aktivität (Paintball) für eine persönliche Abrechnung zu missbrauchen. Der Gedanke liegt auf der Hand, er ist nur so hässlich, dass niemand wagt, ihn auszusprechen.

Mehr zum Thema

Beim Betrachten der Porträtserie „Bureaucratics“ des niederländischen Fotografen Jan Banning käme man nicht auf solche Gedanken. Banning fotografierte Beamte in ihren Büros, in Indien etwa, in Liberia, China, Russland oder Bolivien. Es sind beeindruckende Dokumente, die mehr als das persönliche Arbeitsumfeld zeigen, da sie stets auch etwas über das jeweilige Land verraten. Was alle Büros eint, ist, dass es sich um Orte handelt, die eine klare Trennung zum Außen aufweisen. Sie gaukeln einem nicht vor, etwas zu sein, was sie gar nicht sind.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Online-Streit Angriff aus der Urlaubswelt auf Google

Die Reisebranche rebelliert gegen den Internetkonzern. Mit seiner Hotel- und Flugsuche dringt er ins Urlaubsgeschäft vor. Die Touristiker hoffen auf Beistand durch die EU-Kommission. Holidaycheck hat eine Beschwerde geschickt. Mehr

30.08.2014, 09:31 Uhr | Wirtschaft
Interview mit dem Google-Chefökonomen Google macht uns Angst, Herr Varian

Hal Varian, der mächtige Mann bei Google, beschwichtigt: Wir machen nichts Böses mit den Daten unserer Nutzer. Und unangreifbar sind wir schon gar nicht. Mehr

25.08.2014, 16:54 Uhr | Wirtschaft
Geliebt und gehasst Google feiert sein Wall-Street-Jubiläum

Der Internetkonzern kam vor zehn Jahren an die Börse. Seither ist der Konzern explosiv gewachsen, erschließt immer abseitigere Gebiete - und sieht sich immer mehr Kritik gegenüber. Mehr

19.08.2014, 07:06 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.11.2012, 09:13 Uhr

Technologie als Tücke

Von Stefan Schulz

Von Computern darf man sich überfordert fühlen. Der Spähskandal hat an der Koketterie nichts geändert. Der Diebstahl privater Fotos von Hollywoodstars bedeutet jedoch neue Spielregeln über Nacht. Mehr