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Freibäder : Blau, das nach Chlor riecht

  • -Aktualisiert am

Neulich im Wedding, in Berlin... Bild: Jens Gyarmaty

Ein Freibad ist eine Kampfzone, es ist zugleich eine große Bühne für kleine Selbstinszenierungen und insofern auch ein perfekter sozialer Beobachtungsort. Ein Blick vom Beckenrand.

          Joan Didion schrieb in ihrem Essay „Holy Water“, der 1979 in Amerika erschien, über ihr Verhältnis zum Wasser. Sie habe immer einen Pool

          haben wollen, jedoch nie einen gehabt. Ein Pool, schreibt sie, stehe für das Bestreben des Menschen, das Unkontrollierbare zu kontrollieren. Was unmittelbar einleuchtet, denn man sieht, was im Pool vor sich geht, man sieht, dass da keine Haie, Quallen oder Ungeheuer sind, sondern nur sondern sauberes, geordnetes Blau, das nach Chlor riecht.

          Wenn Sigmund Freud und Menschen auf Partys sagen, das Meer stehe für das Unbewusste, dann bedeutet ein Pool abtauchen, aber gefahrenlos und nicht zu tief. Diese eher elaborierten Ansätze zum Thema Pool passen zu Villen in Hollywood oder Südfrankreich, die von maximal zwei schönen Menschen und vielleicht einem Hausangestellten bewohnt werden, aber überhaupt nicht zu städtischen Schwimmbädern, in die Personen aus Städten gehen, wenn sie ins Wasser springen müssen und weil sie keine großen Auswahlmöglichkeiten haben.

          Im Freibad treffen sich Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, weil sie nicht anders können. Sie gehen ins Freibad, weil sie Seewasser eklig finden und dem Chlor vertrauen. Weil Kleinkinder im Babybecken nicht so leicht ertrinken. Oder sie wollen Bahnen ziehen. Oder es ist eben so, dass in diesem Sommer alle aus der Klasse ins Freibad gehen und nicht an den See.

          Erwachsene bevorzugen offiziell häufig den See, oder noch mehr das Meer. Weil das natürlicher ist, nicht künstlich, privater und hoffentlich nicht so asozial, also ohne Jungs mit schwarzen Haaren, die sich gegenseitig in Massenschlägereien verwickeln, wie zuletzt im Berliner Columbia-Bad.

          Ordnung und Sichtbarkeit

          Ein Freibad ist wegen seiner Übersichtlichkeit rings um den rechteckigen Beckenrand der perfekte Beobachtungsort. Man sieht, wer an den Rändern entlang geht, wer über die Aluminium-Leitern ins Wasser steigt und wer es wieder verlässt, wer über die Wasserschleusen, über die man den Badebereich betritt, kommt und wer geht.

          Und möglicherweise ist diese Ordnung und Sichtbarkeit einer der Gründe, aus denen Teenager das Freibad im Sommer so lieben. Weil man erstens gesehen werden und zweitens Regeln brechen kann. Die drei etwa 14-jährigen Mädchen, die, als es in der vergangenen Woche so heiß war, am Beckenrand des Freibads in der Berliner Seestraße entlang spazierten, zum Beispiel. Drei Mal das gleiche Bikini-Modell in Pink mit Fransen vor der Brust.

          Die fünfzig Meter des Gesehenwerdens langsam und scheinbar gleichgültig entlang schreiten; mit der Selfie-Funktion des Smartphones die Frisur checken, sich mit dem Smartphone etwas Luft zufächern und mit einem Schulterblick überprüfen, wer einem alles nachgeguckt hat.

          Die drei setzen sich an den Beckenrand und lassen die Beine ins Wasser hängen, ein freibadtypisches Verhalten, dass man eigentlich ausschließlich bei jungen Frauen beobachtet. Die Jungs sind schräg gegenüber und machen Kopfsprünge. Zumindest in Berlin heißt das unter den Türken, Kurden und Arabern seit Generationen „Körper machen“. Wahrscheinlich, weil irgendwann mal einer einem anderen „Köpper“ beibringen wollte, der hat „Körper“ verstanden, und als er groß wurde und seinem Kind zeigen wollte, wie man Kopfsprung macht, hat er ihm einen „Körper“ und keinen „Köpper“ gezeigt.

          Nach dem Kopfsprung kraulen die Jungs zurück zum Beckenrand, und das völlig falsch, aber es muss auf jeden Fall gekrault werden, vielleicht, weil kraulen männlich und nach Rettungsschwimmer aussieht. Dabei kurzer Blick zu den Girls, die gucken, wie braun sie dieser Sommer bisher gemacht hat, indem sie ihre Bikinis leicht zur Seite schieben.

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