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Frauenrollen Im Reich der häuslichen Göttinnen

05.09.2003 ·  Der „Megatrend Frau“ droht die Männer zu deklassieren. Das hat nun auch der Trendforscher Matthias Horx erkannt. Er hat aber auch Trost zu bieten: Mit mancher neuen Frauenrolle wird auch der Mann sich gut anfreunden können.

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Das war zu erwarten: Eine Frau soll Bundespräsidentin werden. Für das demnächst neu zu besetzende Amt, dessen Inhaber die Aufgabe zukommt, als moralische Überinstanz stets die einzig richtigen, unanfechtbaren Worte zu finden, soll nun die einzig richtige, unanfechtbare Besetzung gefunden werden, und das kann in diesen Zeiten nur heißen: eine weibliche. Bei mehreren gleich qualifizierten Bewerbern wird eine Frau bevorzugt: Wer wollte es wagen, sich dem zu widersetzen?

Indem sie vorgibt, erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Frau in deren höchstes Amt hieven zu wollen, begibt sich die SPD in die Position der des vermeintlichen Modernisierers der Gesellschaft, der jeden Unionskandidaten alt aussehen läßt, es sei denn, es handelt sich um eine Frau. Dabei war es gerade die SPD, die die erste deutsche Bundespräsidentin gleich mehrfach verhindert hat: 1994 weigerte sie sich, ihren eigenen Kandidaten Johannes Rau zurückzuziehen, um die FDP-Frau Hildegard Hamm-Brücher zu unterstützen (es gewann Roman Herzog), 1999 schickte sie wiederum Rau gegen die CDU-Kandidatin Dagmar Schipanski ins Rennen.

Antivirile Kultur

Natürlich handelt es sich bei den SPD-Plädoyers für eine Präsidentin um politisches Kalkül: Wenn man schon selbst aufgrund der Mehrheitsverhältnisse chancenlos ist, möchte man wenigstens die Personaldebatte innerhalb der Union steuern. Zugleich aber sind die ersten Wortmeldungen nach Raus öffentlich erklärtem Rückzug ein weiterer Ausdruck eines Phänomens, das Matthias Horx „unsere antivirile Kultur“ nennen würde.

Matthias Horx ist Deutschlands bekanntester Trendforscher und hat als solcher den Ehrgeiz, neue Entwicklungen früh zu diagnostizieren. Schade für Horx, daß die Debatte um die neue Macht der Frauen längst ohne ihn losgegangen ist. Immerhin aber liefert Horx in einem „Welt“-Beitrag an diesem Freitag weitere Belege für die Niederlage der Männer im Kampf der Geschlechter: „Wer Mann ist, hat heute wenig zu lachen... Frauenzeitschriften ähneln über weite Strecken Aufrüstungspropaganda des weiblichen Geschlechts („Warum Männer so blöd sind und dauernd lügen“ - „Wie werde ich meinen Schlaffi los?“) Keine Fernsehserie, kein Werbespot, kein Abendfilm mit Iris Berben ohne die Darstellung hilfloser bis trotteliger Jungs von 18 bis 80, die von guten, starken Frauen entweder konsequent verlassen oder mühsam repariert werden.“

Megatrend Frauen

In all dem erblickt Horx nicht nur einen Trend, sondern gar einen „Megatrend“: den „Megatrend Frauen“. Während sich Mädchen immer besser bildeten und deutlich bessere Noten erhielten, liege in den Sonder- und Hauptschulen „der Jungenanteil teilweise bei mehr als 75 Prozent“: für Horx „ein männliches Deklassierungsproblem“. Im Beruf gehe die Männermisere weiter, da die jungen Frauen kommunikativer, tougher, hungriger seien als ihre Kollegen.

Die einzig richtige Reaktion auf diese Entwicklung wäre es laut Horx, wenn sich die Männer in neue Rollen fügten - und irgendwann „die Hälfte von Hausarbeit und Kindererziehung übernehmen (mindestens)“. Selbst dafür sind die Männer aber nicht zu gebrauchen, da zu stur und unflexibel. Ein weiteres Mal also müssen die Frauen selbst agieren und sich neue Rollen suchen, bei denen es sich keineswegs um „Superwomen“-Realitäten handele, sondern um Mischungen der alten Rollenklischees „Emanze“ und „Hausfrau“.

Professionelle Liebhaberin

Das beste Beispiel dafür: die „Heimische Göttin“, entdeckt von der britischen Journalistin Nigella Lawson. Dieser Frauentyp hat beschlossen, „sich lustvoll den häuslichen Genüssen zuzuwenden, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben“ und Erfüllung zu finden als „Heim-Designerin“, „Kinder-Manager“ oder als „professionelle Liebhaberin eines (Ehe)Mannes“. Mit diesem Rollenverständnis der Frauen würde sich so mancher Mann nur zu gerne anfreunden; die Frage indes ist, ob solche Göttinnen nicht schon immer existierten, nur früher noch nicht so genannt wurden.

Außerdem von Horx am Trend-Horizont gesichtet: eine „neue Zeitpolitik“, die sich dem Alterungsprozeß der Gesellschaft verdankt. Wenn alle immer älter werden und damit mehr Lebenszeit zur Verfügung haben, ergebe sich mehr Spielraum, um Familie und Karriere hintereinander zu planen und zu gestalten. „Das hieße: es gäbe wieder mehr Frühfamilien, die den 'Job Familie' vor der eigentlichen beruflichen Karriere 'durchziehen'. Aber auch: noch mehr Durchstarter, männlich wie weiblich, die erst um die 40 begeisterte Spätfamilien gründen. Mehr Hausmänner. Und mehr 'neue Hausfrauen', pardon: häusliche Göttinnen!“

Natürlich gehört es zum Wesen des Trendforschers, sich vor der Zukunft nicht zu ängstigen, sondern sie in rosaroten Farben zu malen, aber daß am Ende des Geschlechterkampfes eine derart göttliche Harmonie stehen soll, das freut und überrascht uns dann doch. Ein Paradebeispiel dieser neuen Zeitpolitiker scheint uns im übrigen kein anderer als - Johannes Rau. Er hat seinen Rückzug mit seiner „persönlichen Lebensplanung“ begründet, die offenbar so aussieht: Erst die berufliche Karriere durchziehen und sich anschließend um die „begeisterte Spätfamilie“ kümmern, mit einer jungen Frau und drei Kindern zwischen neunzehn und siebzehn Jahren. Eben doch, trotz hohen Alters, ein moderner Mann.

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