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Frauenmisshandlung Öffne meine Augen

22.09.2008 ·  In Spanien erregt ein Ratgeber für misshandelte Frauen Aufsehen. Wie es dagegen um Deutschland steht, weiß niemand ganz genau. Wo es um die Ermittlung von Zahlen ehelicher Gewalttaten geht, schweigt die Statistik oft.

Von Paul Ingendaay, Madrid
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Einen „beispielhaften Bürger“ hat man ihn genannt, ein „gesellschaftliches Vorbild für alle“. Jesús Neira, fünfundfünfzig Jahre alt und Professor für Politikwissenschaften in Madrid, wollte am 2. August vor einem Hotel im Madrider Norden nicht zuschauen, wie ein großer, kräftiger Mann seine Freundin schlug. Er forderte Antonio Puertas auf, die Frau in Ruhe zu lassen, anderenfalls müsse er die Polizei rufen. Puertas ließ sich aber nicht abbringen, und als der Professor zum Hörer greifen wollte, schlug der andere ihn von hinten nieder und trat auch noch zu, als sein Opfer schon wehrlos am Boden lag.

Dann stieg der Aggressor ins Auto und verschwand. Drei verschiedene Krankenhäuser untersuchten Neiras Kopfverletzungen; keines kam auf die Idee, eine Computertomographie vorzunehmen. Zwei Tage später fiel der Professor, der von Anfang an über Schmerzen geklagt hatte, auf seinem Wohnzimmersofa ins Koma. Der Gewalttäter sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Dessen Freundin sagt, eigentlich sei Puertas ein feiner Kerl, er habe lediglich ein Drogenproblem.

Mischt euch nicht ein!

Die Koordinaten dieses Falles, dessen Ausgang noch immer ungewiss ist, beschäftigen Spanien seit fünf Wochen. Einmal wegen des Verdachts der unterlassenen Hilfeleistung durch mehrere öffentliche Krankenhäuser. Dann aufgrund der geläufigen Kombination aus Drogengenuss und häuslicher Gewalt. Drittens wegen der kaum verständlichen Exkulpation des Täters durch sein Opfer. Und schließlich auch, weil das Beispiel des hilfsbereiten Professors eine niederschmetternde Botschaft an die spanische Gesellschaft enthält. Mischt euch nicht ein, lautet sie, macht einen großen Bogen um streitende Paare, besonders dann, wenn es handgreiflich zugeht. Sonst landet ihr auf der Intensivstation.

Seit einigen Jahren schon beherrschen Fälle geschlechtsspezifischer Gewalt die spanischen Medien, und die Zapatero-Regierung hat dem Thema durch eine Gesetzesverschärfung und Aufklärungskampagnen breite Öffentlichkeit verschafft. Daneben zeigte der preisgekrönte Spielfilm „Öffne meine Augen“ von Icíar Bollaín aus dem Jahr 2003 dem spanischen Kinopublikum ein erschütterndes Bild seelischer Abhängigkeit, aber auch Wege der Befreiung. Das Frauenreferat der Regierung führt schon länger eine Strichliste, um die Zahl der von ihren Partnern ermordeten Frauen immer präsent zu halten. Im bisherigen Jahresverlauf waren es zweiundvierzig.

Wer liebt, der leidet

Versucht man, den Jahresdurchschnitt von sechzig bis siebzig auf diese Weise ermordeten Frauen in Spanien in ein Verhältnis zur deutschen Kriminalstatistik zu setzen, steht man vor einer Barriere. Häusliche Gewalt mit Todesfolge geht ins allgemeine Zahlenwerk des Morddezernats ein und wird nicht nach Tätermotiv oder Opferprofil aufgeschlüsselt. Alarmierend ist die Auskunft der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die schreibt, nach einer repräsentativen Erhebung hätten vierzig Prozent der Frauen in Deutschland körperliche und sexuelle Gewalt erlebt; meistens kämen die Täter aus dem direkten Umfeld, seien Partner oder stünden der betroffenen Frau sehr nahe. Ähnlich wie in Spanien erklärt man sich die sprunghaft gestiegene Zahl der Anzeigen mit erfolgreicher Aufklärung, der Einrichtung von Frauenhäusern, Beratungsstellen und Notruftelefonen. Doch niemand weiß, wie hoch die Mauern wirklich sind, die Scham und Schuldgefühle um die Betroffenen gezogen haben.

Jetzt ist im Madrider Publikumsverlag La esfera de los libros ein Leitfaden für misshandelte Frauen erschienen, der das bekannte Sprichwort „Quien bien te quiere te hará llorar“ (wörtlich: Wer dich liebt, bringt dich zu Tränen, sinngemäß: Wer liebt, der leidet), mit einem fettgedruckten „nicht“ versieht. Nein, behauptet die Autorin María Teresa Gómez-Limón, die als Gerichtsgutachterin Fälle häuslicher Gewalt untersucht, Liebe und Partnerschaft müssen nicht mit Tränen verbunden sein. Wichtiger wäre Aufklärung, um die Zeichen der Gewalt früh zu erkennen, der seelischen Abhängigkeit vom gewalttätigen Partner zu entkommen und den Kreislauf aus Schlägen, Demütigungen, Minderwertigkeitsgefühlen und Angstattacken zu durchbrechen.

Ein allgemein akzeptiertes Phänomen?

Nach Lektüre der vierhundert Seiten langen Darstellung ist man verblüfft, wie weit verbreitet und allgemein akzeptiert es offenbar ist, dass Männer ihre Frauen, Freundinnen oder Expartnerinnen misshandeln. Das Phänomen erscheint vielen so privat, dass jedes Interesse von außen wie ungebührliche Einmischung wirkt. Zugleich, so die Autorin, verbieten sich griffige Erklärungsmuster. Gewalt gegen Frauen ist kein Unterschichtenproblem, kommt in entwickelten Industrienationen ebenso vor wie in Ländern der Dritten Welt, kann religiös, moralisch, sozialpsychologisch, persönlich oder sonstwie motiviert sein. Alkohol und Drogen spielen eine wichtige Rolle, doch ebenso Erziehung, beruflicher Erfolg und individuelles Temperament. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat die Emanzipation spanischer Frauen so viel Bewegung in die Geschlechterbeziehungen gebracht, dass sich einiges an Unsicherheit und verletztem Selbstwertgefühl durch Schläge Bahn bricht.

Das Buch erhebt wissenschaftlichen Anspruch, auch wenn die Sprache sich um größte Schlichtheit bemüht. Neben Fallstudien über misshandelte Frauen und Untersuchungen zur Täterpsychologie versucht María Teresa Gómez-Limón, die Universalität des Problems anschaulich zu machen. Die vergleichende Analyse über Länder und Kontinente hinweg steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Der vor fünf Jahren erstmals veröffentlichte Jahresbericht des Reina-Sofía-Zentrums über Morde an Frauen insgesamt konnte für den Erhebungszeitraum des Jahres 2000 nur Daten aus zweiunddreißig Ländern auswerten, der Großteil der angefragten Nationen blieb jede Information schuldig.

Die Vergleichswerte fehlen

Als das Zentrum im letzten Jahr seinen zweiten Bericht (Erhebungszeitraum: 2003) vorlegte, konnte es immerhin bekanntgeben, dass es jetzt acht Länder mehr waren (vierzehn waren dazugestoßen, sechs hatten sich abgemeldet) und dass einige sogar Fortschritte erzielt hatten, darunter Deutschland. In der gesonderten Statistik zu Frauen, die durch ihre Partner getötet wurden, taucht Deutschland jedoch nicht auf. Überhaupt konnten oder wollten nur dreiundzwanzig Länder diesbezügliche Daten liefern. Die schlechtestplazierten von ihnen – Luxemburg, Puerto Rico, Ungarn und Finnland – sind gesellschaftlich so heterogen, dass sich aus dem Ranking kaum etwas ableiten lässt.

Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend rät bei solchen Ländervergleichen zur Vorsicht, weil Datenbasis und Erfassungsmethodik zu unterschiedlich seien. Aussagen wie jene, dass gerade in nordeuropäischen Ländern, in denen es eine weitentwickelte Gleichstellungspolitik gibt, die Rate der Partnertötungen besonders groß sei oder dass Spanien eine der niedrigsten Raten habe, findet das Ministerium „sehr problematisch“.

Das Drama vor der Tat

Im täglichen Mediengeschehen wird das Drama des Frauenmordes zur regelmäßig wiederkehrenden Story und schafft seine eigene Realität. Männer, die stumpfen Blicks abgeführt werden, wehklagende Familienangehörige, die gruseligen Details von erschossenen, erstochenen, erwürgten, überfahrenen, verbrannten oder zu Tode geprügelten Ehefrauen oder Expartnerinnen, all diese Elemente recycelt ein immer sensationslüsterneres Fernsehen zur Daily Soap. Das wahre Drama findet in den Jahren vorher statt, wenn Gewaltzustände toleriert, verschwiegen oder schöngeredet werden, bis es zur Explosion kommt. Nach einer Untersuchung des spanischen Frauenreferats geht der Mordtat in siebzig Prozent der Fälle jahrelanger Missbrauch voraus.

Deshalb lässt sich der letzte Teil des Buches als didaktisch bezeichnen: Die Leserinnen sollen herausfinden, ob sie möglicherweise zu denen gehören, für die das Buch geschrieben wurde. Ein langer Fragebogen, der nur Ja- oder Nein-Antworten zulässt, soll ihnen dabei helfen. Folgt dein Partner dir ständig? Beschuldigt er dich, ihm untreu zu sein? Musst du um Erlaubnis bitten, um aus dem Haus zu gehen? Kontrolliert er deine Ausgaben? Demütigt er dich vor anderen? Je mehr Fragen aufeinanderfolgen, desto tiefer graben sie sich in die Intimsphäre. Spürst du oft, dass du dir besondere Mühe gibst, um den Zorn deines Partners zu vermeiden? Glaubst du manchmal, du verdienst es, bestraft zu werden? Ein Universum von Einzelschicksalen tut sich vor den Leserinnen auf. Eines von ihnen könnte dem ihren gleichen.

Der Wille, alles zu ertragen

In der Praxis allerdings ist nichts klar und einfach, und trotz der geleisteten Aufklärung hört man von den spanischen Experten meist Stöhnen. Fälle, die zur Anzeige kommen, stecken mindestens vier Monate in der Warteschleife; es mangelt an Gerichten, um diese Flut zu bearbeiten. Viele Opfer von Misshandlungen fühlen sich andererseits so sehr an ihre Partner gefesselt, dass sie alles ertragen außer dem Alleinsein – und die Anzeige bereitwillig zurückziehen. Die Freundin von Antonio Puertas war übrigens gerade in einer Talkshow zu Gast, um von der Liebe zu ihrem Freund zu sprechen. Den Weg an das Krankenbett des Mannes, der um ihretwillen im Koma liegt, hat sie noch nicht gefunden.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

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