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Frauen in Ägypten Die Ruhe nach dem Sturm

 ·  Die ägyptische Revolution wurde auch von Frauen getragen. Doch welche Rolle werden sie in Zukunft in dem Land spielen? Statt Forderungen zu stellen, warten viele von ihnen einfach ab.

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Ihre Bilder gingen um die Welt: Ägypterinnen, die tage- und nächtelang auf dem Tahrir-Platz in Kairo demonstrierten. Inmitten von Tausenden von Männern behaupteten sie wie selbstverständlich ihren Platz - junge und alte Frauen, Akademikerinnen und Markthändlerinnen, Studentinnen und Schülerinnen, Bäuerinnen und Hausfrauen. Manche von ihnen waren verschleiert, andere nicht, manche hatten ihre Kinder dabei. Gemeinsam harrten sie auf dem Platz aus, den einige von ihnen - allen voran die Menschenrechtsaktivistin Asmaa Mahfouz mit ihrem berühmt gewordenen Youtube-Video - zuvor selbst zum Zentrum der Proteste ausgerufen hatten. Die meisten der Frauen waren ihren Männern hierher nicht gefolgt, sondern sie waren ihnen vorangegangen. Selbst Ägypter reagierten verblüfft. Denn hier, auf kleinstem Raum, erlebte die ägyptische Gesellschaft zum ersten Mal so etwas wie Gleichberechtigung.

Die Frauen stillten ihre Kinder und versorgten Verletzte, sie halfen, den Zugang zum Platz zu regeln, und bei der Organisation eines Lagers, das trotz widriger Bedingungen am Ende erstaunlich gut funktionierte. Vor allem aber forderten auch sie lautstark einen Wandel, der bei weitem nicht nur die Politik des Landes, sondern vor allem jede von ihnen ganz persönlich betrifft: die gleichberechtigte Teilhabe der Frauen an der ägyptischen Gesellschaft, in der das Maß aller Dinge nach wie vor der Mann ist.

Diskriminierung als Herrschaftsinstrument

Laut Amnesty International können mehr als vierzig Prozent der ägyptischen Frauen weder lesen noch schreiben. In dem großen Beamtenapparat und in manchen öffentlichen Institutionen wie der Kairo-Universität arbeiten zwar durchaus auch viele Frauen. Trotz einer im Jahr 2009 beschlossenen Frauenquote besetzen sie im Parlament aber nur 64 von 518 Sitzen. Das Scheidungsrecht und das Erbrecht benachteiligen sie. Beispielsweise können sich Männer jederzeit von ihren Ehefrauen scheiden lassen, die Frauen müssen aber, wenn sie die Initiative zur Trennung ergreifen, freiwillig auf Unterhalt verzichten und dem Mann die Mitgift zurückzahlen.

Laut einer Unicef-Studie aus dem Jahr 2008 sind neunzig Prozent der ägyptischen Frauen beschnitten, und das, obwohl die Regierung die Praxis der Genitalverstümmelung verboten hat. Doch muslimische Gelehrte treiben sie voran - der an der Kairoer Al-Azhar-Universität lehrende Muhammad Wahdan etwa verbreitete im Jahr 2006 übers Fernsehen die Ansicht, die Beschneidung von Frauen trage zu deren Keuschheit bei. Mit alldem sollte nun Schluss sein, forderten die Frauen. Die Regierung nutze die Diskriminierung, um die Gesellschaft besser kontrollieren zu können, warf nicht nur die große alte Dame der ägyptischen Frauenrechtsbewegung, Nawal Al-Saadawi, deren "Ägyptische Frauen Union" unter Mubarak verboten worden war, dem alten Regime vor. Nun ist es weg, und die revolutionäre Energie, die Hoffnungen, welche die Ereignisse auf dem Tahrir-Platz in vielen Frauen geweckt hatten, weichen langsam einer Katerstimmung. Denn wie es nun weitergehen soll, weiß keine von ihnen so genau.

Werden Männer freiwillig die Lage der Frauen verbessern?

Die ägyptischen Frauenrechtsgruppen, von denen es etwa fünfzig gibt, überwiegend in Form von kleinen Nichtregierungsorganisationen, sind uneins, wie auf die Stärkung ihrer Rechte hingewirkt werden soll. In dem zuletzt wichtigsten Gremium des Landes, jenem, das die Verfassung überarbeitete, war keine einzige Frau vertreten. Es wurde dominiert von Männern, die dem alten Regime nahestanden. Keiner von ihnen hat die Rechte der Frauen zu seiner Sache erklärt. Die Frauenrechtlerin Nawal Al-Saadawi ist sich deshalb sicher: Die ägyptischen Männer werden die Rolle der Frauen keinesfalls freiwillig verbessern. Aus europäischer Perspektive, aus der Erfahrung, wie zählebig Geschlechterrollen sind und welche Ausdauer nötig ist, gesellschaftliche Muster aufzubrechen, würde man sich wünschen, dass die ägyptischen Aktivistinnen ihre Vorstellungen in dieser wichtigen Phase des Umbruchs mit Vehemenz verteidigen.

Doch das passiert nicht. Viele von ihnen setzen auf Zurückhaltung. Die Rechte der Frauen dürften nicht aus der allgemeinen politischen Diskussion herausgelöst werden, meint etwa Mozn Hassan, die Direktorin der "Nazra Organization for feminist studies", einer kleinen NGO in Kairo. Die derzeit verhandelten politischen und wirtschaftlichen Themen würden ohnehin auch unmittelbar Frauen betreffen, weshalb daran gearbeitet werden müsse, Forderungen nach Gleichberechtigung in deren Kontext zu formulieren. "Sie wieder gesondert zu behandeln birgt nur die Gefahr einer Radikalisierung", sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung.

Islam und Scharia

Auch die Vorsitzende des Ägyptischen Zentrums für Frauenrechte, Nehad Abo-Alkomsa, zeigt sich von den abwehrenden Reaktionen auf das Thema Frauenrechte beeindruckt. Ihre Organisation forderte deshalb bisher nur eine Änderung des Artikels 75 der Verfassung. Er verbietet dem ägyptischen Präsidenten die Ehe mit einer nichtägyptischen Frau - und schreibt zwischen den Zeilen vor, dass Präsident nur ein Mann werden darf. Wieder andere, wie die Bloggerin und Menschenrechtsaktivistin Noha Atef, gehen davon aus, dass sich die Lage der Frauen automatisch mit der wirtschaftlichen Situation im Land verbessern werde. Auch sie rät deshalb, lieber abzuwarten. Doch kann es einen falschen Zeitpunkt für den Kampf um Frauenrechte geben? Kann eine Verbesserung en passant eintreten, wenn der Umbruch von Männern dirigiert wird, die in dem alten System groß geworden sind?

"Nein", sagt die achtzig Jahre alte Nawal Al-Saadawi. Ihr wichtigstes Anliegen war deshalb, dass die neue Verfassung den Islam nicht mehr als Staatsreligion nennt. Denn das islamische Recht, die Scharia, richte sich gegen die Frauen und konterkariere das Gebot der Gleichberechtigung. In der geänderten Verfassung, welche die Ägypter in der vergangenen Woche per Volksabstimmung angenommen haben, wird der Islam allerdings immer noch als Ägyptens Religion genannt, und die Scharia als Quelle der Rechtssprechung. Und ganz gleich, wen man fragt, Ägypter oder ausländische Kenner des Landes - keiner von ihnen leugnet, dass die Religion in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Auch unter den Frauen. Waren noch in den siebziger Jahren in der Öffentlichkeit so gut wie keine Frauen zu sehen, die einen Schleier trugen, verhält es sich heute beinahe umgekehrt. Fast alle Frauen, vor allem jene, die nicht der kleinen, privilegierten Oberschicht angehören, verschleiern sich - teils mit einem Kopftuch, teils mit dem Niqab, also dem Schleier, der nur die Augen frei lässt.

Die Frauenfrage entscheidet über die Zukunft des Landes

Die Gründe dafür sind nach Ansicht der Aktivistinnen vielfältig: Der Schleier sei ein Ausdruck echter Religiosität, sagen die einen; viele jüngere Frauen sähen in ihm ein Modeaccessoire, mit dem sie die Männer beeindrucken wollten, weil die an scheinbar keuschen Frauen größeres Interesse hätten, meinen die anderen. Gleichzeitig, und darin sind sich alle einig, schütze er im Alltag vor sexueller Belästigung.

In der patriarchalischen ägyptischen Gesellschaft ist gerade das ein riesiges Problem. Viele der Frauen, die auf dem Tahrir-Platz demonstrierten, haben gesagt, dass sie sich unter normalen Umständen niemals in eine Menschenmenge wie die dort versammelte getraut hätten - eben aus Angst vor Übergriffen. Sexuelle Belästigung auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder am Arbeitsplatz hat fast jede Ägypterin schon einmal erlebt. Die im Jahr 1985 geborene Engy Ghozlan hat erst im Jahr 2008 für das "Ägyptische Zentrum für Frauenrechte" eine Studie darüber erstellt. Die Hälfte der 2800 befragten Frauen gab an, täglich sexuell belästigt zu werden. Engy Ghozlan rief daraufhin die Internetseite "Harassmap.org" ins Leben. Auf ihr können Frauen jetzt angeben, wo ein Übergriff stattgefunden hat. Auf diese Weise ist ein ganz spezieller, gruseliger Stadtplan von Kairo entstanden: Große und kleine rote Punkte zeigen, wo es für Frauen besonders unsicher ist.

Es ist schwer vorstellbar, wie sich an diesen Zuständen etwas ändern soll, ohne dass die Frauen laut ihre Stimmen erheben. Die Revolution hat die schwelenden Konflikte in der ägyptischen Gesellschaft deutlich zutage treten lassen. Gerade die Frage nach dem künftigen Umgang mit den Frauen, aber auch mit der christlichen Minderheit im Land wird daher Auskunft darüber geben, in welche Richtung sich Ägypten politisch entwickelt - ob es ein säkularer und demokratischer oder ein islamisch geprägter Staat sein wird. Das ist die Gretchenfrage. Nicht nur für die Frauen steht alles auf dem Spiel.

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Jahrgang 1979, Redakteurin im Feuilleton.

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