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Französischer Diskurs : Streit um Lacan

Zum dreißigsten Todestag von Jacques Lacan erreichen seine berühmten „Seminare“ erstaunlich hohe Auflagen. Überschattet wird das nur von dem Streit zwischen Tochter, Verlag, Biographin und Schwiegersohn.

          Der Schwiegersohn ist wütend: Der Verlag habe ihn bei den Plänen des dreißigsten Todestags von Jacques Lacan übergangen. Jacques-Alain Miller gibt als Testamentsvollstrecker bei den Editions du Seuil dessen berühmte „Seminare“ heraus. Die Auflagen sind stets erstaunlich. „Man hat versucht, meinen Namen überall auszuradieren, bei den Buchhändlern, in den Zeitungen, in den Magazinen“, erklärte Miller bei einer Gedenkveranstaltung für Lacan, bei der er um Mitternacht auftauchte: „Man will mich lebendig begraben.“ Miller hat jetzt seine E-Mails mit den Vorwürfen ins Netz gestellt: An seiner Stelle hätten die Editions du Seuil Elisabeth Roudinesco an die Front geschickt. Sie ist die Verfasserin der wichtigsten Biographie – im selben Verlag. Ihretwegen gab es bereits Streit. Man versöhnte sich vorübergehend im gemeinsamen Kampf gegen Sarkozys Psychiatrie-Reform. Als sich Roudinesco über Lacans Beziehung zum Geld äußerte, ging der Krieg wieder los.

          Ein Friedensschluss scheint fern zu sein

          Die Biographin ist die Lebenspartnerin des Verlagsleiters Olivier Betourné. Deshalb, unterstellt Miller, macht der Verlag Werbung für seine Rivalin, deren neues Buch gerade erschienen ist. Und habe ihn aus dem Geschäft verdrängt: keine Lesungen, keine Interviews. Miller hat seinen Weggang von Le Seuil angekündigt, mindestens zehn Bände der „Seminare“ stehen noch aus. Der Mutterkonzern, zu dem Le Seuil gehört, verspricht ihm die Veröffentlichung bei La Martinière, wo vor allem Bildbände erscheinen. Und hofft auf einen Friedensschluss. Doch der scheint fern zu sein. Zwar hat Miller offensichtlich eingesehen, dass seine angekündigte Klage wenig erfolgversprechend ist. Dafür geht jetzt seine Frau an die Front. Judith Lacan-Miller klagt gegen „die Dame, die ihre Karriere mit der Biographie meines Vaters gemacht hat“ und „den ganzen Planeten“ zu täuschen versuche. Bis jetzt, erklärt Lacans Tochter in „Le Point“, habe sie geschwiegen. Und das „üble Porträt“ ihres Vaters nicht kommentiert. Klagen will sie nur gegen die Behauptung, die Familie habe Jacques Lacan das von ihm gewünschte katholische Begräbnis verweigert.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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