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Französische Symbolarchitektur : Gebt Macron einen Architekten!

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Emmanuel Macron steht bei seiner Siegerrede nach den Präsidentschaftswahlen vor der Pyramide des Louvre. Bild: Picture-Alliance

Französische Präsidenten verewigten sich gern selbst in einem Kulturbau. Doch seit einiger Zeit ist das aus der Mode gekommen. Schafft Emmanuel Macron die Wende?

          Was bleibt von der Politik, von einem Politiker? Oft nicht viel – oder es ist jedenfalls nicht sichtbar. In Frankreich ist das etwas anders – denn was immer vom politischen Handeln der Präsidenten der V. Republik, von Georges Pompidou (1969 bis 1974), Valéry Giscard d’Estaing (1974 bis 1981) François Mitterrand (1981 bis 1995) oder Jacques Chirac (1995 bis 2007) bleibt – ihre Spuren sind im Stadtbild nicht zu übersehen dank der Museen, Kulturzentren, Opern oder Bibliotheken–Bauten, mit denen sie sich in Paris verewigt haben.

          Fast jeder Staatspräsident der fünften Republik außer dem ersten, Charles de Gaulle (dem man dafür gewissermaßen die Architektur der gesamten V. Republik verdankt), hat mindestens ein Gebäude hinterlassen oder es versucht: Georges Pompidou das Musée d’art Moderne, die Kulturfabrik mit ihrer ikonischen Plexiglasröhre an der Fassade, ein Bau, der längst Centre Pompidou genannt wird, damals ein Schock, heute nicht mehr wegzudenken. Valéry Giscard d’Estaing sind das Musée d’Orsay, das Institut der arabischen Welt sowie die Cité des Sciences von La Villette zu verdanken, Jacques Chirac das umstrittene „Musée du Quai Branly – Jacques Chirac“.

          Sarkozy und Hollande ohne „Grand Projet“

          François Mitterrand war aber mit seinen vier „Großen Projekten“, dem großen Triumphbogen in La Défense, der Louvre-Erweiterung nebst Pyramide, der neuen Großen Nationalbibliothek und der Opéra Bastille der erfolgreichste Großumbauer. Während fast vierzig Jahren gingen also in Frankreich Regieren mit Bauen einher. Aber dann war plötzlich Schluss. Weder Nicolas Sarkozy (2007 bis 2012) noch François Hollande (2012 bis 2017) haben die Rolle des „président batisseur“ eingenommen, wenn man davon absieht, dass unter Sarkozy ein Plan für die urbanistische Neuordnung der Banlieue entstand, in der der Präsident, wie er einmal erklärte, am liebsten „mit dem Kärcher“ saubergemacht hätte. Wie ist der Verzicht auf architektonische Selbstdarstellungen seit Sarkozy zu erklären?

          Den Bogen im Finanzviertel La Défense haben die Pariser François Mitterand zu verdanken.
          Den Bogen im Finanzviertel La Défense haben die Pariser François Mitterand zu verdanken. : Bild: Reuters

          Die präsidialen Projekte waren immer Statements, mit denen die jeweiligen Präsidenten ein gesellschaftliches Idealbild, das ihr politisches Handeln leitet, vor Augen führen, es verorten, Ort werden lassen wollten. Das vor vierzig Jahren eröffnete Kulturzentrum „Musée d‘Art Moderne Centre Pompidou“ ist das erste seiner Art und wurde im „Quartier Beaubourg“ im 3. Arrondissement erbaut, weil der damalige Präsident Georges Pompidou „verblüfft“ war, zu beobachten, „wie konservativ der Geschmack der Franzosen war“, und das „vor allem im sogenannten Elite-Milieu“: In einem Artikel, der am 17. Oktober 1972 in der Zeitung „Le Monde“ erschien, erklärte der Staatspräsident, er wolle darauf „reagieren“. Pompidou war tatsächlich ein Liebhaber und Kenner der zeitgenössischen Kunst, sogar die Innendekoration des Elysée-Palasts wurde unter ihm von jungen Künstlern und zeitgenössischen Designern wie Pierre Paulin im Raumschiff-Pop-Stil gestaltet. Während Georges Pompidou von einem Ort für gegenwärtige Kunst in Paris träumte, war François Mitterrand davon überzeugt, dass das Musée du Louvre für Franzosen wie auch Touristen zu einem Ort des Weltwissens für alle werden könnte. 1981 hat François Mitterrand das Projekt offiziell beauftragt, am 4. März 1988 weihte er den „Grand Louvre“ mit der Pyramide des chinesisch-amerikanischen Architekten Ieoh Ming Pei ein.

          Auch der Umbau des Louvre mit dem Eingang durch die Pyramide ist unter François Mitterand entstanden.
          Auch der Umbau des Louvre mit dem Eingang durch die Pyramide ist unter François Mitterand entstanden. : Bild: AFP

          Jedoch dauerten die Renovierungs- und Erweiterungsarbeiten an. Ursprünglich befand sich nämlich das französische Finanzministerium im Louvre im Aile Richelieu, und der ehemalige konservative Finanzminister Edouard Balladur war nicht damit einverstanden, vom Louvre im Ersten Arrondissement nach Bercy im 12. Arrondissement umzuziehen. Pariser und Politiker waren ebenfalls nicht erfreut über die heute sehr beliebte Pyramide, die als Verschandelung beschimpft wurde. Ähnlich heftige Kritiken hatte das Centre Pompidou 1977 ausgelöst. Weil jedes dieser Projekte mit einer bestimmten politischen Partei verbunden war, waren die Proteste dagegen auch immer politisch motiviert, so dass ideologie- und architekturkritische Kategorien jeweils wild durcheinander gerieten. Vor allem aber zeigen die großen Projekte, die „Grands Projets“, dass die Macht der Staatspräsidenten fast monarchisch war. Liegt es am Bedeutungsverlust des Amts, an der schärferen öffentlichen Kontrolle der Ausgaben, dass Sarkozy und Hollande – die beide wegen ihres Hangs zu Luxus oder wenigstens extrem teuren Friseuren kritisiert wurden – ein Grand Projet nicht einmal mehr andachten?

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