An die Urnen, Bürger! Nach Monaten des Wahlkampfes wählen die Franzosen an diesem Sonntag die beiden Finalisten, die dann am 6. Mai gegeneinander antreten werden. Ein Wahlkampf, der einige starke Momente hatte - die lyrische Rede in Le Bourget von François Hollande, mit welcher der Kandidat der Sozialisten den „Verfall“ Frankreichs anprangerte und die „Kontrolle der Finanzen“ versprach; das Meer aus roten Flaggen auf der Place de la Bastille, am 18. März, Gründungsdatum der Pariser Kommune, für das die Anhänger von Jean-Luc Mélenchon, dem Vorsitzenden des Front de gauche, gesorgt hatten; Carla Bruni-Sarkozy, die der Presse beichtet, dass sie und ihr Gatte „bescheidene Leute“ seien. Einige leichtere Momentaufnahmen: Eva Joly, die Diplomökologin, als Rockstar geschminkt, mit dunkler Sonnenbrille, nach einem bösen Fall auf der Treppe und verheerenden Meinungsumfragen. Und Dramen: die Blutbäder von Montauban und Toulouse. Ansonsten jedoch: Was für eine Langeweile und Mittelmäßigkeit!
Vor einigen Wochen beschwor „The Economist“ die Frivolität des Wahlkampfes. Ich bin versucht, von der Verdrossenheit zu sprechen und dem wachsenden Gefühl, dass sich Frankreich mit beunruhigender Taktung der Provinzialität überlässt. Die Debatten wurden kaum mit Leidenschaft geführt. Wie in den Pausenhöfen der Kindergärten riefen an den Rednerpulten und in den Medien die Kandidaten allzu häufig die Abwehrphrase „selber!“ aus: Lügner, inkompetent, schwach, unpräzise. Der Philosoph Michel Onfray schrieb, dass „derjenige, der an der Macht ist, die Inkompetenz dessen anprangert, der es nicht ist; und derjenige, der nicht an ihr teilhat, die Inkompetenz dessen aufzeigt, der es tut“.
Selten so selbstbezogen
So durften die Franzosen reichlich surrealistische Kabbeleien über die Reform der Fahrerlaubnis und über den Preis für einen Liter Benzin erleben und talmudische Diskussionen über die Herkunft ihres Halal-Fleisches. Ansonsten jedoch hat sich, wie das Magazin „Le Point“ schrieb, „der Wahlkampf vollständig in der Verweigerung gegenüber den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, denen Frankreich ausgesetzt ist, eingerichtet, ebenso wie in der Verweigerung aller notwendigen kollektiven Anstrengungen, um das Land wieder aufzurichten.“
Wenig wird gesagt über die gravierenden wirtschaftlichen Probleme, an denen Frankreich leidet, über das Defizit der öffentlichen Finanzen und Auslandskonten, die Baisse der Wettbewerbsfähigkeit, den Rückgang im europäischen und im Welthandel; wenig wird gesagt über die Rosskuren, die unter einem neuen Präsidenten warten, über beispiellose Haushaltsstrenge, den Anstieg der Arbeitslosigkeit und den Rückgang der Kaufkraft. Und was die Situation in Syrien betrifft, die heiklen Veränderungen in den arabischen Ländern, die Militarisierung Chinas, den Aufstieg von Al Qaida im Sahel, das Nuklearprogramm in Iran - die Kandidaten haben so getan, als ob da nichts gewesen sei. Keine Debatte wird der internationalen Politik gewidmet worden sein. Diese Lücke sagt viel über den Zustand des Landes, das selten so selbstbezogen schien. Frankreich ist eine alte Nation, die mehr und mehr die Verlockung einer Insel kultiviert.
Viele Beispiele aus den letzten Jahren kommen mir in den Sinn: die ewigen Titelseiten der Magazine, die seit mehr als fünf Jahren und in beinahe wöchentlichem Rhythmus Präsident Sarkozy gewidmet sind, dem, was er sagt, dem, was er zu tun gedenkt, dem, was er liest, was er isst, seinen heimlichen Plänen; die Ernennung von Jeanne d’Arc zur Frau des Jahres 2012 durch den „Figaro“; die den Franzosen gewidmete Ausgabe des „Figaro“-Magazins an jenem Tag, an dem man folgende, dem französischen „Eden“ gewidmete Perlen von Denis Tillinac lesen konnte, einem guten Freund des ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac: „Frankreich ist von seinem Wesen her nobel, ist Mutter der Freiheit, der Menschenrechte, der Geisteswissenschaften, der Wissenschaften und Künste. Zu seiner Größe bekennt man sich ohne die geringste Scham, und man erkennt seinen vom Katholizismus geprägten Ursprung an der Textur seines Mitleids gegenüber den Schutzbedürftigsten. (...) Die Franzosen sind sich dunkel darüber bewusst, ziemlich sagenhafte fünfzehn Jahrhunderte an Geschichte und Länderkunde geerbt zu haben, und das schmeichelt ihnen. Alle geben eine Vorliebe für die Region, die Gegend, die Stadt zu, wo sie ihre trauten Heime errichtet haben.“
Ich denke auch an all jene Franzosen - die ungeheure Mehrheit -, die nie ins Ausland in die Ferien fahren und damit prahlen. Oder an die gnadenlose Feststellung des Literaturmagazin „Transfuge“, dass nach der Houellebecqschen Ernüchterung am Anfang des Jahrhunderts die französische Literatur besessen von der Vergangenheit sei und unfähig, sich den Bewährungsproben des Realen auszusetzen.
Zur durchschnittlichen Macht geworden
Nein, die Franzosen lieben das 21. Jahrhundert nicht, und sie würden es, könnten sie dies, liebend gern zurücklassen. Diese Lust hat ihre Wurzeln in der Vereinigung von Misserfolgen (die Niederlage von 1940 und der Verlust des Kolonialreichs) und der Unmöglichkeit eines „Frankreichs im Großen“. Frankreich ist eine durchschnittliche Macht geworden. Sie ist wieder in den Hintergrund getreten. Seit 1918, so erinnert Pierre Nora, ist Frankreich nicht länger der Ursprung großer historischer Erschütterungen gewesen, sondern nurmehr der Untertan von deren Nachwirkungen. Wie alle anderen Nationen hat es die Massenkultur angenommen und ist zur Konsumgesellschaft geworden. Der Gaullismus und in einem geringeren Maß der Kommunismus haben die Illusion am Leben gehalten, Frankreich wären noch eine große Geschichte und ein großes Schicksal vorbehalten. Daraus wurde nichts. Auch weil sich die Welt verweigert, weil sie Frankreichs Stimme kaum mehr Gehör schenkt, haben Frankreich und die Franzosen Lust, sich auf sich selbst zurückzuziehen, so zu tun, als wäre dies noch möglich.
Der Wahlkampf wird dieser Tendenz schmeicheln. Allen voran die populistischen Kandidaten, die mit dieser Zauberformel gewetteifert haben, um Frankreich der Geschichte schnellstmöglich zu entziehen. Marine Le Pen, die Favoritin der Wähler unter 24 Jahren, hat den Franzosen das Blaue vom Himmel versprochen, wenn Frankreich aus der Eurozone ausstiege, wenn es, wie der Kapitän der „Costa Concordia“, vor den anderen, vor dem definitiven Schiffbruch, den europäischen Frachter verließe, wenn es sich der nationalen Präferenz hingäbe, wenn es schließlich die Ausländer hinauswürfe.
Die Bosse, die Bourgeois, Wall Street!
Der Volkstribun Jean-Luc Mélenchon, ehemaliger Trotzkist mit gaullistischem Zungenschlag, hat die revolutionäre Mythologie zu neuem Leben erweckt, indem er in seinen Reden Robespierre, Fidel Castro, Jean Jaurès, Hugo Chávez und Victor Hugo zitierte, Reden, in denen er die Verantwortlichen für das französische Chaos anprangerte: die Bosse, die Bourgeois, die Journalisten, Wall Street! Die Regierungsparteien, der PS und der UMP, die sich nichts vormachen lassen, tun derweil alles, um die Franzosen, das am stärksten deprimierte Volk der Welt, nicht zu hart anzufahren.
„Die Tränen und das Blut“, die Präsident Sarkozy versprochen hat, seine äußerst churchillhafte Haltung, die Winterreformen und -opfer sind zu angsteinflößend, sie werden rasch Versprechungen aller Art Platz machen, andere Sündenböcke werden durch den Kandidaten des „starken Frankreichs“ benannt werden: die schlecht bewachten Grenzen des Schengen-Raumes, die Steuer-Exilanten, der Freihandel, die EZB, die illegalen Einwanderer. François Hollande, der Zen-Meister von Corrèze, hat sich damit begnügt, keinen Fauxpas zu begehen, der „Zeit Zeit zu gewähren“, um sich vom Präsidenten zu befreien; um seine Mitbürger zu beruhigen, indem er so gut, wie er kann, den Virtuosen nachäfft, auf den er sich bezieht, François Mitterrand, die „ruhige Kraft“ des siegreichen Wahlkampfes von 1988.
Allein gegen die Globalisierung
Die zehn Kandidaten im ersten Präsidentschaftswahlgang haben dennoch einen gemeinsamen Feind: die Globalisierung. Die Globalisierung, diese ungeheure Beschleunigung, diese immerwährende Bewegung von Kapital, Menschen und Waren, die das französische Sozialmodell gefährdet, das 90 Prozent der Franzosen schätzen, selbst wenn es nicht mehr zu finanzieren ist und droht, sie endgültig zu ruinieren. Von allen Einwohnern entwickelter Nationen sind die Franzosen diejenigen, welche die Globalisierung am heftigsten verachten.
In den letzten Wochen hat man ihnen versprochen, „dagegen anzukämpfen“, selbst der sehr vernünftige Premier, François Fillon, hat darüber sein kleines Liedchen gesungen, eines schönes Morgens im Radio. Warum auch nicht, warum nicht ankämpfen gegen die Hyperfinanzialisierung der Welt? Warum die Finanztransaktionen nicht stärker besteuern? Schade nur, dass man nicht allein gegen die Globalisierung ankämpfen, dass man sich nicht allein gegen den Gang der Geschichte stellen kann, selbst wenn es sich um die Nation des unwiderstehlichen Jean Dujardin und des komischen Stéphane Hessel handelt.
Das ist zwar evident, aber die französischen Politiker scheinen es vergessen zu haben. Und während sie schwadronieren und den Franzosen eine Zukunft vorspiegeln, indem sie sich auf Wachstumshypothesen stützen und behaupten, dass „von jetzt an das Schlimmste der Krise überstanden ist“, lauern die Märkte und Gläubiger wie Aasgeier, reformieren sich Frankreichs europäische Partner, die zugleich seine unerbittlichsten Konkurrenten sind, und die Schwellenländer, das Messer zwischen den Zähnen, wachsen unaufhörlich in schwindelerregendem Tempo.
1981 hatte das Frankreich von Mitterrand bereits entschieden, einen anderen als den von den ersten Herolden der Globalisierung eingeschlagenen Weg zu gehen, den von Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Zwei Jahre später, isoliert, in Europa wie anderswo, hat es die Kehrtwende zur Härte genommen. 2012 muss Frankreich den Bettelgang um 180 Milliarden Doller antreten.
Es reicht nur zum gemeinsamen Schuldenmachen
Pete Thoureau (Pete_Thoureau)
- 22.04.2012, 12:24 Uhr
Die gleiche Wirkung zweier verschiedener Übel:
Holger Baade (papperlapap)
- 22.04.2012, 10:36 Uhr
Recht treffend
Till Diesing (Zabel24)
- 22.04.2012, 09:49 Uhr