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Französische Popmusik Der Mut der Vögel im eisigen Wind

Benjamin Biolay, Françoiz Breut und die Nouvelle Scène des Pop français: Die beste neue Musik kommt aus Paris.

© Worldwide Vergrößern Weltempfänger aus Frankreich: Benjamin Biolay

In diesem Jahr fallen in Deutschland die Charts und die Jahreszeiten vollkommen auseinander; jetzt, wo die Leute frierend durch die Gegend rennen, steht unbeirrt der spanische Sommerhit "Aserejè" auf dem ersten Platz, und ganze Kohorten von blaugefrorenen Menschen sind immer noch damit beschäftigt, mit klappernden Zähnen den Refrain "Aserejè ja de jè de jebe tu de jebere seibiunouva majavi an de bugui an de buididipí" fehlerfrei aufzusagen, womit sie vermutlich noch bis Weihnachten zu tun haben.

Niklas Maak Folgen:  

Viel besser zur Jahreszeit paßt Benjamin Biolays Lied "Novembre toute l'année", der erste Titel auf seinem Album "Rose Kennedy" (Virgin), mit dem der Neunundzwanzigjährige in Frankreich so etwas wie eine kollektive Hysterie ausgelöst hat. In seiner Heimat wird Biolay als neuer Serge Gainsbourg, was in Frankreich sicherlich das größte zu vergebende Kompliment ist, und als Retter des französischen Chansons gefeiert, obwohl er "mit dem Jacques-Brel-Mist" nach eigenen Aussagen lieber nichts zu tun haben möchte.

Aber spätestens, wenn man das Lied "La Palmeraie" gehört hat, das den Preis für das beste Lied des Jahres locker verdient hätte, weiß man, daß die Franzosen recht haben - und daß Biolay trotz aller musikalischen Ahnenbeschimpfung genau dem zu neuem Glanz verhilft, was irgendwann bei Gitanes rauchenden Diseusen zu verenden drohte: dem französischen Chanson.

Biolay, 1973 in Villefranche-sur-Saône geboren, ist nicht nur Sänger, sondern Komponist, Produzent und - seit seiner Hochzeit mit Chiara Mastroianni - auch der Schwiegersohn von Cathérine Deneuve, was ihn in Frankreich endgültig zu einem Thema für die Presse machte. Er schreibt Lieder für seine kleine Schwester Coralie Clément, aber auch für Françoise Hardy, die neben dem 1991 verstorbenen Gainsbourg das zweite große Vorbild der neuen französischen Musik ist.

Biolays Album ist die Renaissance des glänzenden, überstylten, hysterisch amerikanischen und gleichzeitig dandyistisch antiamerikanischen Frankreich, für das eben wie kaum ein anderer Serge Gainsbourg mit Liedern wie "Bonnie and Clyde", "Love on the Beach" oder "Harley Davidson" stand.

Biolay ist, wie Serge Gainsbourg, ein Weltempfänger, in dessen Musik sich alles mischt: der untertourige, warme Sprechgesang von Gainsbourg, dem Biolays Stimme manchmal geradezu gespenstisch nahe kommt, die pathetischen Geigenchöre, die Aznavour in "Désormais" umtosten, der Cool Jazz eines Miles Davis bei der Einspielung zu "Fahrstuhl zum Schafott", Bossa Nova und die Musik von Air. "La mélancholie", das bei weitem nicht so trostlos wie sein Titel klingt, hört sich an, als hätte Gainsbourg den Titelsong eines Bond-Films komponiert.

Biolays Texte bleiben dort, wo man französische Texte vermutet, nämlich an leeren Stränden, in kalten Meeren und unter der Sonne des August, sie erzählen von gebrochenen Versprechen, verblaßten Sommerträumen und vagen Hoffnungen auf einen letzten Tanz, "en souvenir du passé". Manchmal geht es um Triebtäter, manchmal um Treibhäuser, um Schatten und Kälte: "Les roses ont fané / les promesses oubliées / Aucun hiver et pas d'été / dans la palmeraie", heißt es im schönsten Lied der CD.

Mittlerweile wird Biolay auch hierzulande entdeckt und mit ihm die Vertreter einer neuen Musikbewegung, wie es sie seit langem nicht mehr gab. Oliver Fröschke und Rolf Witteler, die gerade einen Sampler mit den besten französischen Neuerscheinungen zusammengestellt haben, nennen das Ganze "Le Pop - Die Chansons der Nouvelle Scène Française".

Der Beginn dieser Musikbewegung läßt sich relativ präzise datieren: 1992 spielten in Nantes Katerine und Dominique A ihre ersten Alben ein, gleichzeitig wurde das Indie-Label "Lithium" gegründet. Von Nantes aus breiteten sich Bands und Musiker aus, die im Gegensatz zu Discopop-Produkten wie Alizée ihre Musik selbst schreiben und spielen und in kleinen Clubs auftreten. Dominique A wurde 1992 mit "Le Courage des oiseaux" berühmt; das lakonische kurze Lied handelt von nicht viel mehr als vom "Mut der Vögel, die im eisigen Wind singen". Der Text war klassischer Chanson, die Vortragsweise auch - aber der blubbernde Elektropop, der dem blasiert dünnstimmigen Sprechgesang unterlegt war, wirkte wie ein Erdbeben; plötzlich wurden Chansons tanzbar, und auch verspätete Gauloises-Existentialisten durften mal gute Laune zeigen, ohne gleich in Britpop-Verdacht zu geraten.

Mittlerweile ist Dominique A der Pate der neuen Szene geworden; er schreibt Lieder für seine Ex-Freundin Françoiz Breut, die ihr Geld bis vor kurzem als Blondie-Double in einer Coverband verdiente. Das für Biolay typische große Gefühl, Geigenwogen und Orchesterpathos, taucht auch in ihren Chansons auf, in "Si tu disais" etwa, das Dominique A schrieb; Breut ist für die Nullerjahre das, was Françoise Hardy für die Sechziger war.

So temperamentvoll wie in der Nouvelle Scène wurde lange nicht mehr experimentiert, zitiert und gemischt. Mit der Nouvelle Scène, aber auch mit Air, Daft Punk und Alizée, Manu Chao und der alten Musikkampftruppe Noir Désir, deren neuer Hit "Le vent nous portera" inzwischen auch in deutschen Sendern auftaucht, wird Frankreich auch musikalisch zu jenem neuen Gegenwartszentrum, das es in der Literatur mit Michel Houellebecq und Frédéric Beigbeder oder im Kino mit dem Film "Die fabelhafte Welt der Amélie" längst ist.

Frankreich ist nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch auf dem Weg, wieder ein Gegenentwurf zur angeblichen Allgegenwart der amerikanisch geprägten Popkultur zu werden - wobei dieser Gegenentwurf mehr ist als eine wüste Attacke auf den amerikanischen Neoliberalismus. Eines von Breuts besten Liedern heißt "Portsmouth", eines von Biolay "Los Angeles". Und gerade dort, wo der amerikanische Traum seinen Resonanzkörper in der französischen Sprache findet, auseinanderfällt und neu amalgamiert wird, merkt man, wie die Gegenwart im besten Fall klingen kann.

Hörproben, Konzerttermine etc. auf www.benjaminbiolay.com

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 3.11.2002, Seite 28

 
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Veröffentlicht: 05.11.2002, 11:10 Uhr

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