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Französische Akademien Niemand will mehr unsterblich werden

29.05.2008 ·  Die Aufnahme in eine der großen französischen Akademien gilt als Krönung einer intellektuellen Karriere. Doch prominente Schriftsteller verweigern sich zunehmend dieser Ehre und das Durchschnittsalter der Mitglieder nimmt dramatisch zu. Selbst die berühmtesten Akademien finden keinen Nachwuchs mehr.

Von Elise Canuel
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Die Académie française ist nicht zu verwechseln mit ihrer kleinen Schwester, der Académie Goncourt. Die erste zählt vierzig Mitglieder, die sogenannten Unsterblichen; sie wurde im siebzehnten Jahrhundert gegründet und versteht sich als Garant der französischen Sprache, deren Bewahrung und Pflege. Die zweite, im Jahre 1900 von dem Schriftsteller Edmond de Goncourt gegründet, sollte ursprünglich die Versäumnisse der Académie française nachholen. Denn diese hat etliche große Geister verpasst: Verbissen etwa bewarb sich Emile Zola um die Mitgliedschaft - neunzehnmal vergeblich. Flaubert vermerkte im „Wörterbuch der Gemeinplätze“, man solle über die Académie lästern, aber zugleich versuchen dazuzugehören. Aber auch er erlangte die Unsterblichkeit eines Akademiemitglieds nicht, ebenso wenig wie Baudelaire. Edmond de Goncourt, ein enger Freund Flauberts, dachte sich deshalb ein Trostpflaster für talentierte Schriftsteller aus: einen Literaturpreis. Der Jury als modernerer Version der Académie française sollten lediglich zehn Mitglieder angehören.

Heute widmet sich die Académie française nach wie vor grammatischen Zweifelsfällen und einem Wörterbuch, das als offiziell anerkanntes Nachschlagewerk gelten soll. Seine neunte Ausgabe allerdings stockt seit 2001 beim Buchstaben R. Die herbstliche Goncourt-Preisverleihung wiederum bildet den Höhepunkt des französischen Kulturlebens, der Erfolg des Siegertitels im Buchhandel ist garantiert.

Krönung einer intellektuellen Karriere

In vielem ähneln sich die Akademien. Beide setzen auf Dekorum, sei es bei der Kleidung, sei es bei den feierlichen Sitzungen, den zeremoniellen Riten und Requisiten. Und beide werden nach wie vor von der Pariser intellektuellen Elite als Höhepunkte einer Karriere betrachtet.

Nun aber müssen sie sich auch der gleichen, immer dringenderen Herausforderung stellen: Wie können sie weiterbestehen? Denn das Durchschnittsalter liegt in der Académie française bei neunundsiebzig Jahren, und als Nächste für eine Mitgliedschaft vorgesehen ist die achtzigjährige Simone Veil. Auch vier Juroren der zehnköpfigen Académie Goncourt sind bereits älter als achtzig. Wie viele von ihnen noch dazu fähig sind, an den Sitzungen regelmäßig teilzunehmen und einen sinnvollen Beitrag zur Arbeit zu leisten, ist schwer abzuschätzen. Man muss aber leider feststellen, dass jene zwei Mitglieder der Académie Goncourt, die kürzlich ihre Jurorentätigkeit niederlegten, einundachtzig und sechsundachtzig Jahre alt und jeweils schon lange gelähmt und blind waren.

Paradoxien der Unsterblichkeit

Auch ist das Massensterben des Jahres 2007 bei der Académie française im Gedächtnis geblieben: sechs Tote binnen zwölf Monaten. Die Unsterblichen sind also doch sterblich. Hélène Carrère d'Encausse, secrétaire perpétuel, Ständiger Sekretär der Akademie, äußerte sich gelassen: Es sei nicht ungewöhnlich, dass ein Akademiker versterbe - seit Gründung der Institution gebe es im Durchschnitt zwei Tote pro Jahr. Die Ständige Sekretärin nahm sich Anfang des Jahres sogar noch die Freiheit, sieben Bewerbungen abzulehnen. Doch die Akademiker und die Juroren des Prix Goncourt sind sich des Problems bewusst und versuchen jetzt, der Vergreisung entgegenzusteuern.

Das ist eine schwierige Aufgabe, denn so glanzvoll die Mitgliedschaft auch wirken mag, haben viele Schriftsteller der jüngeren Generation kein Interesse daran. Sie haben genug zu tun und streben, wenn überhaupt, nach anderen Formen der Anerkennung und Bestätigung. Dagegen setzte Altstaatspräsident Valéry Giscard d'Estaing (Jahrgang 1926) Himmel und Hölle in Bewegung, um trotz des hartnäckigen Widerstandes einer Splittergruppe in den erlauchten Kreis der Académie française aufgenommen zu werden. 2003 gelang es. Der Tageszeitung „Le Monde“ hat er allerdings im vergangenen Jahr seine herbe Enttäuschung anvertraut: „Ich dachte, die Académie wäre der Kreis der französischen Intelligenz. Doch muss ich feststellen, dass sich alles um diese Geschichte mit dem Wörterbuch dreht.“ Seitdem weiß man, dass selbst Giscard d'Estaing keinen Spaß an der Sache hat. Immerhin bezeichnete er die Treffen der Akademiker als „ganz nett“.

Verweigerung der Literaten

Mit Sollers, Modiano, Le Clézio, Debray und Quignard haben etliche prominente Kandidaten die Ehre abgelehnt. Es geht also viel weniger um die Krise der französischen intellektuellen Elite als um die Krise der Institution. Während früher die Akademie entscheiden konnte, wichtige Dichter nicht mit einer Mitgliedschaft zu würdigen, sind es heute die Dichter, die sich verweigern. Die Akademie verpasst somit die talentierteren Schriftsteller gleich mehrerer Generationen und muss sich mit Vertretern anderer Gruppen zufriedengeben. Ärzte werden nun rekrutiert, und aus dem Bereich des Films und des Chansons soll auch abgeworben werden. Der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière lehnte jedoch auch ab, während der Liedtexter Jean-Loup Dabadie im letzten April aufgenommen wurde - was als Zeichen für die Öffnung der Akademie verstanden wurde.

Für die zuletzt zwei vakanten Sitze der Académie française hatten sich fünf Bewerber gemeldet, unter ihnen der fünfundfünfzigjährige Jean-Christophe Rufin, ein geradezu blutjunger Kandidat. Doch man fragt sich, was den humanitär engagierten Journalisten, erfolgreichen Schriftsteller und jetzigen Botschafter Frankreichs in Senegal daran reizt. Geht es um Prestige, Neugier oder Opferbereitschaft? Auch der Unternehmer, Kunstkenner und Mäzen Pierre Bergé bewarb sich, so wie der Schriftsteller Daniel Rondeau, ein ehemaliger, weitgereister Linksaktivist. Gewählt aber wurde jetzt der Kunsthistoriker Jean Clair.

Esoterische Etikette

Die Bewerber für einen vakanten Platz müssen sich einem Auswahlverfahren unterziehen, das sich über Jahre hinzieht. Neben den üblichen Bewerbungsschreiben müssen Höflichkeitsbesuche bei den Mitgliedern absolviert werden, die sogenannten visites, bei denen streng auf die Einhaltung einer esoterischen Etikette geachtet wird. Dass Daniel Rondeau bereits nach vier Wochen aus dem Verfahren austrat, war nicht erstaunlich. „Wir versuchen, das Ganze zu straffen“, versichert Hélène Carrère d'Encausse. Drei andere Sitze der 2007 verstorbenen Akademiker sind aber noch nicht einmal für vakant erklärt worden.

Wunschkandidaten der Académie française gibt es kaum noch. Im Falle von Alain Robbe-Grillet scheiterte 2004 der Versuch, ein weniger traditionelles Mitglied aufzunehmen. Der Papst des Nouveau Roman weigerte sich bis zu seinem Tod, den grünen Frack anzuziehen und das ehrwürdige Gebäude am Pariser Quai Conti zu betreten. Das Bekenntnis von Dominique Fernandez zur Homosexualität irritierte gewisse Akademiker, und genauso verhielt es sich mit der Begeisterung von Michel Serres für die Enzyklopädie Wikipedia. Mit der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar konnte die Akademie zwar eine sehr gebildete, vielseitig interessierte und im französischsprachigen Raum anerkannte Frau für sich gewinnen. Ihr überfüllter Terminkalender und vor allem die Tatsache, dass sie in den Vereinigten Staaten lebt, lassen sich jedoch schwer mit den wöchentlichen Arbeitssitzungen am Wörterbuch verbinden. Der secrétaire perpétuel und der immer engere Kreis der Schriftsteller in der Akademie suchen verzweifelt nach belesenen Philologen, weil sie ihr rückwärtsgewandtes Ideal bewahren wollen. Es mag erfreulich sein, dass die Akademie sich notgedrungen gegenüber der Modernität etwas aufgeschlossener zeigt, doch das geschieht zwangsweise und schafft für alte wie neue Akademiker unbefriedigende Verhältnisse.

Zur Not die Präsidentengattin?

Im Gegensatz zur Académie française hat die Académie Goncourt eine erhebliche Veränderung gewagt: Es wurde kürzlich entschieden, kein Mitglied mehr aufzunehmen, das älter als achtzig Jahre ist. Darüber hinaus müssen die Juroren zu den Besprechungen regelmäßig erscheinen; telefonisch darf nicht mehr abgestimmt werden. Die Geschichte scheint sich zu wiederholen: Zum zweiten Mal will die Académie Goncourt die Rolle des Vorreiters bei Reformen übernehmen. Frau Carrère d'Encausse aber will von einer Altersgrenze bei der Académie française weiterhin nichts wissen, behauptet jedoch, jüngere Prätendenten aufnehmen zu wollen.

Wie wäre es dann, Carla Bruni zum Mitglied zu wählen, spottete der französische Feuilletonist Didier Jacob im „Nouvel Observateur“. Der Staatspräsident muss schließlich jede Neuaufnahme bestätigen. Oder die höchst beliebte belgische Schriftstellerin Amélie Nothomb, die in diesem Jahr vierzig wird? Das will Frau Carrère d'Encausse gar nicht ausschließen. Doch nicht Frau Nothomb, sondern Jean Clair wurde dann in die Académie française gewählt. Der streitbare Siebenundsechzigjährige mag immerhin eine belebende Wirkung auf seine älteren Kollegen ausüben. Als Freund von Modernisierungen ist er indes nicht bekannt.

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