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Veröffentlicht: 30.10.2016, 09:17 Uhr

Frischer Ton Franziskus, der neue Luther?

Fast punktgenau fünfhundert Jahre nach der Lutherschen Reformation wird in der katholischen Kirche ein zweiter Bruch mit der überlieferten autoritativen Lehre diskutiert. Ist Franziskus der nächste große Reformator?

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© dpa Papst Franziskus in der Luther-Kirche Roms

Man kann das natürlich wollen: in einer Leitkultur von Inklusion und Vielfalt auch die religiösen Systeme ihres universalen Lehranspruchs entkleiden. Dies von außen zu tun war immer schon guter aufklärerischer Brauch. Religionskritik richtet sich seit je gegen den Anspruch geistlicher Lehrautoritäten, dem individuellen und gesellschaftlichen Leben Vorgaben machen zu wollen.

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In welchem Sinne dies in der säkularisierten Moderne überhaupt angehen mag, wird vor allem im Blick auf den Islam debattiert. Doch im Windschatten der politisch aufgeheizten Islam-Debatte geht es in der katholischen Kirche längst um etwas anderes: um die Frage der Selbstabschaffung ihres religiösen Lehramtes. Gemeint ist also kein von außen erzwungener, sondern ein von innen durchgesetzter, theologisch angestrengter Bruch mit überlieferter autoritativer Lehre, der dann Aufbruch heißen würde.

Rückkehrökumene anders herum

Die Auseinandersetzung um diese zweite, innerkatholische Reformation (Reformen gab’s ja viele) entzündet sich fast punktgenau fünfhundert Jahre nach der Lutherschen Reformation am regierenden Papst Franziskus und dessen jüngstem Lehrschreiben „Amoris laetitia“. Darin geht es vorderhand um Ehe und Ehebruch, in Wirklichkeit um die katholische Sakramentenordnung als Ganze, welche mit einem pastoralen Federstrich ausgehebelt erscheint. Wobei die Kritiker des Schreibens dem Papst vorhalten, die Ehe darin faktisch als „weltlich Ding“ (Martin Luther) zu behandeln, auch wenn sie rein theoretisch, auf der Ebene der Beschwörung, ihren unauflöslichen Rang als Sakrament behalte. Da steht also eine hübsche ironische Pointe im Raum: Sollte die Kirche, die seinerzeit im Zeichen des Antichristen getrennt wurde, nun im selben päpstlichen Zeichen de facto wieder geeint sein? Ist Franziskus der Luther von 2017? Macht er in einer Art historischer Punktlandung aus der katholischen Kirche die reformierte Einheitskirche? Das wäre im ersehnten oder gefürchteten Ergebnis Rückkehrökumene anders herum: Der Heilige Stuhl siedelt tiefenentspannt nach Wittenberg über, statt, wie jahrhundertlang üblich, die Protestanten nach Rom zwingen zu wollen.

Von Gewicht ist in diesem Zusammenhang ein Beitrag, den Kardinal Walter Kasper im November-Heft der theologischen Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ veröffentlicht. Er lässt sich gleichsam auf eine Interpretation der Interpretation der Interpretation des päpstlichen Schreibens ein, was bei der kontroversen Deutungsgeschichte von „Amoris laetitia“ auch kaum anders möglich erscheint. Denn dass in dieses Schreiben, zugespitzt gesagt, jeder etwas anderes hineininterpretieren kann, scheint sich keiner Fehllektüre zu verdanken, sondern vom päpstlichen Autor intendiert zu sein. Wie erklärte der Freiburger Theologe Helmut Hoping in einem Zeitungsgespräch mit Kardinal Kasper („Die Tagespost“, 14. Juli), das dessen jüngstem Beitrag zugrundeliegt: „Aktuell sehe ich die Gefahr darin, dass das päpstliche Lehramt durch lehrmäßige Unklarheit und irritierende Spontanäußerungen seine Autorität verspielt.“ Dann hätten sowohl Zustimmung als auch Widerspruch ihren performativen Ort verloren.

Eine ungenaue Position?

Kasper wiederum bestätigt in der Sache den weltkirchlichen „Streit um die Deutungshoheit“, gewichtet die verschiedenen, sich teilweise geradewegs widersprechenden Auslegungen, mobilisiert seinerseits Deckautoritäten der reinen Lehre von Thomas von Aquin bis Josef Pieper, die angeblich allesamt hinter Franziskus und seinen Darlegungen stehen. Wobei Kasper im Eifer des Gefechts unfreiwillig auch die Kritiker bestätigt, die dem Papst schriftstellerisches Obskurantentum vorhalten, wenn er umstürzende Aussagen in Fußnoten verstecke: „Auch ein Papst kann nicht im Handumdrehen in einer Anmerkung bestehende Regelungen außer Kraft setzen.“

Was Kasper nicht macht (wie könnte er auch als Kardinal?): Er bescheinigt den Papst nicht, er habe schludrig gearbeitet, die Dinge schlecht durchdacht, nicht klar genug formuliert. Stattdessen lobt Kasper den „neuen, frischen, geradezu befreienden Ton, wie man ihn aus Lehrschreiben kaum kennt“, und unterstellt der lehramtlichen Diffusität eine lehramtliche Intention: „Die Praxis, Kontroversen offen zu lassen, entspricht lehramtlicher Tradition, von der auch Konzilien Gebrauch gemacht haben.“

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Was aber, wenn sich, wie im vorliegenden Fall, die Kontroversen gar nicht auf einen theologischen Dissens berufen, sondern schlicht auf die Unmöglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist? Wenn also die theologische Position so ungenau bleibt, dass sie sich gar nicht als dissenstauglich erweist? Dann blieben diese Kontroversen nur offen bei Strafe des lehramtlichen Autoritätsverlustes. Es würde dann selbst für Kirchenmitglieder belanglos werden, was ein Papst sagt. Denn er selbst würde ja keinen Wert darauf legen, verbindlich zu sprechen. Das kann man wollen oder nicht: Ein Glaube wie der christliche, der sich auf seine Vernunft (und also auf intellektuelle Standards) etwas einbildet, bekäme 2017 eine Verlustrechnung zugestellt.

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