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Franz Beckenbauer Der freie Mann

09.09.2005 ·  Eleganz, Lässigkeit, Nonchalance. Er definierte die Position des Liberos. Anders als viele Sportlerkollegen war Franz Beckenbauer nie ein Thema für die Intellektuellen. Seine Bodenständigkeit hat er bis heute bewahrt.

Von Edo Reents
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Er ackert nicht, er grätscht nicht, und der himmlische Vater ernährt ihn doch: Wer würde zögern, ihn einen Götterliebling zu nennen?

Dieses Wort, das in Deutschland zuletzt wahrscheinlich auf Goethe angewandt wurde, fordert Anmut und eine Gelungenheit des Lebens, die nichts mit Mühe und Arbeit zu tun hat, sondern sich, scheinbar, nur aus Talent und Erwählung ergibt - Dinge, die man auch mit Franz Beckenbauer, der mit Goethe immerhin das Sternzeichen teilt, in Verbindung bringt.

„Die Konstellation war glücklich; die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig; Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig“ - die berühmten Anfangsworte aus „Dichtung und Wahrheit“ drücken eine freudige Schicksalsergebenheit aus, die manches von dem, was sich fügte, gelassen im dunkeln läßt, und die wohl auch Franz Beckenbauers Teil ist.

Das Ausmaß seiner Begünstigung scheint grenzenlos, sein Erfolg um so größer, als sich die Eigenschaften, die ihn herbeiführten, gleichsam vor der Negativfolie eines Landes so unübersehbar strahlend entfalteten, das auf diese Eigenschaften selber weitgehend verzichten mußte und sich das lange Zeit auch leisten konnte: Eleganz, Lässigkeit, Nonchalance. Otto Rehhagel erinnert sich daran, wie er ihn das erste Mal sah: „Ich spielte bei Hertha und saß an einem Nachmittag in meinem Cafe. Draußen, auf dem Ku'damm, sah ich plötzlich die Spieler von Bayern München vorbeischlendern. Beckenbauer ragte heraus. Die Eleganz seiner Bewegung, wunderbar, südländisch fast.“

Der idealtypische Libero

Beckenbauer wirkte mit seiner aufrechten Körperhaltung, der liebevollen, im besten Sinne spielerischen Ballbehandlung selber wie entmaterialisiert, nach eigenen Gesetzen auch abseits vom Platz handelnd: denen des freien Mannes. In der Position des Liberos, die er recht eigentlich schuf, verdichteten sich Sehnsüchte, die das Land der Opel Asconas und Ford Capris ansonsten nur schwer einzulösen vermochte.

Es mag eine nationale Eigenheit sein, daß man in Deutschland auf diesen Posten so viel Wert legte wie in keinem anderen Land; aber es war eben Beckenbauer, der ihn auf eine, so zumindest will es uns heute scheinen, idealtypische Weise ausfüllte und die eindeutig besitzstandswahrende Funktion, die damit verbunden war, sprengte.

Holland und die ganze Welt vergötterten damals einen Stürmer; aber der Ruhm Franz Beckenbauers verblaßte nicht angesichts der Tatsache, daß dieser ihn auf einem vermeintlich unattraktiven, unbeweglichen Abwehrposten verwaltete und mehrte. Hier entfaltete er sich nicht weniger frei und inspiriert als Johan Cruyff, und er war immer so souverän, von einem Vergleich abzusehen und sogar von sich aus glaubwürdig zu behaupten, der Holländer, nicht er sei der beste Europäer aller Zeiten gewesen.

Außergewöhnlichkeit und Konstanz

Der sozialliberalen Ära, in der Beckenbauer groß wurde, war dessen anstrengungslose Beweglichkeit zunächst nichts grundsätzlich Fremdes; Willy Brandts Wort „mehr Demokratie wagen“ ging ja in diese Richtung. Um so erstaunlicher, daß der Fußballer sich von Politik so fernhielt und den Kanzler, mit dem gerade der Aufbruch verbunden war, den er fußballerisch verkörperte, einmal als eine Art nationales Unglück bezeichnet hat.

Daß man ihm diese rustikale, um nicht zu sagen: dumme Äußerung wie viele andere durchgehen ließ und schnell wieder vergaß, ist im Grunde nicht zu begreifen. Nur mit der Außergewöhnlichkeit und Konstanz seiner fußballerischen Leistungen ist es zu erklären, daß alles, was er als nicht mehr Aktiver sagt, wie eine päpstliche Enzyklika aufgenommen wird. Wie bei vielen charismatischen Menschen, so käme auch bei ihm niemand auf die Idee, nach seiner Intelligenz zu fragen.

Die Macht der Verklärung

Daß Kritik, sofern sie überhaupt geäußert wird, an ihm abperlt wie an einer Teflonschicht, daß schon eine nüchterne, ausgewogene Beurteilung seiner Person den Tatbestand der Majestätsbeleidigung erfüllt, ist oft gesagt worden und im Grunde nur Ausdruck des Geheimnisses, das er darstellt. Es mag mit seiner grundsätzlich sympathischen, wiederum nicht weiter erklärbaren Art zusammenhängen, mit seiner allerdings selten bemerkten Selbstironie und seiner Abneigung, sich für Ämter und Posten selber ins Gespräch zu bringen. Daß er sich letzteres leisten kann, weil die Leute ihn im Zweifelsfall jedem anderen vorziehen, ist natürlich wahr.

Wenn man genauer hinsieht, muß man vermuten, daß der Sohn eines Postbeamten im Grunde seines Herzens bescheiden geblieben ist. Vor einigen Jahren gab es im Fernsehen ein Veteranentreffen der Weltmeister-Mannschaft von 1974. Alle feixten und feierten sich selbst, Sepp Maier kasperte wie eh und je; doch wer sich im Hintergrund hielt und nur etwas sagte, wenn er gefragt wurde, das war der ehemalige Kapitän.

Franz Beckenbauers Karriere fiel in eine Zeit, in der das Land seine Errungenschaften genießen und sich darauf ausruhen konnte; die Notwendigkeit großer persönlicher Anstrengung, gar von Opfern wurde nicht verspürt und gab es vielleicht auch weniger als heute. Damit dürfte es zusammenhängen, daß der Stil dieses einzigartigen Spielers, der auf kein bestimmtes Ziel ausgerichtet und von keiner Versagensangst geprägt schien, für selbstverständlich genommen wurde und erst in der Rückschau, über die Macht der Verklärung, seine Wirkung entfaltete.

Der umstrittene Debütant

Wie ein Feldherr, der nicht vom Pferd steigt, machte er sich fast nie schmutzig und geriet selten ins Schwitzen. Man sieht ihn noch vor sich an diesem traurig-aufregenden Sommerabend 1976 in Belgrad nach dem von Hoeneß verschossenen Elfmeter, wie er mit einer Generosität, die sicher nicht gespielt war, lächelnd abwinkt, als wollte er damit sagen: Ist doch egal, wir waren ja gerade erst Europameister und sind immer noch Weltmeister - wie ein Arbeiterführer, der zum freiwilligen Verzicht auf Lohnerhöhung aufruft. Man sehe dagegen heutige Leistungsträger, die nach eigenem oder fremdem Versagen verbissen im Tor kauern und nicht ansprechbar sind.

Die siebziger Jahre wurden beherrscht vom sogenannten linken, das heißt phantasievollen Offensivfußball, der vor allem mit der Mannschaft von Borussia Mönchengladbach assoziiert wurde. Auf seiten der rationaler vorgehenden Rivalen wurde er verkörpert von Franz Beckenbauer, den damit politisch freilich wenig verbindet. Andererseits: Hätte man sich ihn als Aktiven noch in der Epoche einer geistig-moralischen Wende vorstellen können? Der ideenarme, aber kaum minder erfolgreiche Kraftfußball, der nach ihm kam, hätte für einen wie ihn keine Verwendung mehr gehabt.

Bei jedem großen Sportler gibt es Situationen, in denen sich sein Wesen und seine Wirkung verdichten. Für Franz Beckenbauer gab es mehrere. Zunächst die Ohrfeige für den Jugendlichen durch einen München-60-Spieler, die ihn zu den Bayern trieb. Dann, am 26. September 1965, das erste Länderspiel, bei dem der alles andere als unumstrittene Debütant einen mutigen Außenlauf hinlegte, der zum Siegtor gegen die Schweden führte und die Weltmeisterschaftsteilnahme im Jahr darauf sicherte.

Herausfordernd und vernichtend zugleich

Beim DFB-Pokalfinale Bayern München gegen Schalke 04 im Juni 1969 hatte er sich unbeliebt gemacht, weil er Stan Libuda an der Hose gezogen und damit zu Fall gebracht hatte. Wie um den Spielern und Zuschauern zu demonstrieren, was Willenskraft und Selbstbewußtsein vermögen, tat er hernach, was damals so im „Tagesspiegel“ stand: „Statt sich schuldbewußt zu ducken, nahm Franz den Ball genau in jener Ecke, wo das Geschrei am vernichtendsten klang, und jonglierte ihn von einem Fuß auf den anderen, auf den Kopf und wieder auf den Fuß. Beckenbauer führte seine Privatvorstellung etwa vierzig Sekunden lang fort und schob dann den Ball zur Seite wie einen leeren Suppenteller. Schalker und Bayern und 64.000 Zuschauer starrten wie gelähmt auf Beckenbauer. Er demütigte den Gegner und dessen Anhänger, hielt Zwiesprache mit dem Volk, selbstbewußt, herausfordernd und vernichtend zugleich.“

1970, im Jahrhundertspiel in Mexiko gegen Italien, spielte der Lädierte mit Armbinde leichtfüßiger als alle deutschen Spieler seither zusammen. Bei der mythisch entrückten Weltmeisterschaft 1974 legte er sich in der Vorrunde mit dem Publikum an und wurde in den Spielen danach ausgepfiffen - heute völlig unvorstellbar! Und jeder erinnert sich daran, wie er 1990 nach dem Gewinn seines zweiten ganz großen Titels alleine, die Medaille um den Hals, über den Rasen spazierte, offenbar tief in Gedanken daran, wie sich alles gefügt habe.

Von den vier Ehrenspielführern der Nationalmannschaft - ein Titel, der bei einem wie ihm unangemessen buchhalterisch, fast kleinkariert wirkt wie im Grunde auch der des Präsidenten des WM-Organisationskomitees - ist er der einzige, der immer völlig souverän dastand und es nie nötig hatte, daß man, wie bei Fritz Walter, seine Sternstunden mit zeitgeschichtlicher Bedeutung auflud oder, wie bei Uwe Seeler und Lothar Matthäus mit Charaktereigenschaften oder körperlichen Fähigkeiten verband. Was Beckenbauer machte, stand ganz für sich, das heißt: für ihn, mag auch der Hinweis auf all die Katsche Schwarzenbecks, die das erst möglich machten, selten unterdrückt werden. Er beherrschte seinen Sport auf so vollkommene Weise, daß die Disziplin, die ihm diesen Status ermöglichte, unbemerkt blieb.

Schlagfertig, bodennah, voller Mutterwitz

Anders als Günter Netzer, der dies freilich auch als Mißverständnis zurückwies, anders als vergleichbare Sportler wie Max Schmeling oder Muhammad Ali war Franz Beckenbauer nie ein Idol oder überhaupt Thema für Intellektuelle. Auch das hat ihm vermutlich eher genützt. Aber selbst seine tadellose Kleidung, sein in jeder Hinsicht knitterfreies Daherkommen kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß dieser Spieler immer bodenständig war und bis heute geblieben ist.

Es ist nicht überliefert, daß er sich jemals abfällig über Leute geäußert hätte, die in der Öffentlichkeit als klein und einfach gelten. Seine Kritik, mit der er freigebig umgeht, gilt ausschließlich Leuten, von denen er verlangt, daß sie ihr Handwerk beherrschen. Vor einigen Jahren beispielsweise äußerte der Giesinger nach einem Spiel seiner Bayern gegen den 1860 München, das sei ja gewesen wie Obergiesing gegen Untergiesing.

Er redete wie jemand auf den billigen Plätzen, schlagfertig, bodennah, voller Mutterwitz, mit dem unsere Mediengesellschaft freilich nichts mehr anfangen kann. Sofort gab es denn auch beleidigte Reaktionen aus dem Münchner Südosten: Hier habe wohl jemand seine Heimat vergessen - das Gegenteil war der Fall.

Mit dergleichen wird Franz Beckenbauer, der an diesem Sonntag seinen sechzigsten Geburtstag feiert, auch weiterhin leben müssen und können. Alles geben die Götter, die Unendlichen, ihren Lieblingen ganz.

Quelle: F.A.Z., 10.09.2005, Nr. 211 / Seite 37
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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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