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Frankreichs Terroristen Reue ist Schwäche

 ·  Auch in Frankreich sitzen verurteilte Terroristen im Gefängnis. Zum zwanzigsten Jahrestag ihrer Inhaftierung fordern die früheren Mitglieder der „Action Directe“ jetzt die Freiheit.

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Am 26. Februar 1987 wurden die Mitglieder von „Action Directe“ verhaftet und danach zu lebenslänglichen Zuchthausstrafen verurteilt. Der linksradikale Terrorismus war zu Ende. Zum zwanzigsten Jahrestag ihrer Inhaftierung fordern die Terroristen jetzt die Freiheit. Aus gesundheitlichen Gründen war Joëlle Aubron als erste vorzeitig entlassen worden - sie starb ein Jahr später an Krebs.

In Frankreich war man stets stolz darauf, dass aus dem Mai 1968 unmittelbar kein Terrorismus hervorgegangen ist. Es blieb zunächst beim Schwärmen für die Roten Brigaden und die RAF. Sartre besuchte mit Daniel Cohn-Bendit als Übersetzer Andreas Baader im Gefängnis, Jean Genet widmete ihm eine Hymne in „Le Monde“. Ende der siebziger Jahre wurden aber auch in Frankreich Attentate verübt. Nach seiner Wahl zum Präsidenten 1981 begnadigte Mitterrand im Taumel des antifaschistischen Résistance-Mythos zahlreiche Terroristen, und Dutzenden von Rotbrigadisten wurde politisches Asyl gewährt. Diese Amnestie blieb nicht folgenlos - viele verzichteten danach auf den bewaffneten Kampf. Doch ein kleiner Kern führte ihn unter dem Namen „Action Directe“ weiter.

Rund achtzig Anschläge

„Action Directe“ wurde von Jean-Marc Rouillan, den Mitterrand ebenfalls begnadigt hatte, gegründet. Zum engsten Kreis gehörten Georges Cipriani sowie die beiden Frauen Nathalie Ménigon und Joëlle Aubron. Rund achtzig Anschläge gehen auf ihr Konto. Sie haben 1985 den französischen General René Audran und im Jahr darauf den Renault-Chef Georges Besse erschossen. Die lebenslänglichen Strafen erlauben eine Freilassung nach achtzehn Jahren. Seit 2005 stellen Rouillan, Cipriani und Nathalie Ménigon entsprechende Gesuche, über die ein Richter, der sich mit dem Vollzug der Strafen befasst, entscheidet. Joëlle Aubron war wegen ihrer Krebserkrankung sogar kurz vor Ablauf der achtzehn Jahre entlassen worden. Auch Nathalie Ménigon ist schwer krank. Nach zwei Hirnschlägen ist sie halbseitig gelähmt. Der Richter kam aufgrund ärztlicher Atteste zum Schluss, dass ein Leben im Rollstuhl auch im Gefängnis möglich ist.

Im Falle des kranken Maurice Papon, der als Kollaborateur verurteilt worden war, hatten sich die Behörden 2002 menschlicher gesinnt gezeigt. Auf diese ungleiche Behandlung verweisen nun die Vereinigungen, die sich um die generelle Verbesserung der Zustände in den Gefängnissen kümmern. Michel Foucault sah die Strafanstalten einst als Avantgarde der gesellschaftlichen Entwicklung. Doch gegenwärtig ist das Interesse am Vollzug eher gering, und das gilt auch für das Schicksal der inhaftierten Terroristen. Rouillan versucht ständig, die Öffentlichkeit zu mobilisieren. Er hat kürzlich ein Buch veröffentlicht und wurde jetzt von einer Zeitung interviewt.

„Rache des Systems“

Von Reue ist dabei keine Spur. Dass man diese zu einer Bedingung seiner Freilassung mache, bezeichnet der Terrorist als „Rache des Systems“. Sein Leben im Gefängnis habe ihn nicht zur Einsicht gebracht, „dass die bürgerliche Demokratie die beste aller Gesellschaften sei, oder auch nur die am wenigsten schreckliche“. Er steht zu seinen Taten und zu seinen Überzeugungen: „Bedauern und Gewissensbisse sind Ausdruck von Schwäche. Es ging uns darum, mit letzter Konsequenz verantwortlich zu sein. Nach zwanzig Jahren sind wir es noch immer.“ Ähnlich hatte Joëlle Aubron nach ihrer Freilassung argumentiert: „Wenn ich unser Engagement bedauert hätte, wäre ich aus Verzweiflung gestorben.“ Rouillans Anwalt will in den nächsten Wochen ein neues Gesuch einreichen. Alle Bedingungen für eine Freilassung seien erfüllt: Der Gefangene habe einen festen Wohnsitz (bei seiner Mutter) und eine Arbeit (in einem Verlag). Entscheiden wird der Haftrichter. Undenkbar, dass der im Mai zu wählende neue Präsident die Terroristen in seine traditionelle Amnestie einbezieht.

Das Anliegen wird nur von den Kommunisten unterstützt. Ihre Abgeordneten kämpfen auch im Parlament für die Freilassung. „Die extrem harten Haftbedingungen erwecken den Eindruck, als wolle sich der Staat rächen“, erklärt der kommunistische Historiker Henri Malberg. Er wirft den Sozialisten und den Grünen mangelnde Unterstützung vor. Das Desinteresse erstaunt in der Tat - angesichts der lautstarken Solidarität, die Cesare Battisti genießt. Der italienische Terrorist wurde in Italien wegen zweier Morde rechtsmäßig verurteilt. Mitterrand gewährte ihm politisches Asyl, inzwischen schreibt der Mörder Kriminalromane. Um seiner kürzlich von einem Pariser Gericht verordneten Auslieferung zu entgehen, tauchte Battisti, der nichts bereut, ab. Der linke Bürgermeister ernannte ihn zum „Ehrenbürger“ von Paris. Die Medienintellektuellen - auch die „antitotalitären“ um Bernard-Henri Lévy - unterstützen Battisti mit Büchern und Petitionen. Aber wie Mitterrand hatten sie zum Terrorismus schon immer ein romantisches Verhältnis - siehe Sartre, siehe Jean Genet.

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