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Frankreichs jüngster Skandal : Elitendämmerung

Noch entrüstet sich Frankreich über das Schwarzgel des Steuerministers Cahuzac. Dabei hat auch die Plagiatsaffäre des Großrabbiners Gilles Bernheim ihren Reiz - und sie scheint sich noch auszuweiten.

          Gestern begingen auch die 600.000 Juden in Frankreich den Gedenktag für die Opfer der Naziverfolgung. Der Großrabbiner von Paris Gilles Bernheim war deshalb für die Öffentlichkeit unerreichbar. Seit ein paar Tagen steht Bernheim im Zentrum eines Skandals, der erstaunlicherweise noch keine allzu schreierischen Schlagzeilen provoziert hat. Noch richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Schwarzgeldkonto des Steuerministers Cahuzac.

          Ende März enthüllte Jean-Noël Darde, dass Gilles Bernheim in seinem Buch „Quarante Méditations Juives“ seitenweise abgeschrieben hatte, unter anderem bei Jean-François Lyotard und Elie Wiesel. Bernheim reagierte noch dreister als Jérôme Cahuzac: Er reichte die Plagiatsvorwürfe an jene, bei denen er sich bedient hatte, zurück. Das Original seien seine Vorlesungen in den achtziger Jahren, aus denen sich andere bedient hätten.

          Damit stand nun unvermittelt der verstorbene Lyotard als Plagiator am Pranger. Die Verteidigung Bernheims brach indes schnell zusammen. Zu seinem Entsetzen hätten sich die im Internet kursierenden Vorwürfe erhärtet, räumte er Ende Woche ein. „Meine erste Reaktion war emotional, voreilig und ungeschickt.“ Die zweite ist allerdings keineswegs besser: „Ich wurde verraten“, erklärt Gilles Bernheim. Und präsentiert unvermittelt einen Sündenbock, den er nicht nennen will, einen „Neger“, der sein Buch geschrieben habe - so nennt man Frankreich noch immer die Ghostwriter.

          Nun sind auch seine Titel gefährdet

          Plagiatsfälle hat es immer wieder gegeben, sie werden in Nachschlagewerken dokumentiert. Wie die Steuerhinterziehung galten sie als Kavaliersdelikt. Der Sündenfall des Freimaurers Cahuzac werde die extreme Rechte um Marine Le Pen weiter stärken, fürchten die Kommentatoren. Noch viel stärker erschüttert der tiefe Fall des Großrabbiners die Republik.

          Gilles Bernheim ist eine moralische Instanz in Frankreich, deren Argumente gegen die Ehe für Homosexuelle gar von Papst Benedikt zitiert wurden. Am Wochenende wurde bestätigt, was die Pariser Insider wieder einmal längst gewusst hatten: dass Gilles Bernheim auch seinen akademischen Titel - er beruft sich auf eine Agrégation in Philosophie - zu Unrecht führt. Die Gedenkpause am Montag hat ihn hoffentlich zur Einsicht gebracht. Frankreichs Elitendämmerung geht weiter.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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