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Frankreichs Geschichte : Die große Nation vergisst Jeanne d’Arc

Ist Jeanne d’Arc nur das Wappentier von Marine Le Pen? Kundgebung der Front National in Paris. Bild: AFP

Ein Geschichtswerk ohne Helden wird in Frankreich zum Bestseller – und spaltet das lesende Publikum.

          Vier Tage nach dem ersten Wahlgang der französischen Präsidentenwahlen erschien in der Weinbeilage der Zeitung „Le Monde“ eine interessante Umfrage. Neunundzwanzig Politiker sollten erzählen, welcher Wein ihr Leben geprägt habe. Zu Wort kamen Republikaner (elf), Sozialisten (elf), Grüne und Öko-Aktivisten (zwei), korsische Nationalisten (zwei) und der Kandidat der Antikapitalisten Philippe Poutou. Aber die Partei des Siegers des ersten Durchgangs Emmanuel Macron, Chef der Formation „En Marche!“, war ebenso wenig vertreten wie Marine Le Pens Front National oder die Linksfront des Viertplazierten Jean-Luc Mélenchon. Die Umfrage reproduzierte uralte Machtverhältnisse, die passé sind. Wenn man unterstellt, dass auch in den Lagern von Macron und Le Pen Wein getrunken wird, sehen sich rund zwei Drittel der französischen Wähler nicht repräsentiert.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Weinbeilage von „Le Monde“ ist nicht das Parlament. Aber sie verrät etwas darüber, was die Gesellschaft immer noch als normal empfindet. Worin genau die Anomalie besteht, die in Frankreich seit längerem zu spüren ist – das Misstrauensvotum für etablierte Parteien; die Auszehrung der Sozialisten; das Anwachsen des Populismus links wie rechts –, darüber kursieren unterschiedliche Theorien. In keinem anderen europäischen Staat sind Landkarten so wichtig wie in Frankreich, um die großen Brüche zu veranschaulichen: die Kluft zwischen Reich und Arm, Stadt und Land, Westen und Osten. Auf manchen farbkodierten Darstellungen erscheinen die vom Front National beherrschten Teile in der Form eines Croissants, das sich an den Ostrand Frankreichs schmiegt und mit seinen Spitzen – im Norden und besonders im Süden – weit nach Westen ausgreift. Es ist „la France de l’exclusion“, das Reich der Armen und Abgehängten.

          Schluss mit dem „nationalen Roman“

          Quer zu diesen Brüchen gibt es noch einen weiteren. Er findet unter Privilegierten statt, den intellektuellen Verwaltern des gesellschaftlichen Selbstgesprächs, und er betrifft die Frage, was das moderne Frankreich überhaupt sei. Im Januar erschien die dickleibige „Histoire mondiale de la France“ (Seuil), herausgegeben von dem Mediävisten Patrick Boucheron, der am Collège de France in Paris unterrichtet. Unter Mitarbeit von 122 Experten zerhackt das Werk die französische Geschichte in 146 Kapitel, die jeweils mit einer Jahreszahl überschrieben sind, von der Frühgeschichte (34.000 vor unserer Zeit) bis zu den islamistischen Attentaten von 2015. Mit staunenerregendem kommerziellen Erfolg: Der fragmentarische, fast aphoristische Charakter dieser einladend geschriebenen Mini-Essays ohne Fußnoten hat schon mehr als 80.000 Käufer angelockt, und ein Ende ist nicht abzusehen.

          Es muss also auch an der ungewöhnlichen Botschaft liegen. Laut Herausgeber Boucheron soll Schluss sein mit dem identitätsstiftenden „nationalen Roman“ der historischen Gesamtschau: keine Selbstfeier, kein Pantheon, keine Glorifizierung einer großen Vergangenheit mehr, sondern „kritisches Wissen“ um Frankreichs Ort in der Welt. Diese Welt war in den Augen des Herausgebers immer schon durchlässig, geprägt von wechselseitigen Einflüssen, Durchmischung und Mestizentum. Und das bedeutet heute: Globalisierung und Immigration.

          Leber Sklaven als Helden: Die bislang Marginalisierten finden Einzug in die  neue „Histoire mondiale de la France“ .
          Leber Sklaven als Helden: Die bislang Marginalisierten finden Einzug in die neue „Histoire mondiale de la France“ . : Bild: Picture-Alliance

          Eine „linke“ Landesgeschichte also, wenn man so will; eine vom Poststrukturalismus (Foucault) und Antikolonialismus (Frantz Fanon) geprägte Sicht auf die grande nation. Natürlich dürfen die magischen Daten nicht fehlen. Es gibt also einen Essay zu 1789 und der Französischen Revolution. Dann einen zum Jahr 1790, der Ausrufung des Weltfriedens, mit Hinweis auf Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“ fünf Jahre später. 1791 dann aber ein werktypischer Reflex: ein Sklavenaufstand im französisch beherrschten Santo Domingo. Nehmen die Unterdrückten die im fernen Europa verkündeten Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur beim Wort – oder sind sie schon Agenten der Konterrevolution? Wer zum Jahr 1446 zurückblättert, stößt auf die Geschichte eines schwarzen Sklaven in Pamiers, in einer Zeit, als die universalen Menschenrechte noch ein ferner Traum waren.

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