Den „Frühling im Herbst“ zelebrieren jedes Jahr die Festspiele von Toulouse, wo der Oktober meist sehr mild ist. Nicht aber das politische Klima. Die Stadt ist ein Zentrum des französischen Islamismus. Vor ein paar Monaten hat Mohammed Merah sechs jüdische Schüler, französische Soldaten und einen Familienvater ermordet. Die Behörden sind überängstlich geworden. Nach einem Zwischenfall beim Kulturfestival verordneten sie umgehend den Abbruch der Installation „Technologica“ des marokkanischen Künstlers Mounir Fatmi. Es handelt sich um ein Kunstwerk, das Elemente der arabischen Kalligraphie mit den Rädern des Fließbands in Chaplins Film „Modern Times“ verbindet.
Wegen einer Panne waren Textstellen aus dem Koran auf die Mauer des Rathauses und die Brücke Pont-Neuf projiziert worden. Eine Passantin setzte nichtsahnend ihre Füße auf die Verse und wurde von Muslimen abgewatscht. Die Polizei griff ein. Die verantwortlichen Politiker rechtfertigten die Zensurmaßnahme mit der anhaltenden Empörung der Muslime nach dem amerikanischen Provokationsfilm über den Propheten und den neuerlichen Karikaturen in „Charlie Hebdo“. Als „surrealistisch“ empfand Mounir Fatmi die Vorfälle: „Wir sind in Frankreich. Und nicht etwa im Maghreb oder in Saudi-Arabien. Selbst in Qatar konnte ,Technologica‘ gezeigt werden.“
Im gegenwärtigen Klima „zu heikel“
Fatmi lebt in Paris und Los Angeles. Aus Protest gegen das Schweigen der arabischen Intellektuellen nach der Fatwa gegen Salman Rushdie hat er über den verfolgten Schriftsteller einen Film gedreht: Er zeigt ihn beim Schlafen. Fatmis „Sleep“ ist eine Anspielung auf Andy Warhol, der 1963 den Beat-Poeten John Giorno filmte. Für Fatmi zeigt der Schlaf die Verwundbarkeit. Der Film wurde soeben mit großem Erfolg in Belgien gezeigt. In Frankreich stand er wie auch „Technologica“ auf dem Programm der Ausstellung „25 Jahre arabische Kreativität“, die am kommenden Montag im Pariser Institut du Monde Arabe eröffnet wird.
Doch zumindest „Sleep“ darf nicht gezeigt werden, „zu heikel“ sei der Film im gegenwärtigen Klima, begründet die Institutsleitung ihre Zensur. Sie hat in der abgestumpften Öffentlichkeit keinerlei Protestaktionen ausgelöst. Im französischen Winter verteidigt man die Freiheit des Künstlers offensichtlich nur noch, wenn sie von „Charlie Hebdo“ mit dem Holzhammer missbraucht wird.
@Isabel Arent - Wir haben gelernt uns für unseren Stolz
schämen zu müssen.
Lucas Janssen (Lucas73)
- 14.10.2012, 15:44 Uhr
es ist vollbracht!
Isabel Arent (Cedro)
- 12.10.2012, 08:47 Uhr