10.05.2011 · Google kündigt ein neues Kulturzentrum in Frankreich an und setzt auf handfeste Unterstützung der französischen Kulturinstitutionen. Das Konzept ist luftig, aber die französische Politik applaudiert.
Von Joseph HanimannDer spröden Antwort aus dem Kulturministerium nach zu schließen dürfte der Termin am Montagabend dem Minister nicht der willkommenste gewesen sein. Frédéric Mitterrands Teilnahme beim Dîner im Versailler Schloss zur Lancierung eines Google-Kulturzentrums war wohl vom Élysée mitgesteuert. Von rauher Verstimmtheit ist der Ton zwischen Frankreich und dem Weltkonzern binnen eines Jahres in geschwollene Sanftheit umgeschlagen, als würde von Paris bis Versailles nur noch Kreide gegessen.
Zu Beginn des Vorjahres hatte Präsident Sarkozy in gezielter Offenheit verkündet, Frankreich suche nach Wegen, Suchmaschinen und Internatportale mit Sitz im Ausland, die auf den französischen Werbemarkt lauern, steuerlich zu belangen. Im September war dann der Google-Chef Eric Schmidt zu Gast in Paris und gab bekannt, sein Unternehmen wolle in dieser Stadt als weltweit erstes Projekt dieser Art ein Kulturzentrum mit angegliedertem Forschungszweig eröffnen, das auf ganz Europa und darüber hinaus strahlen solle.
Mehrere Dutzend Forschungsstellen sollten geschaffen werden. Eine Investitionssumme in Millionenhöhe wurde fürs erste Jahr in Aussicht gestellt und auch ein langfristiges Unterstützungsprogramm für französische Universitäten. Das Elysée lobte das Projekt in hohen Tönen. Eine Adresse für das neue Google-Zentrum mit zehntausend Quadratmetern Nutzfläche ist mittlerweile auch gefunden im neunten Arrondissement. Im Herbst soll der Umzug von Google-France an die neue Adresse stattfinden.
Googles Hoffnung auf handfeste Unterstützung
Fragt sich nur, was genau dort passieren soll. Ein klares Programm für das neue Kulturzentrum liege noch nicht vor, gibt man bei Google bereitwillig zu. Der Leiter steht aber fest: Steve Crossan, der erste Google-Projektmanager in Europa, der in Zürich das Engineering Center aufgebaut hat. Das deutet immerhin schon ein Aktionsprofil an. Den Oberbegriff „Demokratisierung von Kultur“ darf man bei diesem Unternehmen weiterhin ziemlich direkt mit „Digitalisierung“ übersetzen. Um jedoch übers bloße Erfassen des Bestehenden hinauszugehen, spricht man im Zusammenhang des Pariser Zentrums ausdrücklich auch von Kulturformen der Zukunft. Die neuen Räume dort sollen Platz für klassische Kulturformen wie Ausstellungen und Installationen bieten – ein Novum für einen Meister der vernetzten Virtualwelten, wie Google es ist.
Da alles Handfeste, Fassbare und doch Unschätzbare diesem Unternehmen aber bisher naturgemäß abgeht, ist es nach wie vor auf bestehende Institutionen angewiesen. Google wünscht sich davon so viele wie möglich und hofft, vom Pariser Edelparkett aus ein vielfältiges Netz in den Rest der Welt zu spannen mit Museen, Denkmälern, Lehranstalten und natürlich Bibliotheken. Gerade in Frankreich hat der Konzern seine bisher besten und schlimmsten Erfahrungen gemacht. Nach dem Versuch des ehemaligen Nationalbibliotheksdirektors Jean-Noël Jeannenet, gegen die Google-Weltsicht eine europäische Gegenposition aufzubauen, ist dessen Nachfolger mit seiner Digitalisierungsfreigabe dem Konzern praktisch in die Arme gelaufen, so dass er vom Kulturminister zurückgepfiffen werden musste.
Erfassen und Schöpfen
Die französischen Kulturinstitutionen stehen dem Google-Projekt einstweilen zurückhaltend gegenüber und schielen doch angesichts ihrer Haushaltengpässe aufs lockende Geld. Von den bisher siebzehn Museen, die ins Google Arts Project eingespannt sind, ist das Schloss Versailles bisher das einzige öffentliche Kulturetablissement in Frankreich, das über das Portal einen virtuellen Besuch seiner Räume erlaubt.
Nach den schon bestehenden Google-Zentren mit jeweils thematischer Ausrichtung in Zürich, München (Datenschutzthemen) oder dem in London angekündigten Zentrum für innovative Unternehmensgründung wird mit dem geplanten Pariser Zentrum ein weiterer Schritt getan zur, nunmehr geographischen, Parzellierung der Welt im Google-Format. Wer soll aber Neues schaffen bei so viel Energieaufwand fürs Erfassen? Ein Schwerpunkt des Pariser Zentrums könnten die bedrohten Minderheitssprachen sein in der Welt, ist zu hören. Besser, als sterbende Sprachen detailgetreu aufzuzeichnen und zu horten, wäre aber, sie in ihrer Vielfalt einfach weitersprechen zu lassen. Sollte es Google gelingen, auch dies möglich zu machen, wäre ein wirklich neuer Schritt getan, bei dem selbst ein französischer Kulturminister mit Freuden dabei wäre.