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Frankreich trauert Der „Schock Solschenizyn“

04.08.2008 ·  Frankreich unterhielt zu Alexander Solschenizyn eine ganz besondere Beziehung. Der „Archipel Gulag“ wurde in den siebziger Jahren in russischer Sprache in Paris publiziert. Politiker und Philosophen erinnern an seine Bedeutung.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Frankreich unterhielt zu Alexander Solschenizyn eine ganz besondere Beziehung. Der „Archipel Gulag“ wurde in den siebziger Jahren in russischer Sprache in Paris publiziert. In Frankreich löste das Werk eine politische Reaktion aus wie in keinem anderen Land: Der „Schock Solschenizyn“ stand am Anfang der Überwindung des Marxismus in der Kultur. Sie wurde von der Kommunistischen Partei dominiert. Viele haben dank Solschenizyn überhaupt erst von den stalinistischen Lagern Kenntnis genommen. Die „Neuen Philosophen“, von André Glucksmann bis Bernard-Henri Lévy, welche die Abkehr von der marxistischen Hegemonie einleiteten, bezogen sich auf Solschenizyn und sein Zeugnis.

Der Staatspräsident, der Premierminister und die Kulturministerin haben aus dem Urlaub umgehend auf den Tod von Solschenizyn reagiert. Nicolas Sarkozy unterstrich die Bedeutung seines literarischen Werks als „Akt des Widerstands gegen die Unterdrückung“: „Seine Kompromisslosigkeit, sein Ideal und sein langes, bewegtes Leben machen ihn zu einer Romanfigur, die Dostojewski erfunden haben könnte. Solschenizyn gehört ins Pantheon der Weltliteratur.“

Die „Göttliche Komödie“ des zwanzigsten Jahrhunderts

Im Nachrichtensender „LCI“ nannte Bernard-Henri Lévy den verstorbenen Dichter „den Dante unserer Zeit“. Der „Archipel GULag“ sei die „Göttliche Komödie“ des zwanzigsten Jahrhunderts: „Ebenso wie die Vereinigten Staaten und der Vatikan ist Solschenizyn einer der Verantwortlichen für den Untergang des Kommunismus. Ihm ist gelungen, was Generationen von Ideologen, Philosophen, Theoretiker nicht schafften: Er hat den Horror des sowjetischen Systems aufgezeigt.“ Lévy zeigte sich über den Tod des Dichters „tief bewegt“.

André Glucksmann hat die Rezeption Solschenizyns in der Folge des Mai '68 situiert: „Als er ausgewiesen wurde, war ich gerade bei den streikenden Arbeitern der Uhrenfabrik Lip. Diese waren der Überzeugung, dass der Dichter in Frankreich von der kommunistischen Gewerkschaft CGT nicht viel besser behandelt worden wäre. Ihre Anteilnahme und Sympathie bestärkten mich in meinem Engagement für Solschenizyn, den die Linksintellektuellen geradezu boykottierten, der aber unsere Erfahrung des Widerstands bestätigte.“ Für André Glucksmann war das Zeugnis von Solschenizyn einer der Gründe, welche die fanatischen ideologischen Gruppierungen - er gehörte damals selber noch zu den Maoisten - vor dem Abgleiten in den Terrorismus bewahrten: „Er zeigte, wohin revolutionäre Gewalt führt, und er bestärkte unsere Haltung - er hat unserer Weigerung Sinn gegeben.“

Andere Möglichkeiten des Widerstands

Und: „Solschenizyn hat uns schließlich gezeigt, dass es andere Möglichkeiten des Widerstands gegen die Tyrannei gibt. Unter anderem das Kunstwerk. Aber auch das Zeugnis einer einfachen Bäuerin. Die Idee der Résistance, die von einem ganz anderen Horizont kam, erlaubte uns, nicht die Revolution in Frage zu stellen, das hatte der Mai 68 geleistet, sondern die Ideologie der Revolution, den Marxismus also. Und der große Moment der der 'nouvelle philosophie', das war die Marxismuskritik.“

Unter dem Einfluss dieser epochalen Wende forderten die antitotalitären Intellektuellen schließlich den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau. Daran wird jetzt in den Debatten um die Olympiade in China erinnert: Nicht die Teilnahme - der Boykott habe zum Zusammenbruch des sowjetischen Systems beigetragen.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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