Home
http://www.faz.net/-gqz-ojy4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankreich Schmierfinken gegen „Werbeterror“

29.01.2004 ·  Aus der anarchistischen Szene der Graffiti-Künstler und der Globalisierungsgegner ist in Frankreich eine militante Bewegung hervorgegangen. Sie kämpft gegen einen "Terror der Marken". Die Werbewirtschaft schlägt zurück.

Von Jürg Altwegg
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Sie hat nicht lange gelächelt. Zum Jahresbeginn leistete sich Avignons Bürgermeisterin Marie-Josée Roig auf Kosten der Steuerzahler eine Werbekampagne in eigener Sache - im März gibt es Wahlen. Auf den Litfaßsäulen der ganzen Stadt ließ sie Plakate mit ihrem Konterfei aushängen, auf denen sie den Bürgern ein gutes neues Jahr wünschte. Dann kam das AntiWerbeKommando: Innerhalb kürzester Zeit wurden alle Plakate umfunktioniert. Die Bürgermeisterin bekam einen Kleber aufs Maul: "Schnauze halten". Die Aktion war im Internet organisiert und orchestriert worden. In Avignon hat man herzhaft gelacht.

Daß Plakate besudelt und mit satirischen Sprüchen beschriftet werden, gehört in Frankreich zum Alltag. Mauerinschriften zum Zweck des politischen Kampfs waren im Mai '68 ein beliebtes Mittel, viele wortschöpferische Sprüche haben überlebt. Der illegalen Kunst der Graffiti-Sprayer sind gleich drei französische Magazine gewidmet: "Graff It", "Graff Bombz" und "Mix Grill". Tatsächlich ist das, was sie aus der ganzen Welt abbilden und dokumentieren, eine Form von Kunst und manchmal nicht nur originell, sondern überaus kreativ und witzig. Oft sind die Straßenkünstler anonyme Einzeltäter, die ihre Werke in aller Eile auf die Mauern spritzen. Sie treten aber auch in kleinen Gruppen auf, nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen.

„Heiliger Krieg“ gegen die Konsumgesellschaft

Aus der anarchistischen Szene der Graffiti-Künstler, die vor Sachbeschädigungen nicht zurückschrecken, und der Globalisierungsgegner ist eine militante Bewegung gegen die Werbung hervorgegangen. Ihre Angehörigen, die sich "Antipub" nennen, bedienen sich der Methoden der Straßenkunst und praktizieren eine Form der politischen Subversion, die von den Situationisten als Theorie der Mediengesellschaft entwickelt wurde. Sie sind in Vereinigungen wie "Résistance à l'aggression publicitaire" ("Widerstand gegen die Aggression durch Werbung") und "Stopub" organisiert. Sie führen einen "heiligen Krieg" gegen die Konsumgesellschaft und den "Terror der Marken".

In Paris werden meist am Freitag abend die neuen Störaktionen ausgerufen. Dann schwirren fünfhundert bis tausend Sprayer aus, reißen Werbeplakate herunter, verschmieren sie bis zur Unkenntlichkeit oder formulieren die Slogans um. Sie agieren schnell und skrupellos. Die Kampfzone ist von den fundamentalistischen Werbegegnern längst auch auf die Provinzstädte ausgedehnt worden.

Zusätzliche Aufmerksamkeit für Werbung

Das subversive Spiel mit dem urbanen Ambiente wird von der Bevölkerung meist amüsiert verfolgt. Auch die Werber reagierten lange mit viel Verständnis. So wie die Fälschungen das Renommee der Markenprodukte stützen, kann das Umfunktionieren von Plakaten einer Kampagne sehr nützlich sein, es führt schließlich zu einer gesteigerten Aufmerksamkeit. Aber es entstehen auch immense materielle Schäden. Sie gehen in die Millionen. Die Polizei überwacht inzwischen die Aktivitäten der "Antipub" ziemlich systematisch, im Internet und mit Kameras, die an öffentlichen Plätzen montiert sind.

Vor ein paar Tagen gelang es, in Paris eine subversive Aktion zu vereiteln. Die Agenten der Polizei rücken fast ebenso schnell aus wie die Sprayer-Kommandos mit ihren Sprühdosen, Klebebändern, Filzstiften und Messern. Regelmäßig gehen bei diesem Katz-und-Maus-Spiel ein paar kleine Fische ins Netz.

Sammelklage gegen 62 Aktivisten

Gegen sie wurde jetzt eine kollektive Klage eingereicht. 62 AntiPub-Aktivisten werden am 15. März in Paris vor Gericht stehen. Klägerin ist die "Métrobus", eine Tochtergesellschaft des Werbegiganten "Publicis". Sie vermarktet im Auftrag der Pariser Verkehrsbetriebe die Werbeflächen in der Untergrundbahn und an den Bushaltestellen. Sie sind die bevorzugten Ziele der Stadtguerrilla.

"Métrobus" will eine Million Euro. Die Summe wird mit den Reinigungskosten und Entschädigungszahlungen an Auftraggeber, deren Plakate verschandelt wurden, begründet. Die Klage wurde so formuliert, daß jeder der erwischten Täter, von denen kaum einer zahlungsfähig ist, für die gesamte Summe aufkommen muß, falls das Gericht den Anträgen folgt.

Website von einer fernen Insel

Bereits im Dezember war auf Antrag der "Métrobus" der Internet Provider Ouvaton gezwungen worden, die Betreiber der Adresse "Stopub" bekanntzugeben. Auch von "Stopub" will die "Métrobus" mehr als eine halbe Million Euro. Ende Januar wurde die Klage erneut eingereicht. Man habe, erklärten die Anwälte, falsche Adreßangaben erhalten. Seither betreibt "Antipub" die Internetseite legal von einer fernen Insel aus, auf der sie wohl kaum mehr als einen Briefkasten hat. Aber für den Arm des französischen Gesetzes ist die Gruppe unerreichbar geworden.

Das Beispiel zeigt, wie illusorisch der Gesetzesentwurf ist, über den gegenwärtig das Parlament verhandelt: Internet-Anbieter sollen für die Inhalte der Seiten, die sie beherbergen, verantwortlich gemacht werden. Von AOL bis zu Tiscali und der halbstaatlichen Wanadoo hat die Branche gegen das Ansinnen protestiert und gedroht, alle unkontrollierbaren französischen Internetseiten aus dem Netz zu werfen.

Geistige Anstiftung und Verherrlichung

Die Nervosität der Werber ist angesichts ihrer eigenen Machtlosigkeit und der feindlichen Agitation, der sie immer mehr ausgesetzt sind, verständlich. Mit Spannung warten nicht nur die Angeklagten und "Métrobus" auf die Gerichtsverhandlung im März und die weiteren Debatten im Parlament. Ob eine vernünftige Regelung gefunden wird, ist fraglich. Im Augenblick scheinen die Kläger vor allem in Panik zu sein, nachdenken muß man in diesem Zusammenhang aber nicht nur über die Beschädigung von Sachen, sondern auch über eine Bedrohung der Pressefreiheit: Die staatliche Bahn SNCF hat soeben vor dem Handelsgericht eine Klage gegen die Magazine "Graff It", "Graff Bombz" und "Mix Grill" eingereicht.

Ihnen wird vorgeworfen, Bilder von besudelten Lokomotiven und Zügen veröffentlicht zu haben. Das sei geistige Anstiftung, Unterstützung, Verherrlichung. Wenn man die wirklichen Täter nicht bekämpfen kann, hält man sich an das Abbild des Übels. Die Bahn verlangt von den Zeitschriften einen "exemplarischen" Schadenersatz, der sie in den Ruin treiben würde.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2004, Nr. 24 / Seite 40
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

Jüngste Beiträge

Nachtreten gegen Günter Wallraff

Von Michael Hanfeld

Alles, was der Logistikfirma GLS zur RTL-Reportage „Günter Wallraff deckt auf“ einfällt, ist mehr als lahm. „Einseitige Berichterstattung“, heißt es. Das ist reiner Zynismus. Mehr 6 40