28.08.2003 · Die Wälder brannten, die Alten starben, die Menschen drehten durch - und ein Sänger erschlug seine Freundin, die Schauspielerin: Eine Reise durch Frankreich am Ende eines mörderischen Sommers.
Von Jürg Altwegg, MarseilleDen Liebhaber spielte der Bruder - unter der Regie der Mutter. Sie, Nadine Trintignant, hatte einst zu den "saloppes" gehört, die sich öffentlich einer Abtreibung bezichtigten. Ihr Film über das chaotische Leben der Schriftstellerin Colette war, wie so oft bei den Trintignants, eine komplizierte Familiengeschichte. Mit ihrem Vater Jean-Louis spielte Marie Theater. An ihrem Grab standen vier Kinder von drei verschiedenen Männern. Ein Sohn war bei den Dreharbeiten in Litauen dabeigewesen und der erste im Hotelzimmer, in dem Marie Trintignant von Bertrand Cantat zu Tode geprügelt worden war. "Elle" hatte einen Reporter vor Ort. Er sollte den Clan der Trintignants für die Sommerserie porträtieren - den Anfang hatte man mit den Freuds gemacht.
Sie kannten und sie liebten sich seit ein paar Monaten. Noch war ihre Liaison dem Publikum nicht bekannt. "Elle" hatte sich zum Schweigen verpflichtet. Cantat ist als Sänger und Texter der Gruppe "Noir Désir" die Kultfigur der französischen Rockszene schlechthin - ein zeitgenössischer "poète maudit", sensibel und engagiert. Für Marie Trintignant hatte er im Februar seine Frau verlassen, die gerade ihr - und sein - zweites Kind zur Welt brachte. Seine Geliebte war auf seine Gattin genauso eifersüchtig wie er auf die vielen Väter ihrer Kinder. Er sagt, sie habe als erste zugeschlagen. Von den Kulturkritikern werden ihre Rollen und seine Texte auf Hinweise nach dem Ausgang ihrer "Amour fou" befragt. Keiner hat ein Deutungsschema für die Tragödie einer tödlichen Leidenschaft gefunden.
Der Überbau brach weg
Auf dem Mont-Blanc schmolz der ewige Schnee. Unter lautem Getöse donnerten die Eisblöcke zu Tal. Die irrealen Ereignisse im fernen Baltikum waren der Auftakt zu Frankreichs mörderischem Sommer. Bei der Tour de France hatte gerade der Amerikaner Armstrong im hundertsten Jahr seinen fünften Sieg errungen. Mit ihrem Ende brach der ganze Überbau weg: Die Festivals fielen den Streiks zum Opfer. Kein Theater in Avignon, keine Oper in Aix, kein Tanz in Montpellier.
In den Zeitungen war das Thema die Gewalt gegen Frauen. Die berühmte Gisèle Halimi verklärte Marie Trintignants Tod im "Monde" zum Symbol. In "Libération" war vom "alltäglichen Faschismus, dessen manchmal willfährige Opfer die Frauen noch immer sind", die Rede. Zitiert wurden - von angesehenen Magazinen - ein Bericht der WHO, in dem die "eheliche Gewalt als weltweites Gesundheitsproblem Nummer eins" bezeichnet werde, und eine Statistik des Europarats: "Für Frauen zwischen 16 und 44 Jahren ist die Gewalt in der Ehe die hauptsächlichste Todesursache."
Die Menschen drehten durch
Doch auch das absurdeste und frivolste Sommertheater verstummte schnell angesichts einer Wirklichkeit, die das Land im Urlaub in ihrer brutalsten Form einholte. Die Wälder brannten, die Flüsse versiegten, die Wiesen verödeten, und die Menschen drehten durch. In Straßburg wurde ein Kind von der Familie über mehrere Tage hinweg zu Tode gefoltert. Ein Säugling verdurstete im Auto, im Zirkus ein Kamel. Ein Behinderter war von seiner Familie, die in den Urlaub wollte, im Billighotel ausgesetzt worden - ein klassisches Schicksal, das bei Ausbruch der Ferien Tausende von Hunden ereilt und ein Dauerbrenner der Massenmedien im Sommerloch ist.
Das große Sterben der Alten hat keiner kommen sehen. Als man sie abholte, waren die Kühlschränke geöffnet. Seit Tagen hatte des Telefon nicht geläutet. Sie starben so massenhaft, daß die Bestattungsinstitute und die Priester mit dem Verbrennen und dem Begraben nicht mehr nachkamen. Vierzehn Tage Wartefrist. In Rungis, dem Großmarkt bei Paris, hat man einen riesigen Kühlraum für Nahrungsmittel als Leichenhalle verwendet. Auch in Lastwagen wurden die Toten im Dutzend aufgebahrt. Nach Hunderten von ihnen hat sich niemand erkundigt.
Hilft Zynismus gegen den Tod?
Ein Notarzt hatte Alarm geschlagen - aber zur Kenntnis nahm die Öffentlichkeit ihre Katastrophe erst, als die Opposition der Regierung vorwarf, nichts gegen die Hitze unternommen zu haben. Erste Hochrechnungen wurden mit dem Argument vom Tisch gefegt, daß jede Grippewelle im Winter schlimmer sei. Momentan gilt die Zahl von zehntausend Hitzeopfern - dreimal mehr als in den Trümmern der Twin Towers. Der Minister hat seinen höchsten Beamten entlassen und den eigenen Kopf gerettet. "Gibt es wirklich keinen Zusammenhang zwischen der ultraliberalen Logik und der Unfähigkeit der staatlichen Institutionen, auf einen Hitzeanfall zu reagieren?" räsonierte ein Kolumnist.
In Marseille weiß man es besser. Seit der Hitzewelle von 1983 beugt man vor. Der Arzt Jean-Louis San Marco bearbeitet die Familien und die Bekannten: "Geht zu euren Vorfahren, sagt ihnen, daß ihr sie liebt und behalten wollt, daß sie sich regelmäßig die Haut benetzen sollen." Damit ist es gelungen, die Sommersterblichkeit zu reduzieren: "Wir haben zwanzig Jahre Vorsprung. Wenn im Sommer die Sterblichkeitsrate zunimmt, müßte sie danach sinken. Das ist nicht der Fall. Die Opfer der Hitze sind tatsächlich überflüssige Tote. Es ist zynisch zu sagen, sie wären sowieso gestorben." Auch in Portugal, Spanien, Italien waren offensichtlich sehr viel weniger Menschenleben zu beklagen.
Wir wollen bemuttert werden
"Dieses Drama ist bezeichnend für unsere Mentalität", kommentiert der Schriftsteller und Arzt Martin Winckler. Er nennt das leichtfertige Stillegen mit Beruhigungs- und Schlafpillen - in deren Verabreichung Frankreich Weltmeister ist - als einen der möglichen medizinischen Gründe für die Katastrophe. "Frankreich ist übermäßig zentralisiert und übermäßig individualisiert. Daß man ständig dem Staat sein Versagen vorwirft, ist symptomatisch. Wir wollen bemuttert werden. Die Franzosen bleiben permanent von ihren Eltern - den wirklichen und den symbolischen - abhängig. Das führt dazu, daß man sie schlußendlich haßt. Und wenn sie alt und ihrerseits abhängig werden, verstößt man sie. Und läßt sie sterben."
Der Staat ist eine "Big Mother". Bauern werden für Ernteausfälle großzügig entschädigte - 500 Millionen sind versprochen worden. Als es nicht genügend regnete, erfand man eine "Trockenheitssteuer". Nach Tschernobyl wurde das Volk, das sein Vertrauen in den Atomstaat nicht verlieren durfte, systematisch belogen. Als Mitte August die Meteorologen sinkende Temperaturen voraussagten, hielt das manch einer für eine Manipulation der Regierung, welche die empörten Franzosen beschwichtigen wolle. Soeben versprach der Premierminister staatliche "Maßnahmen gegen die Vereinsamung".
Hitzewellen hat es in Frankreich regelmäßig gegeben. 1636 forderten sie eine halbe Million, 1718 rund 700 000 Tote. Diese Zahlen stehen in Emmanuel Le Roy Laduries "Geschichte des Klimas". Eine Hitzeperiode im Sommer 1788 mit viel zuviel Regen im Herbst führte zu den Höchstpreisen für das Brot im Jahre 1789 - und zur Revolution. Ein ähnliches Szenario beobachtete der Historiker in den zwei Jahren vor 1848. Die Hitze, lehrt man bei Le Roy Ladurie, ist ein Motor der Geschichte.
Regelt das Wetter die Freizeit?
Nach der Revolution hat Paris der Welt auch die zivilisatorische Errungenschaft Urlaub beschert. Ferien gab es zunächst nur im September, wenn die Großgrundbesitzer aus der Stadt aufs Land zogen, um die Ernte zu überwachen. Die Kinder bekamen schulfrei, um dabei zu helfen - so begannen die Sommerferien. "Weil die Franzosen einen hochentwickelten Sinn für die Familie haben, nahmen schließlich auch die Eltern Urlaub", erklärt Le Roy Ladurie. Die Volksfront führte 1936 die bezahlten Ferien ein. Eine vierte Ferienwoche beschloß das Parlament nach dem Mai 68. Erst damit wurden die Ferien zum gesellschaftlichen Phänomen. Es kam zu den ersten Staus auf den neuen Autobahnen. Noch immer fahren die Arbeiter und kleinen Angestellten vorwiegend im Juli in die Ferien. Die Mehrheit aber und die oberen Schichten nehmen ihren Urlaub im August.
Heiß war es schon im Juni und im Juli - doch das große Sterben der Alten in den Städten setzte in den ersten Augusttagen ein. Das Vakuum an der Spitze des Staats fiel weniger ins Gewicht als das Fehlen der Familien und die Abwesenheit des Pflegepersonals. Die 35-Stunden-Woche hat das Gesundheitswesen vor unlösbare Probleme gestellt. Noch hat niemand vom sanft totalitären "Ferienfaschismus" der Freizeitgesellschaft gesprochen. In der exzessiven Hitze offenbarte sie ihre Eiseskälte gegenüber den Ausgeschlossenen. Um ihre Ausweitung ging es bei den sozialen Konflikten. Gestreikt und demonstriert wurde nicht für ein Recht auf Arbeit oder mehr Lohn, sondern gegen die Rentenreform und die Regelung der Arbeitslosigkeit im Kultursektor. Es geht um die Bezahlung der Zeit, während der nicht gearbeitet wird. Sie nimmt zu - parallel zur Überalterung der Gesellschaft. Die Hitze als Motor der Geschichte - vielleicht kann sie diese Entwicklung ein bißchen bremsen.
Omnipräsente Familie
Nadine Trintignant wird ihren Film, den sie in Frankreich wegen der Streiks möglicherweise gar nicht hätte drehen können, fertigstellen und in die Kinos bringen. Den Verlust eines ersten Kindes hatte sie vor Jahrzehnten in einem eindrücklichen Werk verarbeitet. "Seit einem halben Jahrhundert sind die Trintignants auf unseren Bühnen und Bildschirmen omnipräsent", kommentierte "L'Express" den Taumel der Betroffenheit. Das ganze Land kannte ihre Geschichten und Familiengeheimnisse: "Der Tod in Vilnius berührt alle Generationen." Auch die Jugend: Die CDs von "Noir Désir" schlagen in diesen Wochen ihre eigenen Verkaufsrekorde. Das Beziehungsdrama mit tödlichem Ausgang bleibt die emblematische Familientragödie der Saison.
Inzwischen glaubt selbst der gelassene Historiker Le Roy Ladurie, für den es unter der Sonne eigentlich nichts neues geben kann, an eine gefährliche Erwärmung der Erde. Nachdem die Ernährungslage der Nation von übermäßigen Regenfällen und Trockenperioden unabhängig geworden war und weitere Revolutionen ausblieben, interessierte sich die urbane Bevölkerung kaum mehr für das Wetter. Le Roy Ladurie wurde belächelt, als er das Klima historisierte. Seither ist der ausschweifende Wetterbericht als Gebrauchsanleitung für die Freizeitgestaltung zum Ersatz für das tägliche Gebet geworden. Jetzt bekommt er eine neue Bestimmung: Er bringt die Warnungen von der Front der bedrohlichen Natur. Das unbarmherzige Wetter wird zum Vorboten der Klimakatastrophe hochstilisiert. Doch die realistischere Prophezeiung dieses Sommers ist eine ganz andere: Die Apokalypse der Alten eröffnete einen Ausblick auf die gar nicht mehr so fernen gesellschaftlichen Zustände nach der triumphierenden demographischen Revolution.
Von den ausgesetzten Hunden hat aus Gründen der Pietät in diesen Wochen niemand gesprochen.
MARSEILLE, im August
Den Liebhaber spielte der Bruder - unter der Regie der Mutter. Sie, Nadine Trintignant, hatte einst zu den "saloppes" gehört, die sich öffentlich einer Abtreibung bezichtigten. Ihr Film über das chaotische Leben der Schriftstellerin Colette war, wie so oft bei den Trintignants, eine komplizierte Familiengeschichte. Mit ihrem Vater Jean-Louis spielte Marie Theater. An ihrem Grab standen vier Kinder von drei verschiedenen Männern. Ein Sohn war bei den Dreharbeiten in Litauen dabeigewesen und der erste im Hotelzimmer, in dem Marie Trintignant von Bertrand Cantat zu Tode geprügelt worden war. "Elle" hatte einen Reporter vor Ort. Er sollte den Clan der Trintignants für die Sommerserie porträtieren - den Anfang hatte man mit den Freuds gemacht.
Sie kannten und sie liebten sich seit ein paar Monaten. Noch war ihre Liaison dem Publikum nicht bekannt. "Elle" hatte sich zum Schweigen verpflichtet. Cantat ist als Sänger und Texter der Gruppe "Noir Désir" die Kultfigur der französischen Rockszene schlechthin - ein zeitgenössischer "poète maudit", sensibel und engagiert. Für Marie Trintignant hatte er im Februar seine Frau verlassen, die gerade ihr - und sein - zweites Kind zur Welt brachte. Seine Geliebte war auf seine Gattin genauso eifersüchtig wie er auf die vielen Väter ihrer Kinder. Er sagt, sie habe als erste zugeschlagen. Von den Kulturkritikern werden ihre Rollen und seine Texte auf Hinweise nach dem Ausgang ihrer "Amour fou" befragt. Keiner hat ein Deutungsschema für die Tragödie einer tödlichen Leidenschaft gefunden.
Auf dem Mont-Blanc schmolz der ewige Schnee. Unter lautem Getöse donnerten die Eisblöcke zu Tal. Die irrealen Ereignisse im fernen Baltikum waren der Auftakt zu Frankreichs mörderischem Sommer. Bei der Tour de France hatte gerade der Amerikaner Armstrong im hundertsten Jahr seinen fünften Sieg errungen. Mit ihrem Ende brach der ganze Überbau weg: Die Festivals fielen den Streiks zum Opfer. Kein Theater in Avignon, keine Oper in Aix, kein Tanz in Montpellier. In den Zeitungen war das Thema die Gewalt gegen Frauen. Die berühmte Gisèle Halimi verklärte Marie Trintignants Tod im "Monde" zum Symbol. In "Libération" war vom "alltäglichen Faschismus, dessen manchmal willfährige Opfer die Frauen noch immer sind", die Rede. Zitiert wurden - von angesehenen Magazinen - ein Bericht der WHO, in dem die "eheliche Gewalt als weltweites Gesundheitsproblem Nummer eins" bezeichnet werde, und eine Statistik des Europarats: "Für Frauen zwischen 16 und 44 Jahren ist die Gewalt in der Ehe die hauptsächlichste Todesursache." Doch auch das absurdeste und frivolste Sommertheater verstummte schnell angesichts einer Wirklichkeit, die das Land im Urlaub in ihrer brutalsten Form einholte. Die Wälder brannten, die Flüsse versiegten, die Wiesen verödeten, und die Menschen drehten durch. In Straßburg wurde ein Kind von der Familie über mehrere Tage hinweg zu Tode gefoltert. Ein Säugling verdurstete im Auto, im Zirkus ein Kamel. Ein Behinderter war von seiner Familie, die in den Urlaub wollte, im Billighotel ausgesetzt worden - ein klassisches Schicksal, das bei Ausbruch der Ferien Tausende von Hunden ereilt und ein Dauerbrenner der Massenmedien im Sommerloch ist.
Das große Sterben der Alten hat keiner kommen sehen. Als man sie abholte, waren die Kühlschränke geöffnet. Seit Tagen hatte des Telefon nicht geläutet. Sie starben so massenhaft, daß die Bestattungsinstitute und die Priester mit dem Verbrennen und dem Begraben nicht mehr nachkamen. Vierzehn Tage Wartefrist. In Rungis, dem Großmarkt bei Paris, hat man einen riesigen Kühlraum für Nahrungsmittel als Leichenhalle verwendet. Auch in Lastwagen wurden die Toten im Dutzend aufgebahrt. Nach Hunderten von ihnen hat sich niemand erkundigt.
Hilft Zynismus gegen den Tod?
Ein Notarzt hatte Alarm geschlagen - aber zur Kenntnis nahm die Öffentlichkeit ihre Katastrophe erst, als die Opposition der Regierung vorwarf, nichts gegen die Hitze unternommen zu haben. Erste Hochrechnungen wurden mit dem Argument vom Tisch gefegt, daß jede Grippewelle im Winter schlimmer sei. Momentan gilt die Zahl von zehntausend Hitzeopfern - dreimal mehr als in den Trümmern der Twin Towers. Der Minister hat seinen höchsten Beamten entlassen und den eigenen Kopf gerettet. "Gibt es wirklich keinen Zusammenhang zwischen der ultraliberalen Logik und der Unfähigkeit der staatlichen Institutionen, auf einen Hitzeanfall zu reagieren?" räsonierte ein Kolumnist.
In Marseille weiß man es besser. Seit der Hitzewelle von 1983 beugt man vor. Der Arzt Jean-Louis San Marco bearbeitet die Familien und die Bekannten: "Geht zu euren Vorfahren, sagt ihnen, daß ihr sie liebt und behalten wollt, daß sie sich regelmäßig die Haut benetzen sollen." Damit ist es gelungen, die Sommersterblichkeit zu reduzieren: "Wir haben zwanzig Jahre Vorsprung. Wenn im Sommer die Sterblichkeitsrate zunimmt, müßte sie danach sinken. Das ist nicht der Fall. Die Opfer der Hitze sind tatsächlich überflüssige Tote. Es ist zynisch zu sagen, sie wären sowieso gestorben." Auch in Portugal, Spanien, Italien waren offensichtlich sehr viel weniger Menschenleben zu beklagen.
"Dieses Drama ist bezeichnend für unsere Mentalität", kommentiert der Schriftsteller und Arzt Martin Winckler. Er nennt das leichtfertige Stillegen mit Beruhigungs- und Schlafpillen - in deren Verabreichung Frankreich Weltmeister ist - als einen der möglichen medizinischen Gründe für die Katastrophe. "Frankreich ist übermäßig zentralisiert und übermäßig individualisiert. Daß man ständig dem Staat sein Versagen vorwirft, ist symptomatisch. Wir wollen bemuttert werden. Die Franzosen bleiben permanent von ihren Eltern - den wirklichen und den symbolischen - abhängig. Das führt dazu, daß man sie schlußendlich haßt. Und wenn sie alt und ihrerseits abhängig werden, verstößt man sie. Und läßt sie sterben." Der Staat ist eine "Big Mother". Bauern werden für Ernteausfälle großzügig entschädigte - 500 Millionen sind versprochen worden. Als es nicht genügend regnete, erfand man eine "Trockenheitssteuer". Nach Tschernobyl wurde das Volk, das sein Vertrauen in den Atomstaat nicht verlieren durfte, systematisch belogen. Als Mitte August die Meteorologen sinkende Temperaturen voraussagten, hielt das manch einer für eine Manipulation der Regierung, welche die empörten Franzosen beschwichtigen wolle. Soeben versprach der Premierminister staatliche "Maßnahmen gegen die Vereinsamung".
Hitzewellen hat es in Frankreich regelmäßig gegeben. 1636 forderten sie eine halbe Million, 1718 rund 700 000 Tote. Diese Zahlen stehen in Emmanuel Le Roy Laduries "Geschichte des Klimas". Eine Hitzeperiode im Sommer 1788 mit viel zuviel Regen im Herbst führte zu den Höchstpreisen für das Brot im Jahre 1789 - und zur Revolution. Ein ähnliches Szenario beobachtete der Historiker in den zwei Jahren vor 1848. Die Hitze, lehrt man bei Le Roy Ladurie, ist ein Motor der Geschichte.
Regelt das Wetter die Freizeit?
Nach der Revolution hat Paris der Welt auch die zivilisatorische Errungenschaft Urlaub beschert. Ferien gab es zunächst nur im September, wenn die Großgrundbesitzer aus der Stadt aufs Land zogen, um die Ernte zu überwachen. Die Kinder bekamen schulfrei, um dabei zu helfen - so begannen die Sommerferien. "Weil die Franzosen einen hochentwickelten Sinn für die Familie haben, nahmen schließlich auch die Eltern Urlaub", erklärt Le Roy Ladurie. Die Volksfront führte 1936 die bezahlten Ferien ein. Eine vierte Ferienwoche beschloß das Parlament nach dem Mai 68. Erst damit wurden die Ferien zum gesellschaftlichen Phänomen. Es kam zu den ersten Staus auf den neuen Autobahnen. Noch immer fahren die Arbeiter und kleinen Angestellten vorwiegend im Juli in die Ferien. Die Mehrheit aber und die oberen Schichten nehmen ihren Urlaub im August.
Heiß war es schon im Juni und im Juli - doch das große Sterben der Alten in den Städten setzte in den ersten Augusttagen ein. Das Vakuum an der Spitze des Staats fiel weniger ins Gewicht als das Fehlen der Familien und die Abwesenheit des Pflegepersonals. Die 35-Stunden-Woche hat das Gesundheitswesen vor unlösbare Probleme gestellt. Noch hat niemand vom sanft totalitären "Ferienfaschismus" der Freizeitgesellschaft gesprochen. In der exzessiven Hitze offenbarte sie ihre Eiseskälte gegenüber den Ausgeschlossenen. Um ihre Ausweitung ging es bei den sozialen Konflikten. Gestreikt und demonstriert wurde nicht für ein Recht auf Arbeit oder mehr Lohn, sondern gegen die Rentenreform und die Regelung der Arbeitslosigkeit im Kultursektor. Es geht um die Bezahlung der Zeit, während der nicht gearbeitet wird. Sie nimmt zu - parallel zur Überalterung der Gesellschaft. Die Hitze als Motor der Geschichte - vielleicht kann sie diese Entwicklung ein bißchen bremsen.
Nadine Trintignant wird ihren Film, den sie in Frankreich wegen der Streiks möglicherweise gar nicht hätte drehen können, fertigstellen und in die Kinos bringen. Den Verlust eines ersten Kindes hatte sie vor Jahrzehnten in einem eindrücklichen Werk verarbeitet. "Seit einem halben Jahrhundert sind die Trintignants auf unseren Bühnen und Bildschirmen omnipräsent", kommentierte "L'Express" den Taumel der Betroffenheit. Das ganze Land kannte ihre Geschichten und Familiengeheimnisse: "Der Tod in Vilnius berührt alle Generationen." Auch die Jugend: Die CDs von "Noir Désir" schlagen in diesen Wochen ihre eigenen Verkaufsrekorde. Das Beziehungsdrama mit tödlichem Ausgang bleibt die emblematische Familientragödie der Saison.
Inzwischen glaubt selbst der gelassene Historiker Le Roy Ladurie, für den es unter der Sonne eigentlich nichts neues geben kann, an eine gefährliche Erwärmung der Erde. Nachdem die Ernährungslage der Nation von übermäßigen Regenfällen und Trockenperioden unabhängig geworden war und weitere Revolutionen ausblieben, interessierte sich die urbane Bevölkerung kaum mehr für das Wetter. Le Roy Ladurie wurde belächelt, als er das Klima historisierte. Seither ist der ausschweifende Wetterbericht als Gebrauchsanleitung für die Freizeitgestaltung zum Ersatz für das tägliche Gebet geworden. Jetzt bekommt er eine neue Bestimmung: Er bringt die Warnungen von der Front der bedrohlichen Natur. Das unbarmherzige Wetter wird zum Vorboten der Klimakatastrophe hochstilisiert. Doch die realistischere Prophezeiung dieses Sommers ist eine ganz andere: Die Apokalypse der Alten eröffnete einen Ausblick auf die gar nicht mehr so fernen gesellschaftlichen Zustände nach der triumphierenden demographischen Revolution.
Von den ausgesetzten Hunden hat aus Gründen der Pietät in diesen Wochen niemand gesprochen.
JÜRG ALTWEGG