15.01.2009 · Frankreich traut seiner Jugend nicht. Wie auf ministerieller Ebene mit ihr verfahren? Sarkozy möchte ein „Hochkommissariat für die Jugend“ schaffen. Das klingt schon so, als würde man die gesamte Jugend für einen Sozialfall halten.
Von Jürg AltweggAuch in Frankreich ist der Jugendkult grenzenlos. Nicht weniger stark verbreitet ist allerdings auch das Unbehagen an der Jugend. In der Politik äußert es sich als latente Angst vor ihr: Mai 68, die Unruhen in den Vorstädten, die ewigen Streiks und Demonstrationen der Schüler – und soeben das Beispiel Griechenland! Die weltfremde Jugendpanik der Politiker hat jetzt wieder einmal eine jener unsäglichen, unseligen Institutionen hervorgebracht, die Sarkozys Markenzeichen sind.
Kabinettstechnisch ist die Jugend nicht beim gigantischen Unterrichtsministerium angesiedelt, sondern dem bescheidenen Ministerium für Sport bei- und untergeordnet. Dieses wird vom früheren Trainer der Rugby-Nationalmannschaft, Bernard Laporte, geleitet. Ihm ist die Zuständigkeit für den Bereich und damit für die Zukunft des Landes entzogen worden.
Die ganze Jugend ein Sozialfall?
Ein eigenes Ministerium? Lieber würde der Präsident jenes für die Kultur abschaffen. Daraus hat er bei seiner siebten oder achten Neujahrsansprache, vor den Kulturschaffenden, keinen Hehl gemacht. Etwas Neues musste her, ein „Hochkommissariat für die Jugend“ wird es sein, nach dem Vorbild des „Hochkommissariats der aktiven Solidarität gegen die Armut“. Geleitet werden beide von Martin Hirsch, der als Emmaus-Präsident einer der Nachfolger von Abbé Pierre ist. Als semantische Schöpfung erweckt das Hochkommissariat unweigerlich den Eindruck, dass die Regierung ihre Jugendlichen als Sozialfall und wie Flüchtlinge im eigenen Land betrachtet. Ganz abgesehen von der abschreckenden Wirkung auf die kleine Minderheit der wirklich problematischen Jugendlichen, die ein Hochkommissariat für die Steigerung von Kommissariat halten.
Mehr Verständnis hat Sarkozy mit seinem Versprechen, die Fahrprüfung zu vereinfachen, gefunden. Der Erwerb des Führerscheins wird als staatlich geschützte Abzockerei und Demütigung durch besserwisserische Beamte empfunden. Jeder Zweite fällt durch, muss monatelang auf einen neuen Termin warten und wird nochmals zur Kasse gebeten. Wie ernst es Sarkozy mit der Erziehung der Jugend nicht nur auf der Straße ist, hat er nochmals unterstrichen. Anlässlich der Neujahrswünsche an die Kulturschaffenden des Landes verkündete er im Namen seiner zivilisatorischen Mission für sie eine weitere Maßnahme, die von der verständnislosen Kulturministerin abgelehnt wird: Bis zum Alter von fünfundzwanzig Jahren bekommen die Jugendlichen Gratiseintritt in alle Museen.