28.01.2010 · Zum Durchbruch fehlt dem iPad nur noch die Kleidung für das bequeme Mitführen des Geräts, meint der französische Medientheoretiker Jacques Attali. Ansonsten schicke sich das iPad an, die übrigen Nomadengeräte zu vereinen.
Von Jürg Altwegg„Die Verleger müssen umgehend ihr Geschäftsmodell überdenken.“ Jacques Attali kann die aufkommende Goldgräberstimmung nicht wirklich verstehen: „Kataloge, Magazine, Zeitungen, Bücher werden sich noch weniger auf die unbestreitbaren Vorzüge des Papiers stützen können.“ Attali erinnert daran, wie vor zehn Jahren das E-Book verspottet wurde: „Mit dem iPad ist es endgültig da. Für die Autoren wird es möglich, ohne große Investitionen ihre Werke selbst zu publizieren. Der iPad wird die Ökonomie des Schreibens und der Bilder noch gründlicher verändern.“
Jacques Attali ist an der französischen Version des Internetportals Slate beteiligt und gehört zu den aufmerksamsten Beobachtern einer globalisierten „Gesellschaft von Nomaden“ und ihrer Geräte: „Mit dem iPad sind es nun vier: das Handy zum Kommunizieren, der iPod für die Musik, der Laptop zum Schreiben und der iPad für Bücher, Zeitungen, Filme.“ Jedes dieser Geräte erfüllt ein grundsätzliches Bedürfnis – Bibliothek, Schallplattensammlung, Fotoalbum, Cinemathek – und geht auf frühere Erfindungen zurück. „Neu ist, dass man alles speichern und mitnehmen kann.“ Der iPad sei eine „absolute Notwendigkeit“, er kombiniert technische Errungenschaften und kulturelle Eigenschaften. Er erleichtert den Zeitgenossen das Leben: Es geht um das Reden, Hören, Schreiben, Sehen – um das Empfangen und das Teilen von Werken, Informationen, Emotionen.
So, wie das iPhone den iPod überlagert, könnte der iPad die anderen Nomadengeräte ersetzen. „Für das Schreiben und Zeichnen macht er den Laptop überflüssig. Wenn man über Kopfhörer auch telefonieren und Visiokonferenzen veranstalten kann, wird er vielleicht sogar zur Gefahr für das Handy.“ Obwohl „eigentlich ein E-Book“, ist er für Attali eine fast perfekte Synthese, das Gerät zum Arbeiten, für den Kulturkonsum, Lernen und Unterhaltung. Dem E-Learning sagt Attali eine große Zukunft voraus. Zum Durchbruch fehlt nur noch die Kleidung für das bequeme Mitführen des Geräts. Auch daran werde Apple denken und verdienen: „Das wird Steve Jobs’ nächster Geniestreich.“ Jacques Attali vergleicht ihn mit Thomas Edison.