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Dienstag, 18. Juni 2013
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Frankreich Metaphysik der Renten

 ·  Frankreichs Jugend streikt für die Zukunft der Alten. Dabei geht es weniger darum, diese zu schützen. Es herrscht eher die Angst, später selbst keine Arbeit zu finden, wenn die Alten verfügbare Jobs besetzen.

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In Frankreich spielen sich wieder einmal surrealistische Szenen ab. Die Jugendlichen sind auf der Straße und verteidigen mit zunehmender Gewalt die Renten der Alten. Viel könne man zur Reform sagen, schreibt Jean-François Couvrat in „Marianne“: „Aber eine demographische Notwendigkeit ist sie ganz sicher nicht.“ Für den Demographen Emmanuel Todd ist alles noch viel schlimmer: „Wir stecken in einer tiefen Krise. Jetzt über Renten zu debattieren, ist total sinnlos. Wie kann man Menschen, die schon ein gewisses Alter erreicht haben, noch länger arbeiten lassen wollen, wenn man nicht in der Lage ist, den Jugendlichen Arbeit zu geben? Die Regierung tut so, als ob ihre Reform pragmatisch und unumgänglich sei. Ihr Verhalten ist wirklichkeitsfremd.“

In ihrem eigenen Interesse müssten die Jugendlichen nicht gegen, sondern für die Reform demonstrieren, stellt ein Regierungssprecher verzweifelt fest. „Und überhaupt, es gibt keine Jugendbewegung. Nur zehn Prozent der Mittelschüler streiken. Wo sind die Studenten? In den Hörsälen, vernünftig geworden.“ Den Minderjährigen müsste man ohnehin das Demonstrieren verbieten, fordert der Abgeordnete Jean-Christophe Lagarde vom „Nouveau Centre“: Sie würden von den Trotzkisten manipuliert.

„Gesellschaft hält Türen verschlossen“

Es geht den Jugendlichen nicht um die Renten, auf die sie in 45 Jahren hoffen können. Ein Motiv allerdings hat sie mobilisiert, glaubt der Soziologe Olivier Galland fest: „Wenn die Alten länger arbeiten, gibt es für uns noch weniger Arbeit.“ Zwanzig Prozent Jugendarbeitslosigkeit, dazu Wohnungsnot. „Siebzig Prozent der Dreißigjährigen arbeiten mit einem zeitlich befristeten Vertrag“, sagt der Soziologe: „Für die Jugendlichen hält die Gesellschaft die Türen verschlossen.“ Galland deutet die Revolte nach historischem Muster als Integrationsversuch einer neuen Generation – man hielt die Tradition für überwunden.

Geführt wird die Rentenreform vom Minister Eric Woerth, der – zusammen mit seiner Frau, einer Vermögensberaterin – im Zentrum des Milliardenskandals um die reichste Französin steht. Der Konflikt verkommt zum Klassenkampf, in dem außer der Jugend alle Beteiligten ihre Interessen vertreten. Der Regierung gehe es darum, den „Anteil des nationalen Reichtums für die Rentenfinanzierung“ zu reduzieren, behauptet Couvrat. 13,5 Prozent des Bruttosozialprodukts werden dafür aufgewendet. Das ist etwas mehr als in anderen Ländern, aber gleich viel wie schon 1996. Nur unwesentlich würde dieser Prozentsatz bis 2035 ansteigen und dann bis 2060 wieder kontinuierlich sinken.

Es geht um zwei Jahre

Anständige Renten sind für Emmanuel Todd ein Instrument, das den Konsum aufrechterhält. „Früher streikte man für die Gehälter, dann für den Erhalt der Fabriken, die Abfindungen. Jetzt geht es um die Renten“: Die Versteifung auf die Zeit nach dem Arbeitsleben sei ein Indiz für die hoffnungslosen Zustände in der Welt der Arbeit.

Todd will zur Sicherung der Arbeitsplätze einen europäischen Protektionismus. Auf die Krise habe man zunächst bestens reagiert. Jetzt brechen die wirtschaftspolitischen Differenzen erneut aus: „Frankreich unterwirft sich dem Spardiktat aus Deutschland, dessen Bevölkerung im Durchschnitt vier Jahre älter ist als die französische.“ Lagarde hält mit Griechenland dagegen: „Der einzige Staat, der die Rentenreform nicht anpackte – mit den bekannten Folgen.“ Das Rentenalter wurde von 60 auf 67 Jahre erhöht. Für Frankreich geht es um zwei Jahre. Auch im Fernsehen fliegen die Fetzen. Todd warf Sarkozy ein „Agieren gegen die Verfassung“ vor. „Le Monde“ fasste die Diskussion zusammen: „Die Metaphysik der Renten“. Sie bleibt das Geheimnis der Franzosen.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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