Praktisch rund um die Uhr sendet CNN „Paris is burning“, die Bilder sind schrecklicher als alles, was der Nachrichtenkanal je von den Kriegen der Vereinten Staaten zeigen konnte. Zustände wie in Bagdad und im Gazastreifen? Für Moskau haben nun auch die Franzosen ihr Tschetschenien. Die Portugiesen kündigen an, daß sie den Schutz ihrer Gastarbeiter garantieren wollen. Die Franzosen selber bescheren zumindest ihrem Frühstücksfernsehen, das jeden Morgen die ständig gleichen neuen Bilder von der Front der Flammen auftischt, neue Einschaltrekorde.
Frankreich ist ein hysterisches Land - immer wieder wurden in der jüngsten Vergangenheit die Angstgefühle geschürt und Debatten als rhetorische Kriegsführung geführt: über den Antisemitismus, die europäische Verfassung, die Einwanderung, le Pen, das Kopftuch, den Krieg im Irak. Kleinste Zwischenfälle wurden zu Staatsaffären hochgespielt. Zum Beispiel Attentate, die sich als Selbstinszenierung der imaginären Opfer erwiesen. Jetzt, wo Autos zu Tausenden abgefackelt werden und Schulen wie Lagerhallen in Flammen aufgehen, bleibt das Land merkwürdig ruhig.
Eine grundsätzliche Erfahrung
Seit ein paar Tagen hören selbst die Politiker auf, für die Vorfälle und Zustände das andere Lager verantwortlich zu machen. Und noch schweigen die Intellektuellen - was nicht nur mit den Herbstferien begründet werden kann. Sie sind sprachlos und vertrösten für Stellungnahmen auf die kommenden Tage. In der Stunde der Wahrheit gibt sich Frankreich gelassen. Seine kulturelle und politische Elite hatte in jugendlichen Jahren den Mai 68 erlebt. Viele standen selber auf den Barrikaden, warfen Steine und zündeten Autos an. Daß Rebellen und Revolutionäre schon morgen die Macht ausüben, ist eine grundsätzliche Erfahrung: sie geht auf 1789 zurück und hat sich nach der Résistance wie nach dem Mai 68 bestätigt. Man kann es praktisch von jeder Generation feststellen.
1968 herrschte mehr Panik in Frankreich als jetzt - und niemand hat damals die gesellschaftliche Integration und Wandlungsfähigkeit der Maoisten, Trotzkisten, Castristen vorausgesehen. Außer den Rechtsextremisten um Le Pen, die gegenwärtig in den großen Medien keinerlei Gehört finden, beschwört niemand den Krieg der Kulturen. Gleichwohl müssen die Ereignisse unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden. Im vergangenen Frühling hatten bei Demonstrationen streikender Schüler schwarze Jugendliche gezielt weiße Franzosen angegriffen und mit extremer Brutalität verprügelt.
Ein kolonialistisches Relikt
In den Vorstädten gehe der Kolonialismus weiter, behauptet die Bewegung „Einheimische der Republik“, denen sich Linke und Grüne angeschlossen haben. Für sie sind die Banlieues Ghettos, in denen der Kolonialismus weitergeht. Die „soziale Apartheid“ entspreche der Rassentrennung. In ihrem Manifest werden Polizisten als Besatzungstruppen bezeichnet. Sozialarbeiter, Lehrer, Erzieher gelten - wie die Missionare - als Helfershelfer der Ausbeuter. Jetzt wird Widerstand geleistet: Von den „Einheimischen der Republik“ wurde er im voraus legitimiert. Mit der Kausalität der Worte und Taten ist Vorsicht geboten. Doch die Gewaltausbrüche erscheinen durchaus als Begleitprogramm der Auseinandersetzungen um die Hinterlassenschaft des Kolonialismus und des endlich thematisierten Algerienkriegs.
Geschürt wurde dieser Kulturkampf durch das Parlament, das eine „positivere“ Darstellung in den Schulbüchern verlangt. Angestoßen wurden die Diskussionen von den Minderheiten, die sich von der Bewältigung der Vichy-Vergangenheit ausgeschlossen fühlen. Beobachter sprechen von einer „Konkurrenz der Opfer“. Gegen die Shoah-Zeremonien führen sie den Sklavenhandel ins Feld. Es waren die islamistischen Theoretiker um Tariq Ramadan, welche diese Kampfrichtung nach dem Verbot des Kopftuchs einschlugen und zu einer Intifada aufforderten. Die islamischen Institutionen spielen gegenwärtig eine besänftigende Rolle.
Revolutionäre Gelassenheit
Der Aufstand, wie spontan auch immer er sein mag, hat keinerlei antisemitische Stoßrichtung. Mit dem Mai 68 hatte die Vergangenheitsbewältigung begonnen. „Wir sind alle deutsche Juden“ riefen damals die Aufständischen und solidarisierten sich mit Danny Cohn-Bendit. Den Theoretikern vom „Ende der Revolution“ galt 1968 als letzte Revolte. Über die revolutionären Kämpfe waren aber immer auch Ausländergruppen integriert worden - keineswegs nur durch den Antifaschismus. Das Verpuffen der revolutionären Dynamik hat die Integrationskräfte geschwächt und der Kolonialkrieg die Fronten verwischt. Die fremdenfreundliche Linke tat sich schwer mit den Einwanderern aus dem „antikolonialistischen“ Algerien, auch mit den Dissidenten im Osten.
Die Ereignisse stürzen Frankreich in den Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit. Sein republikanisches Modell steckt sehr wohl in der Krise - aber von der historischen Tradition zweier Jahrhunderte überlebt wohl nicht nur die revolutionäre Gelassenheit. Die Geschichte - und ihre Rückkehr - erlaubt eine optimistischere Deutung der anhaltenden Krawalle: die Revolte als Anfang einer verbesserten Integration und Grundlage einer neuen Republik.